Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Peter Niedermair · 25. Feb 2013 · Literatur

Auf der Straße bin ich Königin – Roland Wölfles Notizen aus der stationären Suchttherapie

Roland Wölfle, Psychiater und medizinischer Psychotherapeut, leitet seit 2002 im Krankenhaus Maria Ebene die Therapiestation „Lukasfeld“, in der jugendliche Drogenabhängige stationär behandelt werden. Wölfle hat seine Arbeit und die Teams im Lukasfeld mit Notizen begleitet. Wie ein Chronist dokumentiert er tagebuchartig Szenen, sammelt Sätze und Gespräche, versammelt sie kaleidoskopisch zu einem Almanach. Er schafft Bilder für eine Galerie. Eine, die wir wirklich brauchen.

Diese Innenwelt bindet der Autor an eine humanistisch orientierte Psychoanalyse in der Tradition von Sigmund Freud, Alfred Adler und Melanie Klein. Er bringt deren Fundamentum in die Sprache, verlängert und erweitert das aufgeklärte und aufklärende Menschenbild und reflektiert dabei selbstkritisch das eigene Tun. Der Blick geht vom Innen ins Außen und generiert eine beeindruckende, kritische Fülle an Fragen an diese Außenwelt, die unmittelbare und erfahrbare gesellschaftspolitische Gegenwart.

Das Buch ist eine lose Sammlung von Texten und gibt einen Einblick in den Alltag der Drogenstation, die über 16 Behandlungsplätze für junge Drogenabhängige verfügt. Das Spektrum der Abhängigkeiten ist breit, es reicht vom Missbrauch unterschiedlichster Drogen, Medikamente und Alkohol, bis hin zu Essstörungen, Spiel- oder Kaufsucht. Die Patienten werden von einem multiprofessionellen Team behandelt und betreut. Es gibt Einzelgespräche, Klein- und Großgruppen, medizinische Behandlung, soziotherapeutische Aktivitäten und Outdoor Pädagogik. Die Aufenthaltszeit der zwischen 16 und 30 Jahre alten Patientinnen und Patienten ist im therapeutischen Konzept mit zwei bis sechs Monaten vorgesehen. Die Maria Ebene mit dem Lukasfeld ist ein öffentliches Krankenhaus, die katholische Kirche ist einer der Träger der Stiftung.

„Etwas Besseres finden wir allemal!“

Die sprachlich sensiblen Texte in all ihrem empathisch-intimen Charakter entbehren des lauten Geschreis von den Drogen. Ihnen fehlt jeglicher voyeuristische Kick. Menschen, die etwas über die anspruchsvolle wie faszinierende Welt der Auseinandersetzung mit jungen drogensüchtigen Patienten erfahren wollen, gewinnen durch Roland Wölfles persönlich wertschätzenden Umgang Respekt und Achtung für Menschen, die häufig nur Ausgrenzung und Entwertung erfahren haben. Alle hier versammelten Texte sind Unikate, inhaltlich und sprachlich. Besonders interessant finde ich persönlich, wenn Wölfle über kunsttherapeutische Formen erzählt, so wie in „Die Botschaft der Bremer Stadtmusikanten“. Mit ganz einfachen Mitteln des Theaters erarbeiten Personal und Patientengruppe als Team sowie in individuellen Rollen eine Aufführung des Grimm-Märchens. Mit Wölfles Bericht von dieser offensichtlich bemerkenswerten Inszenierung werden die Spieler zum Sinnbild einer Selbsthilfegruppe von sozialen Außenseitern, die nicht mehr gebraucht werden, weil sie nicht mehr so funktionieren, wie ihre Herren sich das vorstellen. Und die zentrale Botschaft der Bremer Stadtmusikanten, die wir seit Iring Fetscher, dem Frankfurter Soziologen –„Wer hat Dornröschen wachgeküsst“ – im Erzählkern als eine Hausbesetzergeschichte lesen, bleibt unberührt: „Etwas Besseres als den Tod finden wir allemal!“

Gleichzeitig stellt Wölfle klar, wenn man nur irgendetwas über Drogen, Sucht und Abhängigkeit schreibt, kann man die sozialen Verhältnisse und Ungerechtigkeiten dieser Gesellschaft nicht außer Acht lassen. Er empört sich über die Spaltung in diesem Land, in welchem es Stimmen gibt, die nur dann laut nach strengen Strafen rufen, wenn es sich „um sozial schwache, einfache und unterprivilegierte Betroffene handelt“, während man, wenn es sich um prominente Konsumenten handle, nie höre, dass man jetzt „endlich einmal hart durchgreifen“ müsse.

Eigenständig werden

Er berichtet über kleine Veränderungen zum Besseren, über Rückschläge und strikte Verbote, Drogen und Sex, über das Changieren zwischen Hoffen und Misstrauen, das schleichende Gift, das den therapeutischen Optimismus zersetzen kann. Das Lukasfeld als Mikrokosmos ist eine Bühne, mit Haupt- und Nebenschauplätzen, und die Stücke, die dort inszeniert werden, spiegeln die Projektionen, die Begehren und Sehnsüchte, die Hoffnungen und Träume aller Beteiligten: Therapie im Selbstverständnis einer Co-Kreation, mit Gefühlen von Ernüchterung und Ohnmacht, von Augenblicken des Glücks und des Staunens. Bei allem prozessualen Geschehen, bei allem möglichen Scheitern therapeutischer Anläufe ebenso wie deren möglichen Gelingen, scheint mir als Leser doch diese eine, wenngleich schwierige Perspektive zentral: Im Lukasfeld versuchen die therapeutischen Akteure den Patienten zu vermitteln, dass sie „in erster Linie einmal in Ordnung sind, so wie sie sind“. Und was es in zweiter Linie dann vielleicht noch zu verändern gibt, darüber könne man reden. Am Beginn seiner Notizen erzählt Wölfle von einer Königin, die auf dem Cover titelt, von Miriam. Auf ihrem Weg in die Drogenwelt entwickelte sie eine Strategie, um sich – trotz alledem – einen Rest von Selbstwertgefühl zu erhalten und Stolz zu bewahren.

 

Roland Wölfle, Auf der Straße bin ich Königin. Notizen aus der stationären Suchttherapie, Frieling-Verlag, Berlin 2011, 128 Seiten, Euro 9,90, ISBN 978-3-8280-2912-5

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