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10.03.2018 |  Anita Grüneis

„Dann macht es plötzlich Klick und ich beginne zu schreiben“ - Doris Röckle-Vetsch – eine moderne Frau mitten im Mittelalter

Sie wohnt in Vaduz, stammt aus Buchs und ist im Mittelalter zuhause – die Autorin Doris Röckle-Vetsch kennt sich mit den Burgen der Region bestens aus, sie bilden die Basis für ihre historischen Romane. Zwei davon, „Die Flucht der Magd“ und „Das Mündel der Hexe“ sind bereits bei Droemer Knaur publiziert, ein dritter Band ist in Bearbeitung. Was bewegt eine 55-jährige moderne Frau, in das Leben der einfachen Leute im Mittelalter einzutauchen und Burgruinen wie die Burgen Hohensax und Frischenberg wieder zum Leben zu erwecken? Anita Grüneis hat sich mit Doris Röckle-Vetsch unterhalten.

Anita Grüneis: Sie sind in Buchs mit dem Schloss Werdenberg aufgewachsen. Was interessiert Sie am Mittelalter? Haben Sie sich als Burgfräulein gesehen?

Doris Röckle-Vetsch: An Burgfräuleins habe ich nie gedacht, da schon eher an Ritter. Aber das mit der Ritterschaft ist so eine Sache, denn so wie es in den Filmen herüberkommt, war es wohl kaum. Was interessiert mich am Mittelalter? Es sind die Burgen, die alten Gemäuer ziehen mich magisch an. Der Geruch inmitten einer Burg, das Gefühl, dass hier Menschen mit Sorgen und Nöten gelebt haben, dass es hier rau und wild zu- und herging, all das fasziniert mich, regt meine Fantasie an. Als Kind sah ich Schloss Werdenberg jeden Tag und nicht selten suchte ich das alte Gemäuer in meiner Freizeit auf. Das Geld für den Eintritt hatte ich nicht, doch reichte es mir im Burghof meiner Fantasie zu frönen. Damals sah es dort oben noch anders aus, viel wilder, viel verwegener. Die Burg war für mich riesig. 

Der Beginn einer Leidenschaft

Grüneis: Ihre schriftstellerische Karriere hat vor knapp 12 Jahren begonnen. Damals haben Sie eine Kurzgeschichte in Liechtenstein publiziert ...

Röckle-Vetsch: Der Auslöser zum Schreiben war tatsächlich eine Ausschreibung im Liechtensteiner Volksblatt. Man suchte Kurzgeschichten zum Thema Märchen. Kurzerhand setzte ich mich vor den PC, ging kurz in mich und dann huschten die Finger über die Tastatur. Ich merkte schnell, dass mir das Schreiben Vergnügen bedeutet, wie leicht es mir von der Hand ging. Ich machte die folgenden Jahre bei jedem Wettbewerb im Volksblatt mit und meine Geschichten fanden stets großen Anklang. Ich war da allerdings noch weit davon entfernt einen Roman zu schreiben, dies geschah dann eher zufällig. Ein verregneter Sonntag, nichts mehr zu lesen im Haus und einen Ehemann, der ganz lapidar meinte, dann schreib halt selber einen Roman. Gesagt, getan. Ich begann zu recherchieren und bald schon kristallisierte sich eine Romanfigur heraus. Das war der Beginn einer Leidenschaft, die mich bis heute nicht mehr loslässt.

Grüneis: nzwischen sind zwei historische Romane mit jeweils über 600 Seiten entstanden. Sie beschreiben im Buch „Flucht der Magd“ das Schicksal der Leibeigenen Hanna, die von Veltkirchen in die Burg Alt-Montfort geschafft wird, von dort flieht und nach Puges, dem heutigen Buchs kommt. Dabei erwecken Sie auch die beiden Ruinen der Burgen Hohensax und Frischenberg wieder zum Leben. Das zweite Buch „Das Mündel der Hexe“ spielt hauptsächlich in der Veste Liechtenstein. Sie haben es anscheinend auf die Burgen der Region abgesehen ...

Röckle-Vetsch: Ja, das ist tatsächlich so, mich faszinieren die Burgen rings um mich. Sie versetzen mich in eine andere Zeit. Zwischen Sennwald und Sargans stehen oder standen dreizehn Burgen! Dazu kommen all die Burgen und Burgruinen in Vorarlberg. Ich will wissen, was in diesen Gemäuern passiert ist. Bei meinen Recherchen lerne ich eine Menge über unser Tal. Viele unserer Angewohnheiten kommen nicht von ungefähr, sind uns so von unseren Vorfahren verinnerlicht worden. Das Mittelalter war eine harte Zeit, hat die Menschen hier im Tal gefordert, ihnen alles abverlangt. Gerade die Zeit des 17. Jahrhunderts, die Zeit der großen Hexenverfolgungen, hat oft Zwietracht und Missgunst gesät. Irgendwann werde ich mich diesem Thema nähern, versuchen, einen Roman zu schreiben. Dies wird nicht einfach werden, zumal es ans Herz gehen wird.

Grüneis: Sie recherchieren sehr umfangreich. Haben Sie schon mal in einer Burg übernachtet? 
Röckle-Vetsch: 
Übernachten würde ich tatsächlich gerne mal in einer Burg, aber ehrlich gesagt nicht im Winter. Bei meinen Recherchen sind mir das Internet und die Landesbibliothek eine große Hilfe. Gerade letztere findet oft alte Unterlagen in diversen Archiven. Sie sind sehr hilfsbereit. Ich kann auch die alte Schrift lesen, allerdings muss ich mir hin und wieder ein Wort doch länger ansehen, bis ich endlich die Bedeutung verstehe. Die verschlungenen Schriftzeichen und die für uns oft seltsame Wortwahl üben aber einen Reiz aus, der neugierig macht.

An erster Stelle steht die Burg

Grüneis: Wie gehen Sie beim Schreibprozess vor? Kommt bei Ihnen zuerst der Ort und dann die Handlung?

Röckle-Vetsch: Wenn ich einen neuen Roman plane, steht immer an erster Stelle die Burg. Dann recherchiere ich erst über das Gemäuer. Zwischen der Erbauung und der Zerstörung findet man jede Menge Stoff, der der Realität entspricht und den ich auch in meine Romane einfließen lasse. Meine Romane sollen unterhaltend und lehrreich zugleich sein. Viele meiner Leser hier im Rheintal, egal ob in Vorarlberg oder auf der Schweizer Seite, sehen zwar die Burg tagtäglich, doch die Geschichte dahinter kennen nur die Wenigsten. Mir ist es ein Bedürfnis, die Menschen hier im Tal für die Geschichte zu sensibilisieren, sie neugierig zu machen für die Vergangenheit. Die Handlung, die formt sich dann ganz allmählich in meinen Gedanken, je weiter ich in die Geschichte der Burg abtauche. 

Grüneis: Sie haben drei inzwischen erwachsene Kinder und sind zu 70 Prozent berufstätig als medizinische Praxisassistentin. Ihre Bücher sind mit über 600 Seiten extrem umfangreich. Wie schaffen Sie das? Wie lange arbeiten Sie an einem Buch? 
Röckle-Vetsch: 
Da ich leider nicht vom Schreiben leben kann, verdiene ich meinen Lebensunterhalt in einem „normalen“ Beruf. Somit ist meine Schreibzeit arg begrenzt. Die Recherchen dauern bis zu sechs Monaten, dann steht für mich das historische Gerüst. In dieser Zeit hat sich in meinen Gedanken bereits ein/eine Protagonist/in manifestiert. Gerade den Beginn eines Romans überdenke ich immer wieder, bevor es plötzlich Klick macht und ich zu schreiben beginne. Dann geht alles von alleine. Manchmal kommen meine Finger kaum nach mit tippen, so schnell überstürzen sich die Ereignisse in meiner Fantasie und manchmal, da übernimmt die Hauptfigur plötzlich das Zepter und die Geschichte nimmt einen Lauf, den ich nie vorgesehen hatte. Wenn ich es dann doch einmal ans Ende des Romans schaffe, beginnt die Zeit der Überarbeitung, d.h. ich gehe den Roman bestimmt vier- bis fünfmal durch, bevor ich zufrieden bin. Im Schnitt vergehen vom Beginn der Recherchen bis zur Abgabe an die zwei Jahre. Allerdings hatte ich die letzten Jahre einen Vorsprung, da bereits drei Manuskripte in meiner Schublade lagen. Deswegen liegt zwischen meinem ersten Roman „Die Flucht der Magd“ und dem zweiten „Das Mündel der Hexe“ nur ein Jahr.

Grüneis: Wie hoch ist die Auflage Ihrer Bücher?
Röckle-Vetsch: 
Bei Neuautoren werden keine riesigen Auflagen mehr gedruckt, sondern das PTO Verfahren angewendet. Gedruckt wird immer dann, wenn Bestellungen von Buchläden, Online-Shops, etc. eingehen. Die Zahlen stimmen offenbar für DroemerKnaur, denn sonst hätten sie nie einen zweiten Roman von mir veröffentlicht. Mit genauen Zahlen kann ich noch nicht aufwarten, da die Abrechnung für 2017 noch ausstehend ist. Allerdings kann ich sagen, dass es die E-Books beider Romane bei Amazon auf Rang 136, bzw. 184 bei über 1 Mio. Bücher geschafft haben, sehr beachtlich, um nicht zu sagen s u p e r . Auch die gedruckten Versionen befinden sich auf hervorragenden Rängen.

Verwandtschaftlich verknüpft

Grüneis: Umberto Ecos „Im Namen der Rose“ wurde vor allem durch die Verfilmung weltberühmt. Hoffen Sie, dass eines Ihrer Bücher verfilmt wird?

Röckle-Vetsch: :-) Wer träumt nicht davon? Doch davon bin ich wohl noch meilenweit entfernt.

Grüneis: Mittelalter Märkte sind seit einiger Zeit ein großer Renner. Interessiert Sie selbst so etwas?
Röckle-Vetsch: 
Bislang habe ich noch nie einen solchen Markt besucht, irgendwie hatte ich keine Zeit oder war gerade außer Landes. Spannend wäre es sicher allemal, allein schon wegen der wunderbaren Kleider und der Hingabe, mit welcher die Darsteller ihr Handwerk an die Besucher vermitteln.

Grüneis: Sie arbeiten bereits an Ihrem dritten Buch, das verwandtschaftlich mit den beiden anderen verknüpft ist, ganz so, wie auch zu jener Zeit von Burg zu Burg geheiratet wurde. Welche Burg und welche Familie steht im Mittelpunkt?

Röckle-Vetsch: Die Geschichte spielt vornehmlich in den Burgen Montfort und Werdenberg. Im Mittelpunkt steht Mechthild von Montfort, die Tochter von Kunigunde von Rappoltstein und des Grafen Wilhelm II von Montfort-Tettnang, die bereits im Buch „Die Flucht der Magd“ Erwähnung finden. Und natürlich geht es auch wieder um ein sakrales Rätsel, das Grabtuch Christi, welches von der Rosenkranzbruderschaft versteckt gehalten wird. Doch davon ahnt Graf Albrecht II von Werdenberg-Heiligenberg nichts, ihn plagen ganz andere Sorgen. Seine Ehe mit Mechthild läuft nicht so wie erhofft und eines Tages verschwindet die junge Frau spurlos...

Lesung mit Doris Röckle-Vetsch
„Das Mündel der Hexe“
15.3., 19.30 Uhr
Küefer-Martis Huus, Ruggell

Doris Röckle-Vetsch, Das Mündel der Hexe, Taschenbuch, Droemer Knaur, ISBN 978-3-426-21667-5, 622 Seiten, € 14,99

 

 

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