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01.07.2015 |  Ingrid Bertel

„Alltag – Albtraum – Abenteuer“ - Gebirgsüberschreitung und Gipfelsturm in der Geschichte

„Die Entdeckung der Landschaft“ war Thema des zweiten Montafoner Gipfeltreffens Mitte Juni in Partenen. Die Tagung zwei Jahre zuvor hatte sich mit einer ebenso breit angelegten Thematik, nämlich dem Gipfelsturm, beschäftigt, und zwar quer durch die Weltgeschichte und sämtliche wissenschaftlichen Disziplinen. Die Ergebnisse liegen in einem sorgfältig edierten Band vor – und bieten erstaunliche Erkenntnisse.

Im Jahr 1610 führte der Bludenzer Vogteiverwalter David von Pappus eine Grenzvisitation im Bereich der Alpe Spora im Gauertal durch. Es war die Pflicht, die ihn in diese abgelegene Gegend rief. Von einem Gemetzel mit 130 Toten war ihm berichtet worden. Das lag zwar mehr als hundert Jahre zurück, aber Ermittlungen ziehen sich bisweilen hin. Wer sollte das besser verstehen als ein pflichtbewusster Beamter? Pappus fand allerdings genau so wenig Spuren des Gemetzels wie eine Gruppe von Archäologen im Jahr 2010.
War der Bludenzer Vogteiverwalter ein Freund von Wanderungen im Gebirge? Wenn es nach namhaften Historikern geht ja. Karl Heinz Burmeister schrieb ihm die Erstbesteigung der Schesaplana zu und nannte das „die eigentliche Geburtsstunde des Alpinismus im Lande … zugleich auch ein erster Beitrag Vorarlbergs zur Eroberung der Alpen überhaupt“. Alles Kokolores, befindet Manfred Tschaikner und zählt mit unübersehbarem Genuss die „Missverständnisse“ auf: Pappus sei nicht auf die Elsspitze gestiegen, „sondern weilte auf einer Flur nahe der Elsalpe“; er habe auch nicht die Rote Wand erobert, sondern sei mit seinen Leuten tunlichst an ihr vorbei durch das Formarintal gezogen; er begab sich nicht auf das Vallülajoch und schon gar nicht auf die Schesaplana. Er besichtigte den Gletscher in Brand. „Und zum Besichtigen“, so Tschaikner süffig, „mussten die erwähnten Örtlichkeiten nicht auch bestiegen werden.“
Wenn mit steigenden Ansprüchen an den Gipfelsturm auch die Neigung zum Flunkern steigt, dann ist das zwar verständlich, aber nicht lässlich, geht es doch im Hochgebirge - zumal aus christlicher Sicht - um die Begegnung zwischen Gott und Mensch. Die findet Martin Lang in den Schriften des aramäischen Lyrikers Ephraim, der Syrer. „Mit dem Auge des Geistes sah ich das Paradies/ und die Gipfel aller Berge lagen unter seinem Gipfel.“
Das Paradies eine Art Mount Everest? So sieht es wohl Papst Benedikt XVI. Seinen Amtsverzicht begründete er mit den Worten: „Der Herr ruft mich, auf den Berg zu steigen …“ Naturgemäß war damit keine sportliche Herausforderung gemeint, sondern ein „vita contemplativa“ in Nachfolge von Moses, Elias, Jesus, der visionären Schau der drei Jünger auf dem Tabor und natürlich von Petrus – allesamt Bergler mit einschlägigem Erlebnis.

Die Königsideologie

Was Gott recht, ist dem König billig. Ein sumerischer Text berichtet von Baumaterialien, die aus dem Gebirge geholt werden, und Sebastian Fink schließt daraus: „Der König bringt aus einer Reihe von entlegenen Gebirgen wertvolle Stoffe für den Tempelbau herab, wodurch der Tempel zu einem Bild der Welt, aber gleichzeitig auch der König zum Beherrscher der bekannten Welt wird.“
Das funktioniert offenbar auch mit edlem Waidwerk. So sah es jedenfalls Kaiser Maximilian. Nach der glücklichen Errettung aus Bergnot in der Martinswand nahe Innsbruck, inszenierte er dortselbst veritable Heldenfestspiele. Die geneigten Zuschauer konnten aus sicherer Entfernung beobachten, wie er sich mit seinem Gefolge in den Felsen umtat. Allerdings vermied er es, auf die Tiere zu schießen. Seine  Jäger stiegen den Gämsen „bis in die höchsten Wände nach und versuchten, sie mit meterlangen Spießen abzustechen.“ Wie das wohl die Gämsen sahen, fragt sich 1749 in lateinischen Hexametern Franz Bernhard Freiherr von Hornstein. Er erzählt von einer „Gämsenjagd im Allgäu“, und zwar aus der Sicht eines alten Gamsbocks.

Eine prima Nachrede

„Wegen der detailreichen Episoden der Wetter- und Geländeeinflüsse auf Körper und Psyche der Soldaten ist der Text höchst interessant“, meint Oliver Stoll über den sogenannten „Annabis“, der die mühselige Route eines Söldnerheers beschreibt, das der Grieche Xenophon im Jahr 401 v. C. vom Irak aus über die armenischen Gebirgsketten bis zur Schwarzmeerküste führte. Barbara Czerny erkennt die spezielle Schwierigkeit solcher Unternehmungen: „Der moderne Mensch denkt zwei- bzw. dreidimensional. Karten erleichtern zudem die Verbildlichung der unbekannten Fremde. Dem Reisenden der Antike blieb dies verwehrt. Er verstand den Raum, indem er ihn beschritt.“
Diese Orientierung entlang einer zu findenden linearen Route teilte Xenophon mit Alexander dem Großen, Hannibal oder dem römischen Feldherrn Caecina, der 30.000 Soldaten ausgerechnet im März, also bei geschlossener Schneedecke und erheblicher Lawinengefahr, über den Großen St. Bernhard führte. Diese Meisterleistung führte dazu, dass der Pass rasch zur wichtigsten militärischen und nachrichtentechnischen Verbindung zwischen Italien und dem Rheinland wurde. Trotzdem ist der Römer praktisch vergessen, während sich Hannibal einer prima Nachrede erfreut. Das liegt vielleicht nicht so sehr an seiner militärischen Leistung als an der Bildmächtigkeit der 37 Elefanten.
Gerade das Beispiel Hannibal zeigt nämlich, wie mit Bergbildern politisch gearbeitet wird. 1812 malte William Turner ein Gemälde mit dem Titel „Snow storm: Hannibal and his army crossing the Alps“. Jon Mathieu vermutet eine anti-französische Haltung hinter dem Bild und stellt eine Verbindung zum Russlandfeldzug Napoleons her: „Turner kannte nachweislich das berühmte Napoleon-Bild von Jacques-Louis David, das den französischen Ersten Konsul im Jahr 1800 mit seiner Italienarmee beim Überschreiten des Großen St. Bernhard zeigt. Napoleon sitzt auf einem feurigen Ross, und an seinem Fuß nennen Felsinschriften die wenigen Feldherren, denen diese heroische Tat in der europäischen Geschichte gelang: Hannibal – Karl der Große – Bonaparte. Turners Bild von 1812 zeigte dagegen keinen Helden, sondern nur einen erbitterten Kampf zwischen verschwommenen Kriegern inmitten eines schreckenerregenden Wirbelsturms.“

Der russische Marschall Alexander Wassiljewitsch Suworow seinerseits hatte ein völliges Debakel zu verantworten, als er 1799 über vier Alpenpässe, darunter den Gotthard, ins Alpenrheintal zog. Dennoch wurde er in einer geradezu grotesken Verdrehung der Tatsachen zum Helden und seine fremde Armee zum Garanten der unabhängigen Schweiz verklärt.

Männlich, markig, furchtlos

Zwei Jahrtausende hatten bewiesen, dass Krieg im Gebirge topografische Herausforderungen mit Ressourcenarmut der Gegend und besonderen Schwierigkeiten beim Nachschub verbindet. Es galt also die Regel: Überqueren und möglichst schnell davonziehen. Das hielt die österreichische Generalität 1914 keineswegs von einem Stellungskrieg im Hochgebirge ab. Da relativ schnell klar wurde, um welchen fatalen militärischen Fehler es sich dabei handelte, wurden die Dolomiten mit propagandistischem Dauerfeuer überzogen. Für das Kitschbild individueller Heldentaten im industrialisierten Massensterben musste der „Tiroler Standschütze“ herhalten. Er geistert noch durch die Bergfilme mit Luis Trenker und Leni Riefenstahl. „Die Berge werden zum militärischen Übungsfeld“, meint Dirk Rupnow. Der Nationalsozialismus wird sich genau dieser Haltung bedienen.

Patriotismus und Forschung

Wird weniger gelogen, wo es um Sport, Wissenschaft oder Abenteuerreisen geht? Keineswegs. Das zeigen schon die Berichte des berühmtesten aller Weltreisenden, des Venezianers Marco Polo. Die Zeitgenossen sahen ihn zwar als „den gewissenhaftesten aller Forscher“, aber schon Alexander von Humboldt hatte daran seine Zweifel, wenn er etwa von den „ausgezeichneten Weideflächen“ des Pamir-Gebirges las. Möglicherweise, so nahm er an, sei Marco Polo gar nicht bis China gereist, sondern nur bis zu den Niederlassungen seiner Familie am Schwarzen Meer; möglicherweise hängte er einfach eine Sammlung von geografischen, ethnografischen und historischen Berichten am Faden einer fiktionalen Reiseroute auf.
Dergleichen konnte sich Johann Wilhelm Fortunat Coaz nicht leisten. Er stand im Dienst eines ehrgeizigen Unterfangens, nämlich der Vermessung der Schweiz. Als Kartograf, und nicht etwa als Sportler, gelang ihm die Erstbesteigung des Piz Bernina. Dabei war Coaz durchaus Patriot: die Gipfelstürmer sollten nicht immer nur Briten sein.
Vielleicht hängt die Beliebtheit der Zimba ja gerade damit zusammen: es war ein Bludenzer Handwerker, Anton Neyer, und kein schottischer Fabrikant (John Sholto Douglas), der als erster ein Steinmännchen auf den Gipfel türmte. „In einer Zeit, in der Hochgipfelersteigungen üblicherweise im Auftrag von herrschaftlichen oder militärischen Auftraggebern durchgeführt wurden, bildete die ehrgeizige Aktion eines Einheimischen eine Ausnahme“, weiß Christof Thöny. 1943 schrieb ein aufatmender Bludenzer namens Franze Emesd ins Gipfelbuch: „Ich Alein kein Marmeladebruder“.
Denn zu diesem Zeitpunkt waren die Gipfel fest im ideologischen Würgegriff der Nazis. Und wenn die Steinmännchen durch Gipfelkreuze ersetzt wurden, dann lag darin eine trotzige Geste. Als „Kreuzzug“ wurde im „Vorarlberger Volksblatt‘“ das Errichten des Gipfelkreuzs auf dem Piz Buin beschrieben. Es „sei ein Zeichen, dass dieses Land christlich ist und bleibt, allen Anstürmen der ‚Überwinder des Christentums‘ zum Trotz. Mit den Überwindern des Christentums waren im Jahr 1936 wohl in erster Linie die Nationalsozialisten gemeint“, meint der Historiker Michael Kasper.

„Meet the Nazis“ – diese Form von „Living History“ gibt’s noch nicht, aber allerlei Pilgerrouten, literarische oder kulinarische Wanderungen und Trekking auf historischen Pfaden. Sarah Willner und Bernhard Tschofen fragen, ob Touristen damit in historische Erlebniswelten eintauchen und kommen zum Ergebnis: keinesfalls. Wer „prähistorisches Wandern“ auf den Spuren von Ötzi mitmacht, erlebt in erster Linie Distanzierung. Eine der beforschten Teilnehmerinnen meint trocken: „Es sei an diesem Ort wie in ,Sound of Music‘. Er erinnere an eine Fototapete.“

 

„Alltag – Albtraum – Abenteuer“ - Gebirgsüberschreitung und Gipfelsturm in der Geschichte, Michael Kasper, Martin Korenjak, Robert Rollinger, Andreas Rudigier (Hg.), 373 Seiten, € 44,90, ISBN 978-3-205-79651-0, Verlag Böhlau 2015

Jacques-Louis David, Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard, 1800 (Kunsthistorisches Museum Wien)

Jacques-Louis David, Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard, 1800 (Kunsthistorisches Museum Wien)

J. M. W. Turner, Snow Storm: Hannibal and his Army Crossing The Alps, 1812 (Tate Gallery London)

J. M. W. Turner, Snow Storm: Hannibal and his Army Crossing The Alps, 1812 (Tate Gallery London)

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  • Jacques-Louis David, Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard, 1800 (Kunsthistorisches Museum Wien) Jacques-Louis David, Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard, 1800 (Kunsthistorisches Museum Wien)
  • J. M. W. Turner, Snow Storm: Hannibal and his Army Crossing The Alps, 1812 (Tate Gallery London) J. M. W. Turner, Snow Storm: Hannibal and his Army Crossing The Alps, 1812 (Tate Gallery London)