Kris Lemsalu im Magazin 4 im Rahmen des Bregenzer Kultursommers (Foto: Magazin 4)
Markus Barnay · 09. Jul 2016 · Literatur

"Der Faschistengruß war etwas befremdend für uns" - Mehr als 20 Jahre nach seinem Tod wird Leben und Werk des Bregenzer Bürgermeisters (1950-1970) Karl Tizian gewürdigt

Wäre der Platz vor dem Kunsthaus nicht nach ihm benannt, wer weiß, ob Karl Tizian in Bregenz heute noch präsent wäre. Dabei war er nicht nur zwanzig Jahre lang Bürgermeister der Landeshauptstadt, sondern ebenso lang Abgeordneter (1954 bis 1974) und zehn Jahre lang Präsident (1964 bis 1974) des Vorarlberger Landtags. Doch im Gedächtnis blieb Tizian vielen vor allem wegen seiner größten Niederlage: Bei den Gemeinderatswahlen 1970 büßte seine ÖVP so viele Stimmen ein, dass er das Bürgermeisteramt an seinen Konkurrenten Fritz Mayer (SPÖ) verlor. Seine Gegner bei dieser Wahl waren nicht nur SPÖ und FPÖ, sondern auch eine Bürgerinitiative und die Vorarlberger Nachrichten, von Tizian damals schon als „Rußkonzern“ bezeichnet. Er hatte nämlich in der „Autobahnfrage“, also der Diskussion über die zukünftige Trasse einer Autobahnverbindung zwischen Deutschland und dem Vorarlberger Rheintal, die Linie der ÖVP-Landesregierung vertreten, und die wollte eine Autobahn am Bregenzer Seeufer bauen lassen, die nur im Stadtgebiet von Bregenz unter die Erde verlegt werden sollte – die sogenannte „Unterflurtrasse“.

Enkel eines „Welschen“


Die Geschichte dieser Autobahn, die ja in Folge des Regierungswechsels in Bregenz und in Wien (dort hatte im gleichen Jahr Bruno Kreisky das Amt des Bundeskanzlers erobert) schließlich doch noch in den Pfänder verlegt wurde, wird von Meinrad Pichler in einem Buch nachgezeichnet, das im Juli erscheint und das erstmals Leben und Werk des ehemaligen Bregenzer Bürgermeisters umfassend würdigt. Geboren wurde Tizian im April 1915, wenige Monate nach dem Tod seines gleichnamigen Vaters, der zu den vielen Soldaten gehörte, die schon gleich nach Beginn des Ersten Weltkriegs ihr Leben verloren. Dass Karl Tizian mehr als 40 Jahre später als ÖVP-Abgeordneter einige der höchsten Ämter des Landes bekleiden durfte, ist nicht ganz selbstverständlich: Sein Großvater hieß nämlich Giovanni Tizziani, stammte aus der damals noch zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörenden Provinz Belluno in Venetien und war als Maurer und Eisenbahner beim Bau der Arlbergbahn (1880-1884) tätig gewesen. Und „Welsche“ wie er wurden von den damaligen christlichsozialen Abgeordneten, aber nicht nur von ihnen, noch argwöhnisch betrachtet und nach Möglichkeit ausgegrenzt. Aber schon Tizzianis Sohn schaffte den gesellschaftlichen Aufstieg und wurde nach dem Studium der Geografie und Geschichte Professor am Gymnasium, ehe er den Kriegsgelüsten der Habsburger zum Opfer fiel. Karl junior wiederum maturierte am Privatgymnasium Mehrerau und studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Innsbruck, ehe er in den Tabakverlag seines Großvaters mütterlicherseits eintrat. Dieser „Tabak-Haupt-Verlag“ in der Bregenzer Rathausstraße war übrigens jener Ort, an dem der Name Tizian auch nach dem Ende von Karls politischer Karriere noch lange präsent war.

Glühender Anhänger von Dollfuß


Dass Karl Tizian während seines Studiums glühender Anhänger des austrofaschistischen Bundeskanzlers Dollfuß war (nach der ersten persönlichen Begegnung mit Dollfuß notierte er in sein Tagebuch:
Der Händedruck und dieser Blick waren mir ein Eindruck, der sich tief in meine Seele legte”), schildert Leo Haffner in seinem Beitrag, erwähnt aber auch die kritische Haltung Tizians zu manchen Erscheinungsformen des „autoritären Ständestaates” (Der Faschistengruß war etwas befremdend für uns)” und Tizians unmissverständliche Distanzierung vom Nationalsozialismus (Es ist nicht mehr ratsam, alles zu sagen, was man denkt, geschweige denn zu schreiben”). Vor allem widmet sich Haffner aber dem Kontrast zwischen der Lebensgeschichte und dem ideologischen Rüstzeug von Tizian und seinem späteren Gegenspieler in der Landespolitik, dem „Wendehals“ Elmar Grabherr, der 1945 vom Nationalsozialisten zum Föderalisten und Propagandisten eines völkisch-alemannischen Rassismus mutierte und als oberster Beamter unter Landeshauptmann Ulrich Ilg die Fäden in der Landesregierung zog.

Leidenschaften Berg und Kultur


Ausführlich gewürdigt werden im Buch über Tizian aber seine größten Leidenschaften – die Liebe zu den Bergen (geschildert an Hand eigener Erlebnisse von seinem Enkel Boris Marte, früherer Kulturmanager und heutiger Banken-Entwicklungschef in Wien, und eingebettet in eine Analyse der einschlägigen Tagebucheinträge durch den Kulturwissenschafter Bernhard Tschofen) und zur Kultur. Tizians größte und bleibende Leistung war nämlich zweifellos die Entwicklung der „Kulturstadt“ Bregenz: er förderte die Bregenzer Festspiele, als diese in der Landesregierung noch mit großem Argwohn betrachtet wurden (wegen der vielen Wiener Künstler und des Besuchs tausender Ausländer), ließ das Kornmarkttheater errichten und das Palais Thurn und Taxis zum „Künstlerhaus“ umbauen, und bestellte 1955 den Autor und Kunsthistoriker Oscar Sandner als Leiter eines eigenen Kulturamtes, das mit moderner und innovativer Kulturarbeit viel vorweg nahm, was erst Jahrzehnte später zum Alltag in Vorarlberg werden sollte. Widerstand kam dabei nicht nur aus den eigenen Reihen der ÖVP, sondern immer wieder auch von den „Vorarlberger Nachrichten“, wie eine Tagebucheintragung über eine Aufführung von Bert Brechts Dreigroschenoper im Jahr 1956 zeigt:
Sehr gute und ausgleichende Inszenierung. […] Aber die Märe ist manchmal hart und Bert Brecht war ja zu Lebzeiten Kommunist. Deswegen wollte uns der Rußkonzern […] zum Absetzen des Stückes zwingen, drohte mit Skandal und Demonstrationen. Wir blieben fest, es wäre zu viel Präjudiz gewesen. Und das Publikum ist einverstanden damit.”

Hommage an Oscar Sandner?


Ein Rätsel bleibt allerdings: Warum wird ein Buch, das „anlässlich des 100. Geburtstages von Karl Tizian“ erscheint, erst im Juli 2016 präsentiert, obwohl der doch im April 1915 zur Welt kam? Ist das vielleicht eine Hommage an die Ära von Oscar Sandner als Kulturamtsleiter, über den Karl Tizian 1967 schrieb:
Katalog ist endlich herausgekommen. Die Verspätung ist ein schwerer Schaden für unsere Ausstellung, denn Presse und Besucher warteten umsonst darauf. Dr. Sandner ist, bei all seinen Fähigkeiten, halt einfach unsystematisch”?

 

Karl Tizian. Bürgermeister von Bregenz 1950 bis 1970
Buchpräsentation
17.7., 11 Uhr
Vorarlberger Landestheater, Foyer, Bregenz

 

Karl Tizian. Bürgermeister von Bregenz 1950 bis 1970., Hrsg. vom Amt der Landeshauptstadt Bregenz, 188 Seiten, 98 Abbildungen. 22 Euro, ISBN 978-3-903023-10-9, Bertolini-Verlag, Bregenz