Dhafer Youssef: Shiraz
Mit diesem seiner Frau, der Filmregisseurin Shiraz Fradi, gewidmeten Album, seinem Debüt beim Münchner ACT-Label, macht der aus Tunesien stammende Oud-Virtuose und stimmgewaltige Sänger Dhafer Youssef das Dutzend an höchst eindrucksvollen Einspielungen voll. Es war ein langer und ausgesprochen imposanter Weg, der den Wanderer vom musikbesessenen Gelegenheitsarbeiter im Wien der 1990-er Jahre, wo seine Karriere begann, über Paris und Skandinavien wieder zurück nach Wien und schließlich in die tunesische Heimat brachte.
Er fand für die einzelnen Etappen geniale Weggefährten wie Wolfgang Puschnig, Markus Stockhausen, Renaud Garcia-Fons, Nguyên Lê, Eivinad Aarset, Dieter Ilg, Rune Arnesen, Bugge Wesseltoft, Jan Bang, Wolfgang Muthspiel, Paolo Fresu, Tigran Hamasyan, Nils Petter Molvaer oder Zakir Hussain, und auf seinem bislang letzten, 2023 erschienenen Überflieger-Album „Street of Minarets“ finden sich auf der Besetzungsliste amerikanische Top-Musiker wie Herbie Hancock, Marcus Miller, Vinnie Colaiuta und Ambrose Akinmusire. Diese großen Namen, hinter denen stets auch großartige Musik steht, machen aber nur einen Teil des Phänomens Dhafer Youssef aus, denn der wurde von seinem Großvater, einem Muezzin, von klein auf in der Rezitation von Koranversen und in den arabischen Gesangstechniken der Sufi-Tradition geschult. Der mittlerweile 58-Jährige verbindet in seinem einzigartigen, sehr stimmigen Musik-Mix Orient mit Okzident und Chamber-Jazz mit Rock und Elektronik, die Welt wundervoller Töne und ausgefallener Sounds braucht aber immer auch eine Entsprechung im emotionalen, seelischen und spirituellen Bereich. Das verlief nicht immer problemlos, so kämpfte er beispielsweise sieben Jahre lang um die Fertigstellung des „Minarets“-Albums, das schließlich so erfolgreich wurde, dass er die letzten zwei Jahre damit auf Tour war. Klarerweise nicht mit den vielbeschäftigten und kaum erschwinglichen US-Superstars, sondern mit einer Handvoll höchst talentierter, junger, europäischer Musiker. Der spanische Pianist Daniel García Diego aus Salamanca hat auf bislang drei ACT-Alben mit seinem ganz speziellen Flamenco-Jazz begeistert, Mario Rom (Shake Stew, Mario Rom’s Interzone) zählt zu den österreichischen Top-Trompetern, E-Bassist Swaeli Mbappe und Drummer Tao Ehrlich mischen erfolgreich in der Pariser Szene mit, zu deren zentralen Figuren Gitarrist Nguyên Lê zählt, der bei „Shiraz“ auch für das Sound-Design sorgte.
Das Sextett war also schon bestens aufeinander eingespielt, als man die neun neuen – drei davon mehrteiligen – Kompositionen im Studio einspielte, was sich durch einen perfekten Band-Sound bemerkbar macht. Der Opener „Rose Fragrance“ entführt mit einer mystisch verhallten, sich ständig wiederholenden, leicht ins Ohr gehenden Phrase auf Piano, Oud und Trompete in Youssefs musikalische Zauberwelt, in der man sich wohl und geborgen fühlt. Daran schließt der erste Teil von „Eyeblink and Eternity“ stimmig an, ehe sich das Stück im zweiten Teil mit kraftvollen Drums, elektrisierenden Basstönen, pulsierendem Piano, flotten Oud-Linien und gleißender Trompete in rockige Dimensionen bewegt. Lyrisches Flamenco-Feeling macht sich zu Dhafer Youssefs soundfarbenreicher Stimme in „Generalife Gardens“ breit. Das dreiteilige „The Epistle of Love“ ist im Zentrum des Albums platziert und entwickelt sich von sanft suchenden Klangmalereien, über ruhige, eigentümlich ineinander verzahnte Dialoge zu einem schrägen, fast schon hypnotisierenden Funk-Groove. Das Oud-Solo „Placelessness“ wirft einen stimmungsvollen Spot auf den ruhelosen Seelen-Wanderer, ehe man im rasanten Oud-Piano-Duo „Terpsichorean“ von der Muse des Tanzes geküsst wird. In „Zakir Bhai Eternal Longing“ steht anfangs Dhafer Youssefs außergewöhnliche, archaische wirkende Falsett-Stimme im Zentrum, ehe das Stück in einen lässigen, melodienverliebten Oriental-Groove verfällt, der von Stimme und Trompete zum Höhepunkt geführt wird. Im mit mehr als 6 Minuten längsten Stück „41 Milestones“ verbinden sich mystische Vokallinien mit pulsierenden Jazz-Rhythmen und kraftvollen Trompetentönen, ehe im finalen „Shajan“ nochmals Dhafer Youssefs durchdringende Stimme zu sanften Pianotönen in ekstatische Höhen führt. Seine Frau Shiraz habe sein Leben geordnet, ihm Licht und Vertrauen in seine Kreativität während der deprimierenden Corona-Pandemie gebracht, schwärmt Dhafer Youssef. Aber das Paar wurde auch von düsteren Wolken überschattet, als sie an Krebs erkrankte und einen neuen Weg einschlagen musste, den sie, so Yussef, mit inspirierender Anmut und Widerstandskraft ging. Es geht letztlich also um Liebe, Hoffnung und Dankbarkeit. Ein sehr privates Album, aber auch eines von allgemeingültiger Schönheit.
(ACT)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.