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24.04.2013 |  Peter Niedermair

Oskar Negt eröffnete die „Tage der Utopie“ 2013

Das „Festival für eine gute Zukunft“ wurde am Dienstagabend eröffnet. Eingeladen haben die Masterminds und Kuratoren der „Tage der Utopie“, St.-Arbogast-Hausherr Josef Kittinger und Hans-Joachim Gögl, der sich als Kommunikationsdesigner und -berater mit Strategien des Wandels, der Wirtschaft, der Mobilität & Technik mit der Neuen Schule und kommunalen Entwicklungen auseinandersetzt.

Die „Tage der Utopie“ sind Träger des Österreichischen Staatspreises für Erwachsenenbildung. Darüber kann man sich freuen, weil es einem bedeutenden und notwendigen Diskursplatz eine große Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit beschert. So Hochkarätiges und Aktuelles zu den derzeit Top-Priority-Fragen gesellschaftlicher Entwicklungen hört man nicht so oft in diesem Land, das, wie Oskar Negt am Eröffnungsabend am Rande seines Vortrags sagte, als Ort innerhalb Europas doch eigentlich an den Rändern liege.

„Nur noch Utopien sind realistisch“


Die diesjährigen Tage starteten mit einem kurzen, musikalisch wohltuend sperrigen Musikstück, das Pascal Content am Akkordeon spielte, eine Auftragskomposition, die einen Zwischenraum der Reflexion eröffnete, einen Platz, auf dem die Utopie als lebendiger gesellschaftspolitischer Entwurf ein Comeback erleben kann und wir dabei zuschauen dürfen, wie die Zukunft hier entsteht. Denn kraftvolle Utopien sind – wenn überhaupt vorhanden – rar in einem Europa, das sich in den letzten Jahren mehr und mehr mit den pekuniären Monsterproblematiken, die längst kaum jemand mehr zu durchschauen vermag, befasst.

Oskar Negt beschäftigt sich in seinem Vortrag „Nur noch Utopien sind realistisch“ mit den Ebenen unterhalb der Währung. Der 2012 von der Schwedischen Akademie in Stockholm an Europa verliehene Friedensnobelpreis sei Ausdruck der vielen Bedeutungen dieses Europas, das als ein zentrales Friedensprojekt startete. 700 Milliarden Euro wurden in den letzten Jahren zur Rettung der Banken verpfändet. Das bewirke ohne Zweifel nicht nur Skepsis, sondern auch Spaltung. Die Dominanz des Pekuniären weist auf eine bedrohende Realität hin, sichtbar werden dabei unterschlagene Realitäten. Sichtbar wird gleichzeitig jedoch auch die Veränderung des Menschenbildes.

Drei kollektive Lernprozesse


Europa, so Negt, habe im historischen Hintergrund drei kollektive Lernprozesse: den Westfälischen Frieden nach dem Dreißigjährigen Krieg, der die Friedensfähigkeit ins Zentrum der politischen Bemühungen stellte und damit die Notwendigkeit der Toleranz unterstrich. Weiters den Lernprozess nach dem „Dritten Reich“, was politisch gesehen den Sozialstaat als kollektives Resultat etablierte und betont, welche Kontrollmechanismen im Machtgefüge der gelingenden Gesellschaften stattfinden müssen. Mit dem Abreißen der Mauer 1989 gehe in Europa der Sozialstaat in eine dauerhafte Krise, die unter anderem auch die Demokratie gefährde.

Mit der Konzentration auf den Euro, wie Negt ausführt, sei auch das Projekt Europa in Gefahr. Der dritte Lernprozess handelt von den Zerfallserscheinungen, die als kulturelle Erosionskrise wahrnehmbar seien. Die alten Bindungen verschwinden, Loyalitäten ebenso, bei den etablierten Parteien beispielsweise, sichtbar wird eine gespaltene Realität im Unterholz der Gesellschaft. Daraus sei in den letzten Jahren viel Protestenergie entstanden.

Drei Säulen des europäischen Denkens


Drei Säulen bilden das Gerüst des Denkens in diesem Europa. Der Rechtsstaat, der die Verlässlichkeit des Verfahrens garantiert und garantieren muss, und die Sozialstaatlichkeit, die die Gefahr rechtsradikaler Gruppen eindämmen muss. Beide Säulen gehören zusammen und bestimmen im Kern, was Demokratie ist. Die dritte Säule ist die Demokratie, die gelernt werden muss, wie Negt im Echo der Kritischen Theorie betont. Als Lernort in den Schulen zum Beispiel, in Bildungssystemen, die sich allerdings derzeit im Zuge der Ökonomisierungsdebatten des Bildungszusammenhangs mehr mit Segregation im Innersten beschäftigen und eine große Effektivität im Ausgliedern anderer Meinungen entwickelt haben.

Die Demokratie als gesellschaftliche Lebensform sei die verwundbarste Säule. Negt erinnert an die „res publica amissa“, die vernachlässigte Republik – eine Idee des römischen Philosophen Marcus Tullius Cicero. Das Vergessen der staatlichen gesellschaftlichen Substanz sei das Gefährlichste. Negt erinnert im Zusammenhang mit den Finanzproblemen in Europa auch an den Umgang mit Griechenland. Die Europäische Zentralbank verschiebe Gelder nach Griechenland, von dem die Menschen keinen Euro sehen, das sei Geld, mit dem die Banken saniert werden. Die „Rettung“ Griechenlands ist in der abgewickelten Diskursform auch ein Armutszeugnis. Es zolle in dieser Form der Marginalisierung und Ausgliederung Griechenlands, dem Ursprungsland der Demokratie, wenig Anerkennung.

Polarisierende Kräfte


Negt sieht eine Reihe von Tendenzen und Gefahren, in denen wir in und mit Europa stecken. An vorderer Stelle die hingenommene Polarisierung der gesellschaftlichen Kräfte. Reichtum, und das habe man seit Langem gewusst, wird ausgegliedert, während es gleichzeitig keine Rettungsschirme für Kultur und Schule gebe. Die Polarisierung innerhalb des Bildungssystems habe sich durchgesetzt und einen strukturellen Zusammenhang verfestigt. Weiters die Abkoppelung der Provinz, die zur einer Verödung der Peripherie führe. Arbogast zum Beispiel ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Hannover aus, wo Negt lebt, gerade mal in sieben Stunden zu erreichen. In dieser Zeit fliegt man nach New York City.

Die Europäischen Städteverbindungen fahren an den Provinzen vorbei. Wer jemals von Kassel, Berlin oder Hamburg mit dem Zug an den Bodensee gefahren ist, kann das Lied vom Umsteigen und Ausdünnen der Verbindungen singen. Neben diesem Aspekt spielt weiters die Ideologie der Flexibilisierung eine Rolle. Die Fragmentierungsprozesse der Arbeit führen auch zur Vereinzelung des Menschen, der im Sinne der Weltläufigkeit auch an Verwurzelung verliert.

Dreispaltung der Gesellschaft


Die Konkurrenzgesellschaft in diesem Europa sieht Negt in einer Dreispaltung. Die Drittelung zerfällt in die Gruppe derer, die an der Gesellschaft und ihren Prozessen partizipieren, die sich angenommen fühlen und es sich in ihrem Wohl eingerichtet haben. Das zweite Drittel umfasst das Prekariat; Menschen, die in kurzfristigen Verträgen und damit in prekären Verhältnissen zu leben gezwungen sind. Das dritte Drittel umfasst die Armee der „dauerhaft Überflüssigen“, jene, die aus den Zentren der Gesellschaft ausgegliedert worden sind. An der Art des Umgangs mit ihnen wird die andere Qualität des Menschenbildes in der Konkurrenzgesellschaft deutlich sichtbar. Als Bürger der Polis wäre es unsere eigentliche Aufgabe, die menschenverachtenden Umgangsformen in der Realität (u.a. die geringe Achtung der Menschenrechte in der Asylpolitik) zu überwinden, um wieder einzusehen,  dass es einen Möglichkeitssinn gibt, das heißt eine Seite wieder sichtbar machen, die immer weniger beachtet wird.

Die dominante Erscheinungsform der „Tatsachenmenschen“ (Husserl) produziert die Idiotie der Ich-AG-Repräsentanten, die Negt allesamt als Mitläufer bezeichnet. Sie sind keine Utopisten im Blochschen Sinne. Wer nicht weiß, was über die Dinge hinausgeht, wisse auch nicht, was sie sind. Diesen müsse man wieder jenen Wert gegenüberstellen, der seit der Aufklärung das europäische Denken zentral bestimmt habe, die Würde, die Menschenwürde, um die es sich zu kämpfen lohnt. Die Würde ist das Zentrum des aufrechten Gangs, schließt Oskar Negt seinen Vortrag anlässlich der Eröffnung. Der diesem gezollte Applaus würdigt einen kritischen Denker, der in klarer Sprache auf die Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen hinweist und Alternativen benennt.

Weitere Informationen zu den Tagen der Utopie, die noch bis Sonntag, 28. April dauern, zum Programm und zur Ausstellung findet man auf www.tagederutopie.org

Oskar Negt, Eröffnungsredner der „Tage der Utopie" in St. Arbogast (Foto Gerda Zimmermann)

Oskar Negt, Eröffnungsredner der „Tage der Utopie" in St. Arbogast (Foto Gerda Zimmermann)

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  • Oskar Negt, Eröffnungsredner der „Tage der Utopie" in St. Arbogast (Foto Gerda Zimmermann) Oskar Negt, Eröffnungsredner der „Tage der Utopie" in St. Arbogast (Foto Gerda Zimmermann)