Grandios gespielte Sinnlosigkeit
Premiere der diesjährigen Hausoper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ im Bregenzer Festspielhaus
23 Jahre musste der tschechische Komponist Leoš Janáček warten, bis wieder eine seiner Opern in Bregenz aufgeführt wurde. 2003 hatte sich Intendant Alfred Wopmann nach 20-jähriger Amtszeit mit Janačeks „Das schlaue Füchslein“ von Bregenz verabschiedet.
Als nach drei Stunden Spieldauer der Schlussakkord verklungen war, ging es im Bregenzer Festspielhaus zu wie nach einem Popkonzert. Das Publikum feierte – vollkommen zurecht! – Sängerinnen und Sänger, den Chor, die Wiener Symphoniker aber auch Regisseur, Bühnenbildner und ganz besonders den Dirigenten. Man freute sich über den überwältigenden Publikumserfolg, denn die Realisierung dieses schwierigen Werkes war szenisch und musikalisch zweifellos eine große und kostspielige Herausforderung.
Leoš Janáčeks Meisterwerke haben ihren fixen Platz im Repertoire: Allen voran die Opern „Jenůfa“ und „Káťa Kabanová“, natürlich seine beiden Streichquartette, die Glagolitische Messe oder die großartige Sinfonietta für Orchester. Janáčeks Werkverzeichnis enthält aber auch zahlreiche weitere Kompositionen, die nur sehr selten zu hören sind. „Die Ausflüge des Herrn Brouček“ gehört dazu. Es handelt sich um eine Rarität, die allerdings derzeit sehr beliebt ist, denn es gab in den letzten Jahren Aufführungen in England, Brünn, Madrid, Berlin und Innsbruck.
Sinnbefreite Texte
Es geht um einen spießigen Prager Hausbesitzer namens Matěj Brouček und seine Clique, die sich aus Mietern und Stammgästen aus Broučeks Stammlokal zusammensetzt.
Entweder erträumt sich der Titelheld im Suff Reisen in andere Welten, etwa auf den Mond oder in das Prag des Jahres 1420, oder aber die Clique spielt ihm das alles vor. Ist es vielleicht ein Streich, ein Practical Joke, wird Brouček geprankt? Jedenfalls begegnet man allen Protagonisten der ersten Szene sowohl auf dem Mond als auch im mittelalterlichen Prag wieder. Leider ist der Plot – kurz gesagt – sinnlos. Und auch nicht wirklich lustig. Die Oper hat weder eine richtige Handlung noch wird eine Geschichte erzählt, zweieinhalb Stunden lang müssen die Zuschauer sinnbefreite Texte über sich ergehen lassen, in tschechischer Sprache mit Übertiteln. Auf dem Mond geht es um Künstler und Vegetarier, im Mittelalter um Krieg und Religion. Musikalisch erlebt man zwar zahlreiche großartige Momente, kunstvoll instrumentierte und stimmungsvolle Passagen, dann wieder Ausbrüche voller Energie, aber zu oft verliert sich Janáček in kurzen musikalischen Abschnitten, die auf Dauer ermüden.
Faszinierende Bilder
Die Aufführung in Bregenz war musikalisch herausragend, szenisch unglaublich aufwändig mit wirklich spektakulären Effekten, tollen Bildern und originellen Regieeinfällen.
Die Mondlandung von Broučeks Haus, die Mondbewohner, gekleidet in bunte Lampenschirme, mit denen man aber ganz viel machen kann, oder die verschiedenen Ansichten der Stadt Prag – das waren schon Hingucker. Großes Lob für den Regisseur Yuval Sharon und seine Partner Jon Bausor (Bühne, Kostüme) und Yi Zhao (Licht). Die Wiener Symphoniker laufen in der Hausoper regelmäßig zu ihrer Höchstform auf, so auch diesmal. Souverän geleitet von Robert Jindra meisterten sie die ungemein komplexe Partitur, die gespickt ist mit ständigen Tempo- und Stimmungswechseln und zahlreichen Soli für Holz- und Blechbläser. Haben die Festspiele diese Oper möglicherweise ausgewählt, um sich beim Prager Philharmonischen Chor und seinem Chorleiter Lukáš Vasilek für die inzwischen mehr als zehnjährige Zusammenarbeit zu bedanken? Mit einem Werk in ihrer Muttersprache inklusive großem Chorpart? Insbesondere im Mittelalter-Akt kann der Chor aus Prag zeigen, was ihn auszeichnet: Klangschönheit, Homogenität und eine enorme Durchschlagskraft.
Großartige Sänger:innen
Bei den Sängern weiß man gar nicht, wo man beginnen soll. Es gibt einfach keine einzige Schwachstelle in der Besetzung. Erwartungsgemäß erhielt der Interpret der Titelfigur den größten Applaus. Der englische Charaktertenor Peter Hoare hat den Matěj Brouček quasi zu seinem Spezialgebiet erklärt und ihn bereits mehrmals gesungen, auch in einer englischen Fassung. Für das junge Liebespaar Málinka und Mazal haben die Bregenzer Festspiele mit der in New York lebenden Armenierin Tatev Baroyan und dem verblüffend höhensicheren Tenor Mihails Culpajevs aus Lettland eine absolute Idealbesetzung gefunden – stimmlich, optisch und schauspielerisch. Aber auch Károly Szemerédy als Sakristán, Jana Kurucová als Kedruta oder Svatopluk Sem als mittelalterlicher Dichter ließen aufhorchen. Am Schluss sitzt Brouček wieder in seinem Zimmer beim Bier – als wäre nichts gewesen.
Yuval Sharon wird in zwei Jahren Richard Wagners „Der fliegende Holländer“ am See inszenieren, nachdem sich die Festspiele mit der ursprünglich vorgesehenen Regisseurin Lydia Steier nicht auf eine Zusammenarbeit einigen konnten. Mit der diesjährigen Hausoper hat er schon einmal ein starkes Zeichen gesetzt.
Weitere Vorstellungen:
So, 26.7., 11 Uhr
Mo, 3.8, 19.30 Uhr
Festspielhaus Bregenz
www.bregenzerfestspiele.com/de