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Dagmar Ullmann-Bautz · 15. Feb 2024 · Theater

Höllenfreuden am Vorarlberger Landestheater

„Das Fest des Lamms“ oder Leppers geniales Bühnenvokabular

Was für ein großartiger Theaterabend. Das Publikum der gestrigen Premiere am Vorarlberger Landestheater durfte einen ganz besonderen Leckerbissen erleben. Das selten gespielte Stück „Das Fest des Lamms“ von Leonora Carrington stand auf dem Spielplan, ein Meisterwerk des surrealen Theaters, inszeniert von Johannes Lepper.

Auf einem noblen englischen Landsitz treffen die alte Mrs. Carnis, ihr schwacher Sohn Philipp, dessen zweite Frau Theodora, später auch noch seine erste Frau Elisabeth, ein rebellischer Diener, Schäfer und Schafe aufeinander. Hund Henry spricht und aus einer amourösen Beziehung mit der Hausherrin ist das werwolfartige, frauenbetörende Wesen Jeremy entstanden. Die beiden Frauen liefern sich keifende Gefechte um diese attraktive Bestie. Viele unschuldige Schafe werden kopflos aufgefunden und Geister treffen sich zum Rendezvous. Eine Geschichte voller Fantasie, fantastischer, traumähnlicher Bilder, voller Mysterien und Leidenschaft, voller Liebe und Aggression.

Malerin und Bildhauerin

Leonor Carrington (1917–2011) ist nicht in erster Linie Autorin, sie ist Künstlerin, Malerin und Bildhauerin und auf ihren farbenfrohen Werken begegnet der Betrachter ganz besonderen Wesen. Keltische Märchen, Gothic Novels aus Carringtons Kindheit und die surrealistischen Fabelwesen und archaischen Totems ihrer zweiten Heimat Mexiko scheinen Quellen ihrer Inspiration, sowohl für ihre Bilder als auch ihre Texte.

Wortkulissen statt Bühnenbild

Regisseur Johannes Lepper hat sich für eine leere Bühne ohne technische Unterstützung entschieden, für eine sogenannte Wortkulisse. Das heißt, die Schauspieler:innen erzählen neben den Spielfiguren das Setting und einen Teil der Handlung. Dem Zuschauer ist es überlassen, seine eigenen Bilder zu visualisieren. Eine wunderbare Idee, die funktioniert, wenn man sich darauf einlässt. Es ist wie beim Lesen, wo auch die Leser:innen die eigenen Bilder im Kopf entwickeln.

Aktuelle Bezüge

Ein im wahrsten Sinne des Wortes fantastischer Abend, der für ein offenes und fantasiebegabtes Publikum zum Fest wird. „Das Fest des Lamms“ lässt viel Raum für eigene Interpretationen, doch die Verbindungen und Bezüge zur aktuellen Situation – politisch wie gesellschaftlich – sind klar, wenn auch unaufdringlich gezeichnet.

Großartiges Ensemble

Dieses Stück und auch diese Art der Inszenierung kann aber nur mit einem großartigen Ensemble gelingen, einem Ensemble, das sich gegenseitig und dem Regisseur vertraut, was hier in Bregenz spektakulär bewiesen wurde.  Rebecca Hammermüller, Maria Lisa Huber, Roman Mucha, Nico Raschner, Raphael Rubino und Nanette Waidmann bilden jede/r für sich und alle zusammen dieses ganz wunderbare Ensemble. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib, sie überzeugen ob als Mensch, Schaf oder Mischwesen. Herrlich, wie sie als Schafherde über die Bühne blöken, vor Angst erstarren oder voll Freude springen und so dem spannenden Text mit ihren Körpern, bisweilen Modern-Dance-like, Ausdruck verleihen.

Spielerischer Marathon

Die alte Mrs. Carnis wird würdevoll, aber mit deutlich spürbaren Untiefen von Raphael Rubino dargestellt. Nanette Waidmann überzeugt mit jeder Bewegung, mit jedem Geräusch, jedem Ton als Lieblingshund Henry und betört als attraktives Mischwesen Jeremy, sowohl mit als auch ohne Kopf. Der Figur von Mrs Carnis Sohn Philipp, schwach, dem Alkohol verfallen, immer blass, gibt Nico Raschner klare Konturen. Roman Mucha großartig und überzeugend in der Darstellung von Diener, Schäfer, Schafbock und Liebhaber. Philipps erste Frau Elisabeth wird ganz wunderbar von Rebecca Hammermüller gespielt. Und atemberaubend die Darstellung von Philipps zweiter Frau Theodora durch Maria Lisa Huber. Gemeinsam exerzieren sie an diesem Abend einen spielerischen Marathon – großartig, Chapeau!

Kreide, Mehl, Stuhl

Die Kostüme von Monika Gebauer sind herrlich unaufdringlich, halten sich ebenso wie die ungestaltete Bühne von Johannes Lepper im Hintergrund. Es gibt wenige aber sehr wichtige Requisiten wie eine Kreide, mit der verschiedenste Eckpunkte gezeichnet oder geschrieben werden und ganz viel Mehl, das fließt und rieselt als Schnee, Wasser und Blut, und eine bedeutende Rolle dabei spielt. Oder der schlichte hölzerne Stuhl, der nicht nur zum Sitzen dient, sondern zum umkämpften Statussymbol, Sexobjekt und manch weiterem, was die Fantasie hergibt, gerät.
Am Premierenabend bedankte sich das Publikum mit langanhaltendem Applaus für den besonderen Abend und verließ das Theater in angeregter Diskussion.

Landestheater Vorarlberg: „Das Fest des Lamms“ von Leonora Carrington
weitere Vorstellungen: 17./20.2. und 7./15.3., 19.30 Uhr sowie 10.3., 17 Uhr
Publikumsgespräch: 10.3., 19 Uhr
Theater am Kornmarkt, Bregenz

www.landestheater.org