„weltbewegt“ – Eine Ausstellung über Entwicklung und globale Zusammenarbeit
Michael Pekler · 28. Jun 2023 · Film

Indiana Jones und das Rad des Schicksals

In seinem letzten Abenteuer muss der berühmteste Grabräuber der Filmgeschichte dort weitermachen, wo er vor mehr als vierzig Jahren begonnen hat. Das bittere Ende einer der einflussreichsten Blockbuster-Reihen Hollywoods, die ihrem Helden keinen würdigen Abgang erlaubt.

Das erste Mal bekommt man ihn zu Gesicht, als ihm ein Sack vom Kopf gezogen wird. Denn wie in seinem ersten Kinoabenteuer wurde Indiana Jones schon wieder von Nazis gefangen genommen. Doch diesmal suchen sie nicht in Ägypten verzweifelt die Bundeslade für ihren Führer, sondern sitzen knapp vor Ende des Tausendjährigen Reichs in einer Festung in den französischen Alpen. Objekt der Begierde ist nunmehr die Heilige Lanze, und offensichtlich hat der sich eingeschlichene Amerikaner versucht, sie an sich zu bringen. Ob er alleine sei, will der Oberst von ihm wissen. Und erhält prompt die typisch trotzige Antwort: „I like to be alone.“
Das stimmt natürlich nicht, denn auch wenn der berühmteste Archäologe der Filmgeschichte schon immer so getan hat, als wäre er gerne ein Einzelgänger, so war er das doch nie. Denn Indiana „Indy“ Jones ist nie alleine: Nicht auf der Leinwand, wo er an allen Ecken und Enden alte Bekannte und junge Frauen trifft; und nicht als popkultureller Held für ein Millionenpublikum, das ihn seit Jahrzehnten treu im Kino begleitet. Weshalb er auch in seinem jüngsten und letzten Auftritt den Helden mit Schlapphut und Peitsche raushängen lassen kann, als der er seit Jahrzehnten ein Eigenleben führt.

Offene Rechnung

Der halbstündige Prolog zu „Indiana Jones und das Rad des Schicksals“ spielt, ebenso wie die Lanze und der Sack, für die restlichen zwei Erzählstunden zwar keine wesentliche, als Reminiszenz jedoch eine bedeutende Rolle. Denn erstens hat Professor Jones als „Jäger des verlorenen Schatzes“ (1981) mit den Nazis seit den 1930er Jahren eine Rechnung offen; und zweitens kann man den digital verjüngten Harrison Ford dabei beobachten, wie er halsbrecherische Stunts auf einem Motorrad und sogar einem fahrenden Zug vollführt, ehe der Film mit einem Sprung in die Zukunft in der Gegenwart des Jahres 1969 landet.
Während die amerikanischen Astronauten vom Mond zurückerwartet und frenetisch gefeiert werden, hält Jones seine letzte Vorlesung: im neuen Zeitalter der Weltraumtechnik ein kaum zu überbietender Anachronismus selbst für Menschen, die sich für die Vergangenheit interessieren. Vorbei ist es mit auf Augenlider gemalten Liebeserklärungen von Studentinnen für den schüchternen Professor, der als typischer Spielberg-Held erst lernen musste, aus sich herauszuwachsen. Stattdessen interessieren sich der US-Geheimdienst und seine Patentochter Helena (Phoebe Waller-Bridge) für den kurz vor der Pensionierung stehenden Eigenbrötler. Das heißt eigentlich nur für sein Wissen über eine Scheibe des Archimedes, genannt Antikythera, die der griechische Mathematiker bei der Verteidigung von Syrakus eingesetzt haben soll: das Rad des Schicksals. Woraufhin sich das bekannte Rad der Schauplätze – diesmal von New York über Tanger, Griechenland und Sizilien – zu drehen beginnt, während der Ex-Nazi Jürgen Voller (Mads Mikkelsen), mittlerweile als eine Art Wernher von Braun im Dienste des US-Raumfahrtprogramms, den magischen Teller an sich reißen möchte. Und Indy fortan von seiner toughen Patentochter, dem nach der Weltherrschaft greifenden Ingenieur und einem mehrfach umgeschriebenen Drehbuch durch diesen Film geschubst wird.

Letzter Vorhang

Die „Indiana Jones“-Reihe war schon immer eine in sich geschlossene Welt; ein Abenteuerspielplatz, der seit seiner Gründung durch Steven Spielberg und George Lucas wie ein Setzkasten funktioniert. Spielberg, glücklicherweise daran gescheitert einen Bond-Film drehen zu dürfen, schuf sich deshalb mit „Indiana Jones“ sein eigenes Franchise mit einem durch die Weltgeschichte reisenden Superhelden. Mit dem Unterschied, dass die Bösewichte nie wirklich ernst zu nehmen und die Schauplätze nie wirklich attraktiv waren. Und der sympathische Grabräuber sich stets auf das Glück des naiven Draufgängers verlassen konnte.
Es ist ein Bauprinzip, das zunehmend unter Abnützungserscheinungen zu leiden hatte und das nun, mit seinem aus der Zeit gefallenen Helden, endgültig fehlschlägt: Aus dieser Figur einen glaubwürdigen Charakter zu formen, der von privaten Traumata geschüttelt und dem Alkohol zugeneigt zu seiner letzten Mission aufbricht, erweist sich schlicht als unmöglich. Dass Regisseur James Mangold sich prinzipiell auf eine derartige Inszenierung verstünde, hat er mit Arbeiten wie „Cop Land“ und „Logan – The Wolverine“, beides Filme über alternde Helden mit finalem Auftrag, eindrucksvoll bewiesen. Doch als fehlte Lucasfilm und Disney das Vertrauen in ein solches Szenario, wird für Indiana Jones auch der letzte Vorhang zur spektakulären Kulisse für eine ermüdende Ansammlung unsinniger Verfolgungsjagden.
„Give 'em hell, Indiana Jones“, ruft ihm sein alter Freund Sallah hinterher, als Indy zum letzten Mal aufbricht. Eine Szene, die es sogar in den Trailer geschafft hat. Was man aber erst im Kino sieht, ist der für diesen Film typische alberne Moment, der beweisen soll, dass Indiana Jones es gerade noch schafft, selbstständig eine Straße zu überqueren.
Mit diesem Film hört sich das Rad des Schicksals für Indiana Jones auf zu drehen. Nun steht es still. Und es ist gut.