Beim 29. Philosophicum in Lech. (Foto: Lässiger Photography)
Michael Löbl · 21. Jul 2023 · Musik

Große Gefühle in magischer Atmosphäre

Bregenzer Festspiele: Wiederaufnahme von Giacomo Puccinis Oper „Madame Butterfly“ auf der Seebühne

Über die Seebühnen-Produktion von Giacomo Puccinis Oper „Madame Butterfly“ im Rahmen der Bregenzer Festspiele ist bereits im Premierenjahr viel berichtet worden, ihre Bilder gingen um die Welt, die spektakelbefreite, von Lichtstimmungen und einer ausgefeilten Personenregie dominierte Inszenierung erregte international großes Aufsehen und wurde von Publikum und Presse bejubelt.

Auch im zweiten Jahr hinterlässt diese für die Bregenzer Festspiele eigentlich untypische Produktion einen überwältigenden Eindruck. Das Zusammenspiel von See, Himmel und dem in wunderschöne Lichtstimmungen getauchten Kalligraphie-Papier-Blatt versetzt die Zuschauer binnen weniger Augenblicke in eine alltagsferne, fernöstlich-meditative Stimmung. Bald kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus und als einzige Frage bleibt: Was soll man zuerst bewundern?  

Der Sound

Das Richtungshören wurde im Laufe vieler Jahre perfektioniert und lässt nunmehr keinerlei Wünsche offen. Die Stimmen kommen von dort, wo man die jeweiligen Sänger sieht und die Technik folgt allen Bewegungen minutiös. Der Klang des Orchesters ist rund, klar, durchsichtig und perfekt mit der Dynamik der Sänger abgestimmt. In der Balance Sänger - Orchester ist man einem konventionellen Opernhaus vielleicht sogar um eine Nasenlänge voraus.

Das Orchester

Nach grob geschätzt vierzigmaligem Spielen dieser Oper (inklusive Proben und Aufführungen im Vorjahr) haben die Wiener Symphoniker „Madame Butterfly“ so richtig „drauf“ und schütteln die doch sehr anspruchsvolle Partitur quasi aus dem Ärmel. Aus den Lautsprechern hört man das Orchester, das ja auf der Bühne des Festspielhauses sitzt, perfekt abgestimmt, sehr natürlich, die zahlreichen Soli kommen präsent zur Geltung. Das leicht verstärkte Bassregister sorgt für den nötigen Wumms und insgesamt klingt das Ganze genau so, wie man sich ein erstklassiges Opernorchester zu hören wünscht.

Der Dirigent

Enrique Mazzola, der anscheinend vollkommen problemlos von der Hausoper „Ernani“ des jungen Verdi zu Puccini umschalten kann, führt  Chor, Orchester und Solisten souverän-entspannt durch den Abend. Die Sänger werden akustisch niemals zugedeckt und das Zusammenspiel aller Beteiligten funktioniert ohne Fehl und Tadel.

Die Inszenierung

Man muss es Andreas Homoki hoch anrechnen, dass er nicht versucht hat, die Geschichte künstlich zu aktualisieren und in unsere Zeit zu transferieren. Sein Augenmerk gilt der subtilen Personenregie und dem Arrangieren von tableauartigen Bildern mit japanischem Flair. Dass die Spannung über alle drei Akte gehalten werden kann, ist zu einem großen Teil sein Verdienst.

Bühne, Licht und Kostüme

Michael Levine, Franck Evin und Antony McDonald haben ein poetisches Setting erschaffen, das optisch genau das transportiert, was die Musik ausdrückt. Im Vergleich zu den vergangenen Jahren ist alles reduziert, konzentriert und doch vermisst man nichts. Jede Lichtstimmung verändert die Situation und mit wenigen Mitteln werden große Emotionen transportiert.

Die Besetzung

Wie immer sind die Hauptpartien dreifach besetzt, und wie immer bekommt die Premierenbesetzung fast hundert Prozent der Aufmerksamkeit in den Medien, während die Kolleg:innen – zumindest was die Presse betrifft – fast immer leer ausgehen. Die aus Usbekistan stammende Barno Ismatullaeva ist eine großartige Butterfly. Weder ihre Erscheinung noch ihre Stimme lassen vermuten, daß sie ein erst fünfzehnjähriges japanisches Mädchen verkörpert, aber das hat ja Puccini nicht erwartet und auch nicht komponiert. Das Publikum muss – wie fast immer in der Oper – großzügig über einige Ungereimtheiten hinwegsehen. Butterfly spricht ja sowohl mit ihrer Dienerin Suzuki als auch mit ihrem frisch angetrauten amerikanischen Ehemann italienisch, einer für beide doch weit entfernten Fremdsprache. So gesehen erscheint der überaus poetische Text des Liebesduetts am Ende des ersten Aktes in einem gänzlich neuen Licht. Barno Ismatullaeva verfügt über eine voluminöse Stimme mit strahlender Höhe und samtweicher Tiefe. Sie durchlebt alle Seelenzustände der tragischen Titelheldin musikalisch und darstellerisch überzeugend. Zu bewundern ist auch ihre stimmliche Kondition, diese kräftezehrende Rolle mit ihrem dramatischen Schluss ist ein Marathon für die Stimmbänder. 
Benjamin Franklin Pinkerton, US-Marineoffizier, wurde in der diesjährigen Premiere vom georgischen Tenor Otar Jorjikia gesungen. Auch er verkörperte seine Rolle überaus glaubhaft, ganz besonders die erschütternde Schlussszene, in der ihm die Tragweite seines Tuns bewusst wird, ging unter die Haut. Aber auch die Anfangsszenen und das Duett am Ende des ersten Aktes interpretierte er mit glänzender Tenorstimme und großer Musikalität. 
Die beiden Akteure im Hintergrund, die das tragische Ende der Geschichte von Anfang an voraussehen, sind Suzuki, Butterflys Dienerin, und der Konsul Sharpless. Wenig überraschend werden sie von einem Alt und einem Bariton gesungen, der Italienerin Annalisa Stroppa und dem Kanadier Brett Polegato. Beide gestalten ihre Rollen sowohl musikalisch als auch schauspielerisch ausgezeichnet und sehr überzeugend.

Dramaturgisches Ungleichgewicht

Einziges Manko dieses Abends ist das Ungleichgewicht in der Dramaturgie. Da kann niemand etwas dafür, außer der Komponist und seine Autoren Giuseppe Giacosa und Luigi Illica. Achtzig Prozent des Pulvers dieser Oper ist bereits nach dem ersten Akt verschossen. Zunächst werden die handelnden Personen eingeführt, Verwandte, Freundinnen und Beamte bevölkern die Bühne, es ist immer etwas los. Puccinis süffige Musik gibt jeder Person und den verschiedenen Situationen eigene, sprechende Klangfarben. Der erste Akt endet mit einem großen Liebesduett, darauf folgt normalerweise eine Pause. Zweiter und dritter Akt spielen ja fast vier Jahre später, Cio-Cio-Sans Sohn ist mittlerweile drei Jahre alt und genau so lange wartet sie bereits auf ihren Ehemann, der ja versprochen hat, sie abzuholen und nach Amerika mitzunehmen. Nun wird es auf der Bühne sehr statisch, die Handlung besteht hauptsächlich aus warten, weinen und schlafen. Erst in den letzten zwanzig Minuten, als Pinkerton mit seiner amerikanischen Frau die Bühne betritt, kann das Tempo des ersten Aktes wieder aufgenommen werden. Es spricht für alle Beteiligten, dass beim Publikum auch in diesen handlungsarmen Teilen keinerlei Unruhe aufkommt. Madame Butterfly ist eben eine wirklich zu Herzen gehende Story und der Mut der Festspielleitung, sich auf dieses Abenteuer einzulassen, wurde und wird belohnt, wie man anhand der Auslastung (2022: 100%) nachvollziehen kann.

Weitere Vorstellungen und Kartenreservierung:
www.bregenzerfestspiele.com