Lars Danielsson Liberetto: Echomyr
„,Echo‘ beschreibt ein weites Feld von Klang, ‚myr‘ ist ein altes nordisches Wort für ‚Moor‘. Klang aus den Tiefen der Erde, aus dem tiefsten Inneren. Gerade jetzt stellen wir uns die Frage, was uns menschlich und unverwechselbar macht.“ So erklärt der schwedische Kontrabassist, Cellist und Komponist Lars Danielsson seine Wortkreation „Echomyr“ für das durch Carolina Grinne am Englischhorn veredelte Titelstück – ein Paradebeispiel für das musikalische Spannungsfeld zwischen Jazz, Klassik und schwedischer Tradition, in dem sich der vielbeschäftigte Göteborger höchst erfolgreich bewegt.
Dabei kann er sich nicht nur auf seine außergewöhnliche Kreativität verlassen, sondern vor allem auch auf die musikalische Kontinuität, die Klarheit und den Tiefgang seines seit 2012 bestehenden Quartetts Liberetto (eine weitere seiner Wortschöpfungen, die Kombination aus „Libretto“ und „liber“ für lat. frei). Der versierte, als e.s.t.-Drummer bekannt gewordene Magnus Öström und der britische Gitarrist John Parricelli waren von Anfang an dabei, der aus Martinique stammende Grégory Privat ersetzt seit 2017 Tigran Hamasyan am Piano. Danielssons zehn neue Kompositionen für das mittlerweile fünfte Album der Band lassen an Abwechslungsreichtum keinerlei Wünsche offen.
Auf den kurzen sphärischen Cello-Auftakt „Pre“ folgt das vom singend-swingenden Bass und quirligen Drums vorangetriebene und mit flotten Pianolinien verschränkte Erinnerungsstück an die Geburt von Danielssons ersten Enkelsohn „Allan“, das von einem ausdrucksstarken Bass-Solo des stolzen Opas gekrönt wird. Darauf folgt mit „Supreme“ eine entrückt mäandernde Hommage an John Coltrane, die in eine expressive, von Gastmusiker Arve Henriksen intonierte Trompetenmelodie übergeht. „Glór“ pulsiert irgendwo zwischen Klassik, Folklore und jazzigem Groove und wird schließlich zur Spielwiese von Privats und Parricellis musikalischem Einfallsreichtum. Im Latin-angehauchten „Sensitiva“ mutiert der Bass zum warmklingenden Melodieinstrument. „Ascending“ ist ein eigens für diese Besetzung neuarrangierter Satz aus einem Auftragswerk für die Göteborger Symphoniker, den der mit allen musikalischen Wassern gewaschene Magnus Lindgren mit einem dramatischen Flötensolo bereichert. Im kontemplativen „Himlen Över Dig“ lässt Arve Henriksen nochmals seinen warmen Trompetenton erklingen, das quirlige, hochdramatische „Presto“ hingegen hat seinen Ursprung in einer Idee, die Danielsson ursprünglich für ein Stück für Cello und Streichorchester hatte. Und der nachdenkliche Closer „Something She Said“ mit Lars Danielsson in der ungewohnten Position des Pianisten und Parricelli an der verhallten Gitarre ist spontan in einer Late-Night-Session der beiden als Reaktion auf die Nachrichtenbilder aus den aktuellen Kriegsgebieten entstanden – ein „first take“ voller Tiefe und Emotion. Lars Danielsson schöpft also aus einem breiten Spektrum an Einflüssen und Ideen, letztlich wirkt aber – sicher auch, weil die exzellenten Musiker bestens aufeinander eingespielt sind – alles wie aus einem Guss: absolut kitschfreier Wohlklang, der durch kompositorisches Geschick, rhythmischen Abwechslungsreichtum und das virtuose Können aller Beteiligten spannend bleibt.
(ACT)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Mai 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.