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04.05.2016 |  Willibald Feinig

Was uns noch zusammenhält - Montagsforum über „unsere Werte“ mit Marianne und Reimer Gronemeyer

Nachdenklich treten die einen aus den Schwingtüren des Dornbirner Kulturhauses; „Unsinn“ haben andere Marianne Gronemeyers Ausführungen in der Diskussion genannt: So gut wie jeder Satz der Autorin von Büchern wie „Die Macht der Bedürfnisse – Überfluss und Knappheit“ (erste Fassung 1988) und „Wer arbeitet, sündigt“ (2012), über das Scheitern der Schule (1996) und die Kunst des Aufhörens (2008) erregt Widerspruch. Nicht um des Widerspruchs willen – auf unverfrorene Herz- und Gedankenlosigkeit ist ihre Antwort Schweigen. Beim ‚Montagsforum’ am Tag nach der Präsidentenwahl steht der in Vorarlberg nicht Unbekannten der Soziologe Reimer Gronemeyer bei, ihr Mann – mit Beobachtungen aus seinen Feldforschungen im subsahelischen Afrika und in Altersheimen.

Hundertausende, wenn nicht Millionen Flüchtlinge sind „bei uns“ gelandet, in Europa. Auch in Zukunft wird der Zustrom der Flüchtenden nicht aufhören. „Wir“ heißen sie willkommen, schon aus demografischen Gründen - wenn sie sich integrieren (nicht, wenn sie integer bleiben, ganz, so, wie sie sind). „Wir“ beten die Bedingung nach und wählen die Vorbeter: Die Fremden müssen „unsere Werte“ übernehmen, wenn sie bleiben wollen!

Wen meint das Wir? Welche Werte? Was ist wert-voll? Jedes Kind weiß oder besser spürt es: Alles, was aus der Achtung vor dem Mitmenschen hervorgeht, aus Begegnung auf Augenhöhe, alles, was in der Gegenseitigkeit von Ich und Du besteht. Gronemeyer sieht es in Europa in großer Gefahr -  aber nicht wegen des Flüchtlingsstroms. „,Unsere Werte' dagegen, die um Asyl Bittende unterschreiben sollen – sind sie nicht  Leerformeln?“, fragt die kleine Frau, die bei Ivan Illich gelernt hat und den Nachlass des Halbverstandenen betreut. Hohles Wir-Gefühl statt Begegnung von Angesicht zu Angesicht.

Unsere Werte


Lang vor der digitalen‚ der sogenannten vierten industriellen Revolution ließ Margaret Thatcher die legendäre Bemerkung fallen, so etwas wie Gesellschaft gäbe es nicht. Sie zielte damit auf die Bremser bei Privatisierung und Gewinnoptimierung. Inzwischen erweist sich das Wort als sozusagen prophetische Diagnose einer Spaß-, Informations- und Machergesellschaft, für die Tausch das höchste der Gefühle ist, Konkurrenz vom Kindergarten- und Volksschulalter an eine Tugend, und Vereinzelung nicht erst, aber besonders im Alter etwas durch immer subtilere Technologie und Mechanismen sozialer Versorgung und Kontrolle zu Betäubendes.

„Unsere Werte“, das heißt: Mehr Wachstum, Produktivität, Aktivität, Mobilität, Wohlstand aufgrund von immer mehr Konsum, um den Preis des sich rasch verbreiternden Grabens zwischen Arm und Reich, kontinental wie global, auf Kosten der Natur, auf Kosten derer, die das Wir nicht umfasst. Im Zentrum Afrikas sitzen die Menschen auf den Koffern, berichtet dazu Reimer Gronemeyer, die Ernten werden immer geringer. Es gibt keine Regenzeit mehr. Das Klima hat sich gewandelt in Malawi; der Globus hat sich gewandelt in den Zeiten, in denen wir gelebt haben nach unseren Werten.

Der Flüchtlings-Tsunami stellt die technologischen Antworten in Frage, mit denen wir – in Europa, im Westen – uns schon lange begnügen, mit der Aussicht auf schnellen Erfolg. Wohl auch im Vertrauen auf europäisches Sozialmanagement hat Angela Merkel ihr „Wir schaffen das“ gesagt. Die schiere Menge der via Mittelmeer Geflohenen, unterwegs Umgekommenen, bis aufs Blut Ausgebeuteten - und auch Unterwanderten - hat aber außer fremdenfeindlichen Reflexen eine Wirkung gehabt, die niemand erwartete. Die überforderung der Sicherungssysteme bewirkte mehr als eine moralische Aufwallung – sie weckte Kräfte der Begegnung und Zuständigkeit für die Fremden. Der Anblick der Syrer, Iraki, Afghanen und Eritreer auf den Bahnsteigen verwandelte Konsumenten und Mitteleuropäer mit dem Recht auf Bedürfnisse in Menschen, in aufeinander Angewiesene, in Kooperierende um des Überlebens willen.

Das Kalkül des Nutzens


Die Logik der Gastfreundschaft, Grundweisheit der Bibel, der Weltreligionen und Kulturen vor allem in Afrika, der Wiege der Menschheit, haben wir ersetzt durch das Kalkül des Nutzens. Er hat vielen Wohlstand gebracht. Aber nun erhalten wir die Endabrechnung, und unter dem Strich stehen die Fliehenden am Balkan und auf den Schlauchbooten zwischen Nildelta und Malta.

Den Blick in ihre Augen nennt Gronemeyer eine Chance für Europäer. Sie spricht nicht von der letzten Chance; wie den Optimismus meidet sie die Apokalyptik, längst Motor der Kultur- und Informationsindustrie und breite Straße, die zur tödlichsten der Vereinfachungen führt, dem Terrorismus.

Die Chance sieht sie im Umdenken, darin, immun zu werden gegen Klischees („der Islam“), wirksamer, epidemischer denn je im digitalen Zeitalter;
darin, die Kunst des Unterlassens zu lernen, nachdem das Elend des Machertums immer deutlicher wird;
darin, Genüge zu lernen statt Bereicherung, Wirtschaftwachstum und ungerechter Verteilung des Reichtums. („Niemand kann reich werden ohne andere bestohlen zu haben“.)

Wie ein Symbol stellt Reimer Gronemeyer das Beispiel der Seniorenbetreuung in den Raum des überfüllten Dornbirner Kulturhauses, das er im Norden Namibias gesehen hat: Einem blinden Alten gibt der Stamm einen ständigen Begleiter bei - ein vielleicht dreijähriges Kind: Nicht nur die Angewiesenheit, sondern auch die wechselseitige Achtung der beiden sei mit Händen zu greifen gewesen.

Am Ende dieses Versuchs des Resümees eines bewegenden Halbtags, der die Lehren aus der Flüchtlingskrise zog, stehe ein Zitat Marianne Gronemeyers. Es deutet noch einmal die Richtung des Umdenkens an, damit aus dem Wir der Plakate mehr wird als eine gutgemeinte oder bösartige Floskel: „Es ist etwas Schönes, gebraucht zu werden.“

Marianne Gronemeyer: „Es ist etwas Schönes, gebraucht zu werden.“

Marianne Gronemeyer: „Es ist etwas Schönes, gebraucht zu werden.“

Der Soziologe Reimer Gronemeyer

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