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18.11.2019 |  Ingrid Bertel

Das erste Mal - 30 AutorInnen erzählen, wie ihr erstes Buch entstand

„Mon cœur mis à nu“ – mein bloßgelegtes Herz – so nannte Charles Baudelaire ein Notizbuch mit Ideen, Skizzen, Entwürfen, das erst posthum erschien. Aus gutem Grund, denn fremde Blicke in die eigene Schreibwerkstatt mögen manchem Autor und mancher Autorin durchaus als Operation am offenen Herzen erscheinen. Dennoch konnte der „profil“-Redakteur Wolfgang Paterno 30 von ihnen dazu bewegen, das Entstehen ihres ersten Buches zu beschreiben.

„Wunder und Anmaßung“ nennt ein still gewordener Robert Schneider diesen Rückblick. Seit zwölf Jahren schreibt er keine Bücher mehr, das schmerze bisweilen. „Als junger Mensch war ich der Meinung, ich hätte etwas zu sagen. Etwas, das die ganze Welt wissen müsste, und darum fing ich mit dem Schreiben an.“ Die Arbeit an „Schlafes Bruder“ habe ihm „die schönste Zwiesprache meines Lebens“ beschert. Doch: „Was mit der Veröffentlichung des Buches folgte, war nur noch Verstörung, und es hatte nichts mehr mit dem Wunder jener drei Monate der Niederschrift zu tun.“
Ist es der als kalt und demütigend empfundene Literaturbetrieb, ist es der mühevolle Weg durch Literaturzeitschriften, Agenturen und Verlage, der den AutorInnen die Freude vergällt? Daniel Glattauer zum Beispiel, der 1992 ein Jahr unbezahlten Urlaub vom „Standard“ nimmt? Er übersiedelt in ein derangiertes Schrebergartenhäuschen, schreibt diszipliniert, gönnt sich höchstens Butterbrote und Kaffee. Und als er glücklich fertig ist, landet er bei lähmenden Diskussionen mit seiner Agentin. Sie findet den Roman „interessant, aber etwas zu lang geraten.“ „Ich: ‚Aber schon großartig, oder?‘ Sie: ‚Äh, ja, schon, aber ein bisschen verwirrend. Der Text gehört überarbeitet.‘ Ich: ‚Überarbeitet? Sie meinen leicht gekürzt, oder?‘ Sie: ‚Äh, ja, stark gekürzt und komplett überarbeitet.‘“ Gegen diese himmelschreiende Ungerechtigkeit mobilisiert Glattauer denn auch ein ganzes Arsenal an Argumenten, um letztlich doch einzusehen: „Vielleicht ist mein Roman einfach nicht so gut … wie soll ich sagen … nicht so gut … nicht wirklich gut … also … gelungen.“

„Verschränkungen, wohin man schaut“

Bücher entstehen aus dem Geist anderer Bücher. Das lesend Erfahrene ist ebenso bedeutend wie das real Erlebte. „Brecht ist an allem schuld“, findet Kurt Palm. Mary Shelleys „Frankenstein“ habe seinen Roman „stillborn“ ebenso geprägt wie die Biografie der Autorin, gesteht Michael Stavarič: „Verschränkungen, wohin man schaut.“
Sabine Gruber erzählt von einem Spiel: „Sie finden in ‚Aushäusige‘ eine Figur aus Robert Schindels Roman ‚Der Kalte‘, der zwar erst 2013 erschienen ist, 17 Jahre nach meinem Debut, dessen Figur ich aber bereits Mitte der 1990er Jahre aus frühen Entwürfen und aus Gesprächen mit dem Autor kannte.“
Angelika Reitzer schreibt – unter dem bannenden Blick Friederike Mayröckers – immer noch sz statt ß, „was als Referenz (sic!) an die große Dichterin gedacht war, aber als Epigonentum aufgenommen wurde, das außerdem verdeutlichte, dass die Reitzer’sche Beobachtungsgabe nicht annähernd so ausgeprägt war wie jene von …“
Den Namen nämlich verschweigt Reitzer; ein bloßgelegtes Herz ist empfindlich.

Der Weg zurück in die Kindheit

„Mein erstes Buch ist eben nicht autobiografisch, wie es doch von vielen sogenannten Debüts heißt“, betont nicht unstolz Teresa Präauer. Wolfgang Hermann dagegen beschreitet auf der Suche nach „minimalen Welten“ absichtsvoll den entgegengesetzten Weg: „Ich war zurück in der Welt meiner Kindheit, nur dass ich nicht erwachsen werden, sondern für immer Träumer bleiben würde.“
Der Weg zurück in die Kindheit aber hat etwas durchaus Gefährliches. Monika Helfer, die als junge Mutter zu schreiben beginnt, erlebt das, wenn ihr Mann zur Filmkamera greift: „Er führte uns in den Wald, ich sollte ein himmelblaues Kleid anziehen, in dem ich aussah wie eine 15-Jährige, was ihm gefiel, das Mädchen trug das rote Mäntelchen, der Bub den Matrosenanzug, eine Märchenfamilie. Fliegenpilze hätten zu uns gepasst. Ich wollte diese Filme nie ansehen.“
Selber nämlich ist Monika Helfer sehr viel behutsamer, die lakonische Distanz zum Idyll verbindet sie mit einer feinnervigen Wachheit. „Ich wusste damals nicht, was ich schreiben wollte, wusste nur, dass ich vorsichtig mit der Sprache umgehen musste.“
So vorsichtig agiert auch Peter Stephan Jungk, der in Hollywood aufgewachsen ist. „Stechpalmenwald“ nennt er sein erstes Buch: „Die Übersetzung der Worte ‚Holly‘, Stechpalme, und ‚wood‘, Holz oder Wald.“

Die Entdecker

„Als ich meinen ersten Roman schrieb, war ich 21 und wusste nicht, dass ich einen Roman schrieb“, gesteht Daniel Kehlmann. „Ich wusste nichts“, betont auch Michael Köhlmeier. Aber er ist verliebt, und zwar in eine Kollegin. Sie hat einen guten Rat: „Fang doch an mit – Aus. Vorbei. Die schöne Zeichenstunde.“ Die Kollegin heißt Monika Helfer, „praktischerweise heirateten wir später“, und der Mann mit der Filmkamera hat wohl nicht ohne Grund das Nachsehen.
Was entdecken AutorInnen mit ihrem ersten Buch? „Pure Freiheit“, schreibt Franz Schuh; „ungeliebte Verpflichtungen“, schreibt Eva Schmidt, die die öffentlichen Auftritte, die so ein Buch mit sich bringt, bis heute scheut. David Schalko, zwischen Drehbüchern und Romanen pendelnd, kämpft „um ein Frührentensystem für doppelgleisige Härtefälle.“
Marlene Streeruwitz macht eine ernüchternde Erfahrung: „Das erste Buch. Es blieb selbst Fiktion.“ Das ist natürlich keine Lösung. Da möchte die geneigte Leserin den AutorInnen doch lieber eine Erfahrung wünschen, wie Gerhard Roth sie machte, als sein erstes Buch erschien: „Es war ein Sommertag, und ich legte mich in einem Schwimmbad in den Schatten und schlief bis zum Abend.“
„Das erste Mal. Autorinnen und Autoren über ihr erstes Buch“, herausgegeben von Wolfgang Paterno, ist im Czernin Verlag erschienen.

Ingrid Bertel ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg

Wolfgang Paterno (Hg.), Das erste Mal. Autorinnen und Autoren über ihr erstes Buch, Czernin Verlag, Wien 2019, 176 Seiten, Hardcover, ISBN: 978-3-7076-0679-9, € 22

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