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08.07.2011 |  Jürgen Schremser

„Hirnstrudel“ - Gesammelte Erzählungen von Jens Dittmar

Mit dem beim Bucher-Verlag erschienenen Band „als wär’s ein stück papier“ legt der Autor Jens Dittmar 17 ältere und neuere Prosatexte vor. In einem räsonierenden Erzählstil breitet der Lektor und Herausgeber liechtensteinbezogener Anthologien seine mit Literatur-Zitaten, autobiographischen Motiven und Liechtensteinensien durchsetzten Textflächen aus. Mit Lust an motivischer Variation und Wortspielerei legt Dittmar den Akzent auf den sprachlichen Verfertigungscharakter des Erzählens.

Jens Dittmar greift für „als wär’s ein stück papier“ tief in die eigene narrative Schublade. Sowohl was den historischen Fundus an fiktiven und autobiographischen Stoffen anbelangt als auch in Bezug auf deren kultur- und literaturhistorisch angereicherte Aufbereitung. In dem Erzählband finden sich einige ältere Kurzgeschichten aus den 1970er Jahren, in denen der Jungautor Dittmar unerhörte und phantastische Begebenheiten durchexerziert, einen Landwanderer in ein unheimliches Volksvergnügen schickt („Das Türkenfeldtreiben“), einen paranoid anmutenden Mieter über Umtriebe in seiner häuslichen Umgebung mutmaßen lässt („Einer bricht aus“) oder einen Hamsterhalter mit der Aggression einer unbekannten Tierart heimsucht („Pingpong und Marco Polo“). Es sind Prosaversuche mit dem Einbruch des Phantastischen, des Wahnhaften und Absurden in die Welt der Protagonisten, zumeist Ich-Erzähler. Die verstörenden Momente stellen sich durch eine detaillierende Wahrnehmung wie selbstverständlich und dadurch nicht minder bedrohlich ein: „Ich möchte zwar nicht beschwören, dass er tatsächlich Augen hatte, aber mir schien, dass er sehen konnte, sobald er den Mund aufsperrte (…)“ (S. 25). Gemessen an anderen Monstern und dramatischen Gestaltungsmitteln der phantastischen Literatur werfen Dittmars Kurzgeschichten zwar keinen allzu düsteren Schatten auf die condition humaine, aber sie entwickeln ihre Motive mit einem guten Sinn für das Groteske im Alltäglichen einfallsreich und sarkastisch.

Recycling-Reflexionsprosa

Dittmars ältere schwarzhumorige Episoden sind verglichen mit seinen jüngeren Erzählungen erstaunlich bündig erzählt. Das Fragwürdige sprachlich und sozial eingeübter Realitätsentwürfe wird noch vorwiegend in der Story selbst und in einheitlicher Erzählperspektive entwickelt: Über die Verfremdung oder wahnhafte Versicherung einer beiläufig eingeführten, scheinbar vertrauten Szenerie. In späteren Texten wachsen sich räsonierende Abstandnahmen zum erzählten Geschehen zu einem eigenwilligen Prosastil aus, „eine Art Zwitter zwischen gesprochener Rede und Gedankenrede“ wie ein Rezensent einmal formulierte (1). Dittmar hinterfragt Wirklichkeitsannahmen weniger über phantastische Geschehensverläufe als über das ironisierende Aufgreifen sprachlicher Wendungen und Erzählkonventionen. Und er greift dabei gern auf eigenes Textmaterial zurück. Das erzählte Geschehen, zu dem Dittmar sagt, dass ohnehin immer wieder dieselben Themen – „Mord und Todschlag, Liebe, Sehnsucht und Verbrechen (...)“(2) – variiert würden, wird zum Vehikel einer Übung in Textreflexion und Sprachkritik. Dittmar unternimmt diese Recycling-Reflexionsprosa laut Klappentext als „vergnügliches Spiel mit den Möglichkeiten“. Die gewollte Irritation befällt sozusagen alle Ebenen einer Geschichte, stellt diese in reflektierenden Einschüben und unvermittelten Perspektivenwechseln auf eigenartige Weise zur Disposition. Indem der Autor sowohl als Stimme aus dem Off als auch im Gedankenfluss seiner Figuren Abstand zum Geschehen nimmt, macht er dessen Versprachlichung zum eigentlichen Thema des Erzählens. So werden literarische Klischees identifiziert: „Aber Flüsse müssen sich nun mal schlängeln, das ist Vorschrift. Zumindest in der Trivialliteratur“ (S. 113), lässt Dittmar in „Gregor und die Zoographie“ in einer Deutschstunde des Lehrers Gregor seitenweise das „tierkundliche Wissen“ aus seinem, Dittmars Buch („Basils Welt“), referieren oder – diesmal in „als wär’s ein stück papier“ – wendet sich der Autor in Unterbrechung eines Dialogs dem Leser zu: „Was für eine Prüfung? wird der Leser fragen. Junge Menschen haben immer irgendwelche Prüfungen zu bestehen. Fahrprüfung, Abitur, Seminararbeit (…)“ (S. 45). Dittmar führt Schmäh mit seinem eigenen Erzählen und lädt die Leserschaft mit augenzwinkernder Ironie ein, ihm dabei zu folgen: „Und je geringer der Realitätsbezug, desto eher bringt er [Dittmar, Anm. des Autors] die Sprache selbst zum Funkeln.“ (Klappentext).

Eingeschränktes Lesevergnügen

Nun mag man einer Verabschiedung des konventionell inhaltsbezogenen Erzählens, wie sie der Autor im vorliegenden Buch als ästhetisches Programm unter dem Titel „Formalismus“ postuliert („Jim strandet. Ein Anagramm“), ein Stück weit folgen. Wenn aber das Schwanken und Wanken eines traditionellen Erzählgefüges dadurch erkauft ist, dass die gleichwohl vorgetragenen Geschichten und Figuren vor allem Vorwand für die demonstrative Abgeklärtheit und Literaturgewandtheit ihres omnipräsenten Schöpfers sind, ist auch das intellektuelle Lesevergnügen einigermaßen eingeschränkt. Es ist schon eigenartig, aber vergleichen Sie einmal die direkten Redeweisen so unterschiedlicher Akteure wie der betagten Johanna (S. 143), des „Bernstein-Barons“ (S. 114), der Schülerin Bärbel (S. 64) oder einer Nachbarin im Haus (S. 98): sie ähneln sich frappant in ihrem nahezu druckreif elaborierten Schriftdeutsch. Die potentielle Vielstimmigkeit in Dittmars Erzählungen tendiert ins Monologische eines Ensembles von Bauchrednerpuppen. Dittmars Anspruch, sich von der Hinweisfunktion des sprachlichen Ausdrucks, von dessen Bedeuten eines Inhalts, ja vom sprachlichen Realitätsbezug überhaupt skeptisch abzusetzen und dabei auch noch einen zeichenspielerischen Freiraum zu erschließen, wird oft in autistischer Münze eingelöst, endet in eintöniger erzählerischer Selbstbespiegelung.

Theoretisches Missverständnis

Dass der ironische und launige Ton in Dittmars jüngerer Prosa letztlich nicht ins Freie oder zu einer völlig neuen Erzählqualität führt, hat nach Lektüre von „als wär’s ein stück papier“ vermutlich zwei wesentliche Gründe. Der eine liegt nach Ansicht des Rezensenten in einem theoretischen Missverständnis des Systems Sprache, der andere in Dittmars tatsächlicher Sprachverwendung, welche sich um besagte Theorie wenig schert: Das vom Autor Dittmar angestrebte sprachliche Gebilde, „das den Bezug zur Realität abgestreift (…) hat“ (S. 161), muss wohl erst noch gefunden werden. Als Symbolsystem par excellence steht „Sprache“ ganz unvermeidlich in einem Verhältnis zu „Realität“ als einem anderen als es selbst, systemtheoretisch gesprochen einer Umwelt, gegenüber welcher sich Sprache als „selbstreferentielles“ Konstrukt überhaupt erst konstituiert, abgrenzt und – etwa als Text – ausdifferenziert. Die Virtualität des Sprachlichen ist mithin nichts, das wir nach „Abstreifen“ eines Realitätsbezugs, sondern gerade in dessen symbolischer Verdoppelung gewinnen; elementar über die Operation der Verneinung eines behaupteten Sachverhalts. Im vorliegenden Erzählband zeigt sich, dass Dittmar im Zuge eines selbstbezüglichen Erzählens das inhaltliche Bedeuten der Zeichen keineswegs hinter sich lässt. In „Nach Schanghai, der Pelze wegen“ situiert er die Handlung in einer historisch überlieferten Realität, die meines Wissens unter diesem Aspekt – dem eines liechtensteinischen Auswandererschicksals – noch nie so beleuchtet worden ist. Zumeist aber stellt Jens Dittmar sein Erzählen in den Dienst eines ganz spezifischen, nämlich ihn interessierenden und betreffenden Realitätsbezugs („Mich! Mich interessiert das!“, S. 164). Es handelt sich um die anspielungs- und exkursfreudig ausgebreitete Realität eines Germanisten-Ichs mit umfangreicher Literaturkenntnis und einer Neigung, existenzielle Befindlichkeiten als Textereignisse, in einer je schon sprachlich verfertigten Fassung aufzugreifen, hypothetisch zu erörtern und wieder fallen zu lassen. Ganz so wie der Autor es der Figur des Felix in der titelgebenden Geschichte zuschreibt: „Er ist mit keinem Zustand lange zufrieden, weil ihn jeder Zustand früher oder später langweilt.“ (S. 52)


(1) Armin Öhri, Erzähltes Erzählen. in: Literaturhaus Liechtenstein. Jahrbuch 5/2010, S. 96
(2) „Ich spiele mit der Sprache, um ihr das Genick zu brechen!“ -  Interview in: KuL, 26. September 2010


Jens Dittmar, Als wär’s ein Stück Papier, Erzählungen, Bucher Verlag, Hohenems 2011, 168 Seiten, ISBN 978-3-99018-046-4, 18,50 €

Jens Dittmar veröffentlichte einen Band mit Erzählungen

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