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Ingrid Bertel · 17. Apr 2018 · Literatur

Der doppelte Beschinsky - „Maneks Listen“ von Niko Hofinger

Im Jahr 1987 stirbt, hochdekoriert, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde für Tirol und Vorarlberg, Ernst Beschinsky, Professor im Ruhestand, Träger des Ehrenzeichens für Verdienste um die Befreiung Österreichs. Von seiner verborgenen Lebensgeschichte weiß zu diesem Zeitpunkt niemand. Niko Hofinger erzählt sie jetzt neu, als faktensatten Roman, der im entscheidenden Augenblick nach Hohenems führt.

Im Winter 2012, fast 30 Jahre nach Beschinskys Tod, kommt ein israelisches Filmteam nach Innsbruck. Dokumentarfilmer Yair Lev hat eine Frage: Wie kommt es, dass Ernst Beschinsky genau gleich heißt wie sein Großvater? Wie ist es möglich, dass er am gleichen Tag in der gleichen Stadt, nämlich Wien, geboren wurde? Die Kultusgemeinde verweist ihn an den Historiker Niko Hofinger – und der tappt lange im Nebel, bis er auf ein ungewöhnliches Detail stößt: Der Innsbrucker Ernst Beschinsky liegt nicht im gleichen Grab wie seine zehn Jahre vor ihm verstorbene Frau. Wo liegt diese Frau? Und wer ist sie? Ilse Beschinsky stammt aus Hall in Tirol, sie war keine Jüdin, ihre Eltern und Geschwister waren überzeugte Nazis. Da schrillen in der Kultusgemeinde die Alarmglocken. Was, wenn sich hinter dem hochgeehrten Präsidenten ein Nationalsozialist verbirgt?

Der listenreiche Manek

„Ich bin ein eher anpassungsfähiger Typ“, sagt Beschinsky in Niko Hofingers Roman. Da telefoniert er aus dem Jenseits mit einem Historiker, auf dessen viele Fragen er ziemlich lakonische Antworten hat. In Wien, wo er nicht geboren wurde, habe er sich integriert, dass es zum Staunen sei. Genützt habe es ihm aber wenig, man habe ihn umbringen wollen wie die anderen Wiener Juden auch. „Für mich gab es immer nur drei Zustände der Welt: vorbei – ausgesessen, jetzt – schnell sein, dann – was kann man wissen?“

Manek Willner ist sein richtiger Name, das verrät er dem Historiker und zeigt auf ein Foto. Es ist das erste, das von ihm in einer Zeitung erschienen ist. „Ich glaube, es war im Oktober 1981, ich bin fast achtzig Jahre alt. Es spricht der gemütliche Herr Landeshauptmann Wallnöfer, es ist relativ früh am Abend und er kann noch allein stehen.“ Beschinsky bekommt bei diesem Anlass das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung der Republik, und das beschert ihm vor allem Alpträume. Wird er jetzt, so spät noch, enttarnt? Aber niemand aus der Glasergasse in Wien ruft an, keiner der Freunde, mit denen er seine Jugend so fröhlich verlebt hat, nicht Robert Peiper, nicht Willy Geber, nicht Ernst Beschinsky.

Das Palästina-Projekt

Die hat er kennengelernt, als er damals in Wien ankam. Alle vier hatten sie kein Geld und keine Perspektive, dafür Fantasie und Lebenslust. Robert Peiper versucht sich als Schauspieler und Schlagertexter, Willy Geber komponiert Songs – und alle zusammen überlegen, ob sie nicht nach Palästina auswandern sollten. Nein, für Manek Willner ist das nichts; Peiper und Geber probieren es aus und kehren umgehend zurück nach Wien, Beschinsky findet Palästina super und bleibt. Willy Geber heiratet die tüchtige Hansi; Robert Peiper schreibt einen Reise-Krimi und heiratet Elsa, „was nicht bedeutete, dass er sein Liebesleben deshalb völlig umgestellt hätte“, und die Wiener Tanzlehrer erfinden den Tanganilla, eine Mixtur aus Tango und Foxtrott. „Willy Geber fand wieder einen Vornamen, der noch nicht besungen war, nämlich „Kanilla“ und Robert Peiper die folgenden Verse, die das spärliche Publikum ausbügelte, indem es die „Kanilla“ in eine üblichere „Kamilla“ verwandelte:

Reizende Kanilla,

Lass uns in der Villa

Nach dem Tanganilla schweben.

Die Sache mit dem Schweben bleibt allerdings Fantasie. Manek Willner kann nicht Mathematik studieren, weil seine Staatsbürgerschaft unsicher geworden ist. Dafür lernt er die Studentin Ilse Pollak kennen. „…meine Schwester hatte wegen des Namens vermutet, sie sei jüdisch. Das war sie leider nicht… aber was war sie für eine prachtvolle Tirolerin!“ Ilse Pollak wird ihn durch alle lebensbedrohenden Momente sicher leiten; seine eigenen Listen – und das ist in beiden Bedeutungen des Wortes zu verstehen – bringen ihn eher in Gefahr.

Im August 1938 flüchtet Willy Geber über Hohenems in die Schweiz. In St. Gallen angekommen, schreibt er seiner Frau den längsten Brief seines Lebens, atemlos, voller Ironie und gespickt mit Fragen nach seinem Freund Manek: „Liebstes Hansile, schreibe viel viel, jedes kleinste Detail, ich erwarte schon sehnsüchtig Post. Manek soll sofort schreiben. Teile mir seine Adresse mit.“

Der ist nach Prag geflüchtet, Willy und Hansi Geber sollen Visa besorgen, Schweizer Pässe. Weil das nicht funktioniert, eignet sich Manek Willner, inzwischen in Brünn, die Identität von Ernst Beschinsky an – der ist ja wenigstens in Sicherheit.

Eine zweite Lebensgeschichte

Aber warum legt sich ein als Jude verfolgter Mann eine falsche jüdische Identität zu? Warum erfindet er nicht irgendeinen Michael Gruber aus Bad Ischl? Weil er für Hobby-Antisemiten aussieht wie ein „Wiener Jud“ und umgehend enttarnt würde: „Mein Ernst Beschinsky, der war gut. Ich kannte seine Geschichte, ich kannte seine Gasse, seine Freunde und seine Zeit. Ich kannte die Namen seiner Eltern; und ich hätte den mürrischen Grenzbeamten, wenn sie es hätten hören wollen, viele lustige Geschichten aus dem Wien der Zwischenkriegszeit erzählen können. So sucht man sich eine zweite Lebensgeschichte!“

Niko Hofinger überzeugt als Romancier mit einem wunderbar leichten Erzählton. Als Historiker hat er das Glück, auf ein Konvolut von Briefen zu stoßen. Darin erstellt das Ehepaar Geber – beide sind auf der Flucht – „Charakterstudien“ seiner besten Freunde.

Am 18. April schreibt Hansi an Willy in St. Gallen: „Gestern war die Ilse hier, auf der Durchreise nach Agram. Jetzt weiß ich, wieso Du, als Du in Zürich angerufen hast, niemanden angetroffen hast. Du hättest nach Herrn Beschinsky verlangen müssen. Die Ilse ist ein wahrer Engel. Ihre Güte grenzt ans Überirdische. Seine geistigen verdrehten Einfälle und Haarspaltereien übertreffen 1000fach alles, was er bis jetzt auf diesem Gebiet geleistet hat.“

Willy antwortet tags darauf: „Geliebtes Pilperl! Was hat der Manek schon wieder gemacht? Schreibs mir genau. Ich möchte mich unterhalten.“ Und als er die Sache mit der gefälschten Identität begreift: „Ich schreibe ihm, bis er mir etwas berichtet, wie kommt er zu dem Namen meines Freundes? Unglaublich!“

Was bedeutet es, ein ganzes Leben im Schatten der Lüge zu leben? Hat der echte Ernst Beschinsky davon gewusst? Niko Hofinger thematisiert das mit der größtmöglichen Zartheit. Und mit der größtmöglichen Klarheit nennt sein aus dem Jenseits telefonierender Innsbrucker Ernst Beschinsky die Gründe: 1946 lebt er mit Ilse in Zagreb, die beiden wollen endlich heiraten – und Manek weiß: „Der Name Emanuel Willner hatte ausgedient. An diesem Namen hing als größter Nachteil nämlich eine polnische Staatsbürgerschaft.“ Nach Polen, wo schon im August 1945 das erste Pogrom der Nachkriegszeit stattfand, wollen die beiden wirklich nicht.

Niko Hofinger belegt die unglaubliche Geschichte des Manek Willner mit zahlreichen Fotos und Dokumenten, und er erzählt von einem, der einen gewissenlosen Schurken gesucht und eine schöne Liebesgeschichte gefunden hat.

Niko Hofinger, Maneks Listen, Gebunden mit Lesebändchen, Limbus Verlag, ISBN 978-3-99039-120-4, 224 Seiten, € 20,-