Klang gewordene träumerische und groovige Schlaflosigkeit
Jubel für das Symphonieorchester und das Jazzorchester Vorarlberg
Es ist schon Jahre her, dass das Symphonieorchester Vorarlberg im Rahmen seines Abonnementprogrammes Vertrauen in die schöpferische Schaffenskraft eines zeitgenössischen Komponisten aus Vorarlberg gesetzt hat. Kurz vor seinem Abgang bewies der ehemalige Geschäftsführer Sebastian Hazod Mut und Weitblick. Er führte die Musiker:innen des SOV sowie das Jazzorchester Vorarlberg zusammen und vergab an den Trompeter Martin Eberle sowie den Pianisten Benny Omerzell einen Auftrag für ein abendfüllendes Werk. Mit Spannung wurde nun „Insomniac Dreams“ erwartet, denn nicht nur als Komponisten und Solisten standen die beiden kreativen Musiker auf der Bühne, sondern zugleich auch als Leiter des groß besetzten Orchesters. Die Uraufführung am vergangenen Wochenende war in mehrerlei Hinsicht ein Fest der Sinne und der musikalischen Kreativität, das das Publikum mit Standing Ovations feierte.
In sieben Teilen näherten sich Martin Eberle und Benny Omerzell Träumen eines Schlaflosen an. Die drei Abschnitte „Reverie“, „Detuned Reality“ und „Phantasmagoria“ stammten aus der Feder von Benny Omerzell. „Fliegen“, „Mäandern“, „Violet“ und das Finale steuerte Martin Eberle bei. Mit einem guten Gespür für Stimmungswechsel mischten die Komponisten die Teile und führten die Zuhörenden in eine farbenreich und sensibel ausgelotete (Traum-) Welt, die unterschiedlichste emotionale Zustände musikalisch erlebbar machte. Die einzelnen Abschnitte wirkten hervorragend proportioniert und ließen vielfache Wechselspiele zwischen Spannung und Entspannung zu. Die gut abgemischten Sounds sowie das stimmige Farbkonzept unterstrichen die intuitiv wirkende Musik zusätzlich.
Unterschwellige Spannungen
Bereits die Titel der sieben Abschnitte regten die Fantasie an, und wohl manche erlebten einen farben- und bilderreichen Trip durch Klanglandschaften, die auch als Soundtrack dienen könnten. Vielschichtig und nie effekthascherisch konzipierten Martin Eberle und Benny Omerzell die Komposition. Zahlreiche melodische, rhythmische und spieltechnische Feinheiten lenkten immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich. Sie verstärkten die Dialoge zwischen einzelnen Stimmgruppen, erzeugten eine intensive unterschwellige Spannung, entfalteten ein sinnlich schwebendes Klanggewebe oder entwickelten einen mitreißenden Groove. Darin eingebettet beeindruckten die Komponisten auch als Solisten.
Mit einem Trompetensolo in die Atmosphäre eingetaucht
Das einleitende Solo von Martin Eberle gab sogleich die Richtung vor. Mit einem atmenden Duktus, Luft- und Spielgeräuschen erzeugte er eine Atmosphäre, die einen großen Raum für naturhafte Assoziationen und schattenhafte Wesen öffnete. Mit offensichtlicher Spielfreude brachten sich die Orchestermusiker:innen ein und schufen mannigfache Schattierungen. Dass zwei unabhängige Klangkörper, die zudem auf ganz unterschiedliche musikalische Metiers spezialisiert sind, nämlich ein Symphonie- und ein Jazzorchester, bei diesem Projekt fusionierten, hatte in der Darbietung von „Insomniac Dreams“ keine Bedeutung.
Streicherstimmen in vielgestaltigem Kontakt
Oft bergen Projekte, bei denen klassisch ausgebildete Musiker:innen als Partner:innen von Jazzer:innen mitwirken, die Gefahr, dass die Streicher lediglich Klangteppiche produzieren. Doch das rhythmisch-melodische Gewebe von Martin Eberle und Benny Omerzell verlieh den Streichern bedeutende motivische Rollen und stellte sie originell mit den Bläserpassagen sowie der Rhythmusgruppe in Beziehung. Facettenreich waren die einzelnen Stimmen des groß besetzten Orchesters auskomponiert oder mit spieltechnischen Anweisungen versehen, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkten. In Erinnerung blieben zahlreiche kammermusikalisch geführte Dialoge, wie die choralartige Schlusspassage des Streichquartetts in „Reverie“. Die in Zeitlupe ausgeführten Vibratobewegungen der Celli in „Detuned Reality“ ergaben einen schwebenden Klangcharakter. Subtile Korrespondenzen entwickelten sich zwischen den Violinen und der Bratsche in „Phantasmagoria“.
Harmonische Verdichtung und rhythmische Stabilität
Für Spannung sorgten die massiven Blechbläserschübe in „Fliegen“ sowie die irritierenden Floskeln in „Mäandern“, mit denen die Streicherstimmen den musikalischen Fluss vorantrieben. Zahlreiche weitere Feinheiten belebten die Komposition. Sie alle bewirkten einen bunt schillernden Klangfluss, der über alle Teile hinweg die Aufmerksamkeit bündelte.
Viel Energie verströmten harmonisch aufgespreizte Passagen, die gut von der starken Rhythmusgruppe getragen wurden. Besonders die Teile von Martin Eberle lebten von harmonisch intensiven Kraftausbrüchen, die vielfältig transformiert wurden, so etwa in „Mäandern“ und besonders im Finale, wo ein mitreißender Groove die Kraft des großen Orchesters voll zur Geltung brachte.
Aussagekräftige Soli
Eingebettet in den vielschichtigen Verlauf bereicherten ideenreiche Soli von Phil Yaeger an der Posaune, Andreas Broger und Andrej Prozorov an den Saxophonen, Peter Rom an der E-Gitarre sowie Christian Eberle am Drumset das Werk. Benny Omerzell steigerte sich in seinen Soli mit vielerlei Sounds und in Kommunikation mit den Musiker:innen hinein, bevor Martin Eberle mit seinem abschließenden Trompetensolo den Klangfluss wieder beruhigte und damit eine gute Klammer zum Beginn des Werkes setzte. Ein schlichter Liegeton in den Kontrabässen beendete schließlich den intensiven musikalischen Trip der schlaflosen Träume.
Martin Eberle und Benny Omerzell waren nicht nur als Komponierende und inspirierende Solisten allgegenwärtig, sondern darüber hinaus auch als Dirigenten gefordert. Die geschickte Aufteilung der Dirigate, zudem unterstützt vom Perkussionisten Christian Eberle, ergab eine über das gesamte Werk gespannte Sicherheit, die alle musikalischen Verläufe zusammenhielt. So stellte sich, auch durch die gestalterische Freude der Orchestermusiker:innen, im großen Saal des Festspielhauses eine konzentrierte und inspirierende Atmosphäre ein. Mit jubelndem Applaus dankten die Zuhörenden für dieses außergewöhnliche Konzerterlebnis, das noch lange nachwirken wird und einen Markstein in der Wirkungsgeschichte sowohl des SOVs als auch des JOVs bedeutet.