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07.05.2020 |  Lea Putz-Erath

Zur Situation der Frauen in der Corona-Krise: Wissen Sie noch, was am 8. März 2020 los war?

Im Radio Vorarlberg hörten Sie ausschließlich Musik von Frauen und den ganzen Tag waren Moderatorinnen am Werk, am Vorabend spielte Aida Loos im Theater am Saumarkt und am Feldkircher Marktplatz versammelten sich Aktive zu einer wunderbaren Plakataktion, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dämmert es? Ja, genau 8. März, Internationaler Tag der Frauenrechte. Das war „PRÄ-Corona“. Das war bevor „die Frau an der Kassa“, oder „die Pflegerin“ plötzlich in aller Munde als Heldin gefeiert wurde, bevor Eltern den Unterricht für ihre Kinder selbst umsetzen mussten und bevor hunderte Vorarlbergerinnen die Nähmaschine zum Nähen von Masken aus dem Abstellraum hervor holten. Was das alles mit Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellungspolitik zu tun hat? Sehr viel, meine ich (und bin damit in guter Gesellschaft mit dem Frauenring oder der OECD). Sie erinnern sich vielleicht an ein paar der Themen der Ära „PRÄ-Corona“ in Zusammenhang mit Geschlechtergerechtigkeit? Gerne lasse ich Sie an meiner „Aufmerksamkeitsblase“, die zugegeben natürlich sehr spezifisch ist, ein bisschen teilhaben.

Partnerschaftlichkeit, Aufweichen von stereotypen Rollenvorstellungen

2019 wurde der neueste Bericht der Vereinten Nationen zur „Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau“ bezüglich der Situation in Österreich veröffentlicht. Österreich hat die UN-Frauenrechtskonvention 1982 ratifiziert und verpflichtet sich als Vertragsstaat, Frauen in allen Lebensbereichen Männern gleichzustellen. In mehrjährigen Abständen wird Österreich vom UN-Frauenrechtskomitee überprüft, zuletzt eben 2019. Einer der Punkte, bei denen Österreich sehr schlecht abschneidet, ist der Punkt „Stereotype Geschlechterrollen“: „Das Komitee hegt weiterhin Bedenken hinsichtlich des Fortbestehens diskriminierender Geschlechterrollen bezüglich der Verantwortung von Frauen für die Kinderbetreuung, was letzten Endes ihre beruflichen Chancen am Arbeitsmarkt schmälert.“[1]
PRÄ-Corona ist in diesem Punkt ein bisschen Bewegung gelungen: der „Papamonat“ und neue Rollenbilder für Männer sind für breitere Bevölkerungsgruppen zumindest besprechbar geworden, erste Erfolge bei den langjährigen Bemühungen, Mädchen für technische Berufe zu gewinnen, sind zu verzeichnen. „Familienfreundlichkeit am Arbeitsplatz“ wird langsam auch ein Thema für Männer.
In der Krise zeigt sich, warum es so wichtig wäre, in diesem Bereich tiefgreifende und nachhaltige Veränderung zu erzielen: Zu der Doppelbelastung Familie und Berufstätigkeit zu stemmen, ist ein drittes Element hinzugekommen: der Unterricht. Es sind schon eher wenige und wohl privilegierte Familien, in denen zur Zeit beide Elternteile ein Arrangement finden können, um diese Aufgaben zu Hause möglichst gerecht aufzuteilen. Manche Familien berichten, dass gerade jetzt ein Rollentausch erfolgt ist. Vor allem dann, wenn die Frau in einem systemrelevanten Beruf tätig ist. Es wäre schön, wenn hier Beispiele Schule machen würden. In den allermeisten Fällen bekommen die Mütter ungefragt einfach ein weiteres „Arbeitspaket“. Es sind die Automatismen, die in der Krise gut funktionieren, und Stereotype sind hierfür gute Wegbereiter. Niemand spricht darüber, Frauen übernehmen einfach, „weil es zu tun ist“, der Partner trotz Kurzarbeit deutlich mehr verdient oder beim eigenen Teilzeitjob (87 % aller Teilzeitbeschäftigen in Vorarlberg sind Frauen) scheinbar mehr Flexibilität im Zeitbudget besteht. Auch das wird in der berühmten Nachbetrachtung dieser Krise analysiert werden müssen.

Gewalt gegenüber Frauen

An die Schlagzeilen „Frauenmord …“ haben wir uns leider gewöhnt. In den ersten neun Kalenderwochen 2020 gab es bereits sechs Femizide in Österreich, 2015 gab es 14 weibliche Mordopfer, 2019 waren es 39.[2] PRÄ-Corona forderten Gewaltschutzeinrichtungen vehement und mit Nachdruck Budgeterhöhungen, um ihre lebensrettenden Leistungen weiterhin anbieten zu können. Jetzt, mitten in der Krise, deren Hauptkennzeichen das „Zu-Hause-Bleiben“ ist, müssen Angebote im Notfallmodus hochgefahren werden. In Vorarlberg wird im stationären Bereich vorgesorgt, plötzlich werden Gewaltschutzkampagnen vom Bund finanziert und die Frauenhelpline gegen Gewalt, 0800 / 222 555, erhält kurzfristig Mittel, um den 24h-Betrieb doch aufrecht erhalten zu können. Dennoch bleibt es eine sehr schwierige und mitunter gefährliche Situation für Frauen, die von psychischer oder körperlicher Gewalt bedroht sind, wenn Wege nach draußen so drastisch eingeschränkt sind, der Partner und die Kinder vielleicht alle zu Hause sind und somit auch die „Kontrolle“ in den eigenen vier Wänden stärker ist. Nicht zu vergessen ist dabei der Aspekt, dass die vielen kleinen „Hilfeleistungen“, die alltägliche Kontakte bieten, fehlen. Z.B. die aufmerksame Hausärztin, die eine Nachfrage an die „traurig wirkende“ Patientin stellen kann oder die Lehrperson, die auf Stress zu Hause reagieren kann.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Eigentlich ist das kein „Frauenthema“ sondern in einer geschlechtergerechten Welt, wie ich sie mir vorstelle, ein Thema für alle Eltern. Dennoch, die Lebenswirklichkeit in Österreich ist eine andere. Wenn es um Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, werden Väter bestenfalls mitgedacht. Seit ich die Medienberichterstattung und politische Diskussion dazu beobachte, wird als Lösung immer der Ausbau der Kinderbetreuung ins Treffen geführt. Es ist einiges passiert in Vorarlberg: Plätze wurden aufgestockt, Vorbereitungsstunden in der Kleinkindbetreuung budgetär besser gedeckt, doch es ist viel Luft nach oben. Es bleibt eine Forderung und Herausforderung, flächendeckend, qualitativ hochwertige, zeitlich umfassende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder aller Altersstufen anzubieten. Und es bleibt die Forderung, Kinderbetreuung einfach anzubieten, ohne Bedarfserhebung.
In der Krise wurden Kindergärten und Schulen geschlossen. Betreuung wird nur für die Familien angeboten, die das unbedingt brauchen, weil sie z. B. in einem systemrelevanten Beruf arbeiten oder es zusammen nicht mehr aushalten (wie Politiker*innen auf höchster Ebene uns zugestanden haben). Es bleibt zu beobachten, welche Mutter sich traut, das Kind im Kindergarten für die Notfallsbetreuung anzumelden mit dem Argument „Es geht zu Hause einfach nicht mehr“. Da können Bundespolitiker*innen das noch so häufig formulieren, im Dorf wird sich damit niemand die Blöße geben wollen. Organisationen wie Kinderbetreuung Vorarlberg rechnen POST-Corona mit geringeren Anmeldezahlen, weil Eltern ihre Arbeit verloren haben. Für Frauen ist es nachweislich schwieriger, nach einer Krise eine Stelle zu finden. Das schmerzt, denn wir sehen gerade jetzt, wie wichtig die eigenständige finanzielle Absicherung und die Berufstätigkeit beider Elternteile ist.

Gender-Pay-Gap

Daran ist wohl in den letzten Monaten vor der Corona-Krise niemand vorbei gekommen (vielleicht können wir es als kleinen Erfolg jahrelanger feministischer Bemühungen bezeichnen): Es hat sich zum medialen Standard etabliert, über die verschiedenen Gender-Pay-Gap-Tage zu berichten bzw. anlässlich dieser Tage aufzuzeigen, dass Frauen einfach viel weniger verdienen als Männer. Egal wie es gerechnet wird, mit Berücksichtigung des Stundenausmaßes, in gleichen Branchen oder verschiedenen, es bleibt dabei, Frauen verdienen weniger. Der stark segmentierte Arbeitsmarkt in Frauenbranchen und Männerbranchen ist eine Ursache dafür.
35 h, das forderten die Arbeitnehmer*innen seit November 2019 in den KV-Verhandlungen der Sozialwirtschaft. Zugegeben, für Vorarlberg sind diese Verhandlungen nur beschränkt relevant, da der Kollektivvertrag des Vorarlberger Sozial- und Gesundheitswesens hier weitreichende Gültigkeit hat und bereits im Februar zu einem Abschluss gefunden hat. Dennoch, wir haben in den Nachrichten Pflegepersonal, Sozialarbeiter*innen oder andere Mitarbeitende im Sozialwesen auf der Straße gesehen. Sie forderten berechtigt, wie ich meine, eine größere finanzielle Wertschätzung ihrer Leistungen und dies in Form einer weitreichenden Stundenreduktion auf eine Normalarbeitszeit von 35 h.
Und dann kam Corona und die letzte große Demo musste auf Grund der Verordnungen abgesagt werden, aus den Fenstern wurde für die neuen „Held*innen“ in der Pflege (und Einzelhandel …) geklatscht. Und am 1. April meldet orf.at den KV-Abschluss der Sozialwirtschaft mit einem Plus von 2,7 Prozent und Arbeitszeitverkürzung ab 2022.
Mitarbeitende im Lebensmitteleinzelhandel werden großen Risiken ausgesetzt, müssen Überstunden ableisten. Frauen in der 24-Pflege sollen eingeflogen werden, da sonst das Hilfesystem für Pflegebedürftige zusammenzubrechen droht. Nach großem Lob, Dank und verbaler Wertschätzung folgte ein verschwindend kleiner finanzieller Dank in Form von Gehaltsprämien (z. B. 500,00 Euro). Ehrlich? Im Gender-Pay-Gap wird das nicht zu messen sein. Josefine Koebe vom DIW-Berlin kommt in ihrer aktuellen Studie zum Schluss: „,Danke‘ und ,Corona-Boni‘ schützen nicht vor Altersarmut.“[3] Dem ist nichts hinzuzufügen.

Aktive politische Beteiligung von Frauen

Erinnern Sie sich noch, dass wir eigentlich am 15. März Gemeinderatswahlen gehabt hätten? Groß sind die Bemühungen, mehr Frauen für politische Ämter in Österreich zu gewinnen, auch bei der jetzt verschobenen Wahl. Nachdem Bundespräsident Van der Bellen die Übergangskanzlerin Bierlein angelobt hatte, sagte er: „Künftig kann niemand mehr sagen: Es geht einfach nicht.“ Die aktuelle Regierung ist zu 53 % weiblich besetzt. Es wird sich zeigen, wie sich der Frauenanteil in der Bewältigung und Aufarbeitung der Krise niederschlagen wird. Budgetplanung unter geschlechterpolitischen Gesichtspunkten fordern der Österreichische Frauenring sowie der Salzburger Frauenrat in ihrer Petition „Die Corona-Krise darf nicht auf Kosten der Frauen gehen“.[4] Wenn Frauen (und Frauenorganisationen) vermehrt in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden, dann ist dies sicherlich in diesem Sinne.
Somit hoffe ich, dass zum 8. März 2025 ein feministischer Rückblick auf die Jahre POST-Corona positiv ausfällt: Mehr Paare teilen seit Corona Familien- und Erwerbsarbeit gleichmäßiger auf. Eine wichtige Basis dafür ist, dass die Abschlüsse für frauentypische Branchen deutlich besser ausgefallen sind als vor 2020. Es ist gelungen auf Basis der Regionen flächendeckend und ganzjährig Ganztagsbetreuung/Ganztagsschule in Vorarlberg zu etablieren. Der Clou: über alle Systemgrenzen hinweg haben sich Männer wie Frauen hinter diese Entscheidung gestellt. Und bei den Budgets nach der Krise wurde besonders auf geschlechterpolitische Aspekte geachtet, die österreichische Volkswirtschaft hat sich damit schneller erholt als andere in Europa. Träumen werde ich ja noch dürfen …

[1] Vereinte Nationen (2019): Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau. Abschließende Bemerkungen des Komitees für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau, Österreich, hier S. 10

[2] Zahlen, Daten und Fakten zur Gewalt gegen Frauen: Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser https://www.aoef.at/index.php/zahlen-und-daten

[3] Koebe, Josefine/Samtleben, Claire/Schrenker, Annekatrin/Zucco, Aline (2020), Systemrelevant und dennoch kaum anerkannt: Das Lohn- und Prestigeniveau unverzichtbarer Berufe in Zeiten von Corona, DIW aktuell 28

[4] Petition: „Die Corona-Krise darf nicht auf Kosten der Frauen gehen“, online: https://www.frauenring.at/frauenring-corona-krise-nicht-kosten-frauen-gehen

Dieser Artikel ist bereits in unserer aktuellen Print-Ausgabe erschienen (Mai 2020, S. 44-46).

Lea Putz-Erath ist Sozialarbeiterin und Betriebswirtin, seit 2015 Lehrbeauftragte an der fhv, Studiengang Soziale Arbeit und seit 2017 Geschäftsführerin des femail FrauenInformationszentrums Vorarlberg

(alle Fotos © Feministische Frauen Feldkirch)

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