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04.01.2012 |  Silvia Thurner

„Was von innen her aus sich selbst bewegt wird“: Klaus Christa, Bratschist und künstlerischer Leiter von „musik in der pforte“, hat ein CD-Buch über Joseph Haydn publiziert

Seit Jahren setzt sich der Bratschist Klaus Christa eingehend mit den Streichquartettkompositionen von Joseph Haydn auseinander. Als er sich in diesem Zusammenhang auch mit der Biografie des berühmten Komponisten beschäftigt hat, zog ihn dessen außergewöhnliche Persönlichkeit immer mehr in ihren Bann. Nun legt Klaus Christa ein sehr persönlich gehaltenes Buch vor, das die Lebenskunst des Komponisten in das Zentrum des Interesses stellt.

Mit seinen Ausführungen will der Autor in einen Dialog mit seinen LeserInnen treten und Anregungen für ein aktives Zuhören bieten. Drei ausgewählte Streichquartette aus unterschiedlichen Schaffensphasen porträtieren Joseph Haydn und führen in den faszinierenden musikalischen Kosmos der Gattung des Streichquartetts ein. Im Gespräch mit Silvia Thurner berichtet Klaus Christa über seine Motivation, sich nicht nur als Musiker im „epos-quartett“ auszudrücken, sondern sein Wissen und seine Gedanken über Joseph Haydn in einem Buch niederzuschreiben.

Kultur: Was hat Dich dazu bewogen, Dich neben dem aktiven Musizieren auch dem Schreiben zuzuwenden?
Als wir die Konzertreihe „musik in der pforte“ vor nun dreizehn Jahren ins Leben gerufen haben, war Schreiben eine Chance, mit Menschen in Kontakt zu treten und sie einzuladen, an unserem Projekt teilzunehmen. In den ganzen Jahren, in denen ich nun mit Thomas Engel zusammen die Konzerte gestalte, war das Schreiben der Texte, die die Konzerte vorbereiten und begleiten, ein schöner und herausfordernder Prozess.

 

Im Dialog mit den ZuhörerInnen und LeserInnen


Es scheint, als wende sich dieses Buch in erster Linie an die AbonnenntInnen von „musik in der pforte“, die Deine Herangehensweise an die musikalische Gestaltung kennen. Kann dieses Buch als erster Band für eine Reihe anderer gesehen werden?

Das Buch ist sicher durch den nun über zwölfjährigen Austausch mit unserem Publikum inspiriert. „musik in der pforte“ ist ja eines der wenigen europäischen Kammermusikabos, bei dem die Abonnentenzahlen noch steigen. In diesem Sinne hoffe ich, dass ich mit diesem Buch auch mit einigen Menschen in Kommunikation treten kann, die ich mit unseren Konzerten nicht erreiche. Wie mit den Konzerten möchte ich mit dem Buch mehr inspirieren als Antworten finden. Falls dieses Projekt Resonanz findet, könnte ich mir schon vorstellen, dass ich mich nochmals auf den Weg mache.

 

Eine eigene Welt erschließen


Über Joseph Haydn gibt es eine unüberschaubare Anzahl von populär- und musikwissenschaftlichen Publikationen sowie Tonträger. Was war Deine Motivation, Dich gerade diesem Komponisten zuzuwenden?
Ich kann wirklich guten Gewissens sagen, dass ich zumindest den Teil an Publikationen, den ich in den letzten Jahren bewältigen konnte, gelesen habe. Mir als Berufsmusiker haben auch viele Publikationen Freude gemacht. Und doch habe ich mir immer die Frage gestellt: Was kann ich tun, um diese Welt für Menschen zu erschließen, die nichts mit den Fragen der Musikfachleute zu tun haben? Und die zweite Frage, die mich bewegte: Wie kann ich sie erreichen, ohne fachlich ungenau zu sein? Zur musikalischen Seite dieses Projekts: Wir haben bei Konzerten mit Haydn-Quartetten immer ein gutes Feedback bekommen. Wir spielen mit Darmsaiten und Klassikbögen, unsere Klangvorstellung ist geprägt durch die historisch informierte Aufführungspraxis.

 

Eine faszinierende Persönlichkeit


Der Titel des Buches bezieht sich nicht direkt auf Haydns musikalisches Schaffen, sondern stellt sein Leben in den Fokus. Was sind die dahinterstehenden Gedanken?
In diesem Fall muss ich gestehen, dass ich in dieses Thema „hineingekippt“ bin. In den letzten fünfundzwanzig Jahren habe ich mich leidenschaftlich für Haydns musikalisches Schaffen interessiert. Eine Frage hat mich immer mehr beschäftigt: Wie war es möglich, dass der große Revolutionär der Klassik in seiner unglaublichen Bedeutung von der breiten Öffentlichkeit nicht wahrgenommen wurde und wird? Bald wurde mir klar, dass Haydn überhaupt nicht das Klischee des ringenden Künstlers zwischen Genie und Wahnsinn erfüllt. Und dann kann man in Haydns Leben ganz interessante Dinge entdecken. Dass er sich seinen Weg autodidaktisch erobern musste, finde ich schon sehr spannend. Dieses eigenständige Suchen hat sicher manche Türen geöffnet.

Auswahl der Streichquartette


Welchen Stellenwert haben die drei ausgewählten Streichquartette im Gesamtschaffen von Joseph Haydn und warum ist die Wahl auf diese drei Kompositionen gefallen?

Das war natürlich eine extrem schwierige Entscheidung. Klar schien mir der Einstieg. Die Werkgruppe op.9 ist die erste, die er als vollgültige Quartettgruppe gelten ließ. Da war klar, dass uns das auch bindet. Das Opus 9/4 in d-moll ist für die Entstehungszeit ein sensationelles Stück. Die Wahl des zweiten Quartetts war die schwierigste Entscheidung. Letztendlich ist es dann das erste Quartett der Gruppe op.50 geworden. Niemand kennt es, was angesichts der Großartigkeit des Werkes tragisch ist. Das Opus 76/1 in G-Dur ist sicher das bekannteste Streichquartett. Kein Zufall, dass es wenige Jahre nach der französischen Revolution entstand.

 

Weg eines Forschers


Haydn gilt als Entdecker der Gattung Streichquartett. Inwiefern leitete Dich auch die Entwicklungsgeschichte des Streichquartetts?
Über die Beobachtung seiner Entwicklung als Quartettkomponist bin ich dem Thema Haydn verfallen, das gebe ich gerne zu. Was mir aber in den letzten Jahren in seiner Drastik klar geworden ist: Das Etikett, das viele seiner Musik umhängen, wird ihm nicht gerecht. Brav und harmlos ist Haydn nie. Und sein Weg als Erfinder und Entwickler des Streichquartetts ist der Weg, der am Ende eine musikalische Metapher findet, die Sonatenhauptsatzform.

 

Lebensweisheiten


Je weiter ich im Buch gelesen habe, desto mehr kamen mir Sendungen wie beispielsweise „Fokus“ in den Sinn, in denen unter anderem Menschenbilder verallgemeinernd in Lebensweisheiten transferiert werden. Ist dies ein Ansatz für Dein Vorgehen?
Wenn das Buch mit Sendungen wie „Fokus“ in Verbindung gebracht wird, ist mir das eine Ehre. Wenn das, was wir lernen, uns hilft, besser und erfüllter zu leben, dann ist das für mich das Schönste. Und wenn ich da einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, dann erfüllt mich das mit großer Freude.

 

Lust auf mehr wecken


Ich habe den Eindruck, dass Dein Verständnis vom aktiven Musizieren mehr das Live-Erlebnis anspricht und nicht unbedingt damit vereinbar ist, klingende Töne auf CD zu pressen.

Ich stimme dir da völlig zu. Für mich ist das Verhältnis zwischen einer CD und einem Live-Konzert ungefähr so wie zwischen einer fantastischen, großartigen Landschaft und einer Postkarte von dieser Landschaft. Ich hätte einige tolle Reisen nie gemacht, wenn mich nicht ein Bild oder ein Bericht über diesen Ort eingeladen hätte. In diesem Sinne lohnt es sich für mich auch, viel Liebe und Einsatz in die Vorbereitung und Produktion der CD zu investieren.
Danke für das Gespräch.

Klaus Christa, Denn das Leben ist eine zu köstliche Sache. Die Lebenskunst des Joseph Haydn, epos:quartett, CD im Buch, Bucher Verlag, Hohenems 2011, ISBN 978-3-99018-092-1, Euro 22,00.

Wie bei seinen Konzerten ist es Klaus Christa auch bei diesem Buch wichtiger, Inspirationen zu liefern als Antworten zu finden.

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