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12.04.2021 |  Annette Raschner

Die Korrumpierbarkeit der Masse - Neuer Roman von Jürgen Thomas Ernst

Jürgen Thomas Ernst liebt die Natur und die Poesie, und er hat keine Angst, von großen Gefühlen zu schreiben; seine letzten Romane zeugen davon. In „Das Wasserkomplott“ verhält es sich anders. Denn der in Vorarlberg lebende Schriftsteller und Förster legt damit seinen ersten Kriminalroman vor. Er ist im deutschen Gmeiner Verlag erschienen.

„Und als er nicht weit entfernt die ockerfarbenen Heidelbeerstauden sah, die wie ein riesiger Teppich das Gelände bedeckten, wusste er, dass er genau das immer gewollt hatte. So oft wie möglich in der Natur zu sein und den Rhythmus der Jahreszeiten zu spüren.“
Sätze wie diese kennt man von Jürgen Thomas Ernst. Aber sie kommen in seinem Buch eher selten vor. Denn im Zentrum stehen diesmal ein Mann und zwei Themen: Naturschutz und Manipulation. Welche Verbindung die beiden letzteren eingehen, davon erzählt der knapp 300 Seiten starke Roman.

Zu schön, um wahr zu sein?

Jürgen Thomas Ernst verweist ins Reich der Utopie, denn im realen Leben werden uns, wie wir alle wissen, nicht alle Wünsche erfüllt. Doch das Umweltaktivistenpaar Amanda und Fynn wähnt sich schnell am Ziel seiner Träume; zu drängend sind ihr jugendlicher Enthusiasmus und ihr überbordender Idealismus, um nötiger Skepsis Raum zu geben.
Die betagte Witwe eines vermögenden Fabrikanten erfährt vom Engagement der beiden hinsichtlich eines Hochmoors, das Gefahr lief, trockengelegt zu werden. In ihrem Testament verfügt sie, dass die beiden zu den Alleinerben eines riesigen Naturschutzgebietes werden. Amanda und Fynn sollen künftig frei darüber verfügen können; mit der Auflage, dass im gesamten Gebiet keine Bauwerke und keine Straße errichtet werden. Das Paar gründet daraufhin einen Verein mit dem Codenamen „die Familie“; bereits in kürzester Zeit hat er 300 Mitglieder.

bad guy / good guy

Bei einem Treffen des Vereins meldet sich Max Bonnermann zu Wort. Er, der einst so erfolgreiche, wortgewandte PR-Berater, präsentiert sich geläutert und möchte nun ganz im Dienst der Natur stehen. Seine Rede hat zur Folge, dass er noch am gleichen Abend in den Beirat gewählt wird.
„Wenn er einen Raum betrat, der mit Menschen überfüllt war, wurde es plötzlich leise und die Köpfe drehten sich in seine Richtung. Von Anbeginn musste er nicht auf die Mitglieder der Familie zugehen, um ein Teil von ihnen zu werden, sondern die Mitglieder kamen auf ihn zu, um ein Teil von ihm zu werden.“
Mit Max Bonnermann tritt ein Unterstützer auf den Plan, der die Popularität des Vereins in schwindelerregende Höhen treibt und nicht nur dessen Mitglieder von der Vision eines Schutzgebietes der sieben Täler überzeugt. Auch die Medien sind auf seiner Seite, zumal seine Ideen von Originalität und Mut zeugen. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, nur ein paar Landwirte beginnen aufzumucken.

Die Sache mit den Post-its

Jürgen Thomas Ernst ist ein akribischer und sehr strukturierter Autor. Bevor er mit dem Schreiben beginnt, recherchiert er meiste lange. Für dieses Buch waren es zwei Jahre, in denen er sich mit Fragen von Manipulierbarkeit und mit Formen von stiller Gewalt auseinandergesetzt hat. Im Anschluss folgte eine Phase, in der er die Geschichte zunächst auf gelben Post-it-Zettelchen skizziert hat. Mit den neunzig Post-its, die Jürgen Thomas Ernst schließlich an die Wand pinnte, hangelte er sich sukzessive von Szene zu Szene, bis alle 31 geschrieben und die Rohfassung in weniger als hundert Tagen fertig war.

NLP-Geschwätz gepaart mit Charisma

Bis das Schutzgebiet der sieben Täler Realität geworden ist, muss Max Bonnermann viele Reden schwingen; für mich als Leserin eindeutig zu viele. Gerade in Zeiten der Pandemie kann man sie doch schon wirklich nicht mehr hören: die vielen „großen“, aber letztlich gänzlich leeren Worte der Mächtigen. Wie unendlich ist zurzeit die Sehnsucht nach Anderem; ja, zum Beispiel nach Poesie!

Ambivalenter Leseeindruck

Wie viel lieber würde man dem Paar Amanda und Fynn in seiner Entwicklung weiter folgen, aber die beiden bleiben schemenhaft und werden ab einem gewissen Punkt aufgrund ihrer uneingeschränkten Begeisterung für nahezu alles, was aus dem Mund des Max Bonnermann kommt, unglaubwürdig. Als Leserin hat man die Problematik des Steins, der ins Rollen gerät, jedenfalls längst erkannt. Hinzu kommt die Tatsache, dass die Kriminalhandlung nur äußerst langsam an Fahrt aufnimmt. Die ersten hundert Seiten lesen sich wie ein etwas zu kitschig geratenes Märchen über die gelungene Rettung von Mutter Natur, und erst dann geht es so richtig los.
Er selbst sehe sein Buch als ein Plädoyer für differenziertes, perspektivisches Denken, sagt der Autor. Dieses Anliegen wird deutlich, wäre aber um vieles feiner und weniger plakativ zur Geltung gekommen, wenn zumindest eine Person (Amanda? Fynn?) mit dieser Fähigkeit vom Autor ausgestattet worden wäre. Denn wenn alle in die gleiche Falle tappen, bleibt nun einmal die Spannung aus.

Annette Raschner ist Redakteurin des ORF-Landesstudios Vorarlberg

Jürgen Thomas Ernst: Das Wasserkomplott, Gmeiner-Verlag, Meßkirch 2021, Taschenbuch, 279 Seiten, ISBN: 978-3-8392-2806-7, € 13

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