Gekommen, um zu begeistern
Alexander Grassauer sang erstmals bei der Schubertiade
Kurzfristig musste der Bassbariton Georg Zeppenfeld seinen Auftritt bei der Schubertiade Hohenems absagen. Das Festival ist bekannt für sein künstlerisches Netzwerk und imstande innerhalb kürzester Zeit einen ebenbürtigen "Ersatz" zu engagieren. So gab es schon manche positiven Überraschungen, wenn "Einspringer:innen" sofort das Publikum auf ihrer Seite hatten und für Staunen sorgten. Genau dies geschah beim Auftritt des 28-jährigen Bassbaritons Alexander Grassauer im Markus Sittikus Saal. Das Programm setzte Lieder von Schubert, Brahms und Vaughan Williams in Beziehung zueinander und thematisierte Wanderschaft in vielerlei Facetten. Die fein- und zugleich tiefsinnige Liedkunst des jungen Sängers und die sensible Begleitung des Pianisten Gerold Huber begeisterten die Zuhörenden.
Der aus der Steiermark stammende Alexander Grassauer ist derzeit „Great Talent“ des Wiener Konzerthauses und hat sich auf sein Konzert mit musikalischen Reisebildern in Liedern von Schubert, Brahms und Vaughan Williams vorbereitet. Dass er am Vorabend seines großen Auftritts in Wien bei der Schubertiade in Hohenems genau dieses Programm präsentieren konnte, war ein Glücksfall.
Durchdacht wurden die Schubertlieder zusammengestellt. Alexander Grassauer interpretierte, am Klavier wunderbar begleitet und unterstützt von Gerold Huber, frühe Lieder und stellte diesen sehr bekannten, späten Kompositionen zur Seite. Damit wurde den Zuhörenden eine zusätzliche Betrachtungsebene eröffnet: die kompositorische Entwicklungsgeschichte des Franz Schubert.
Sogleich mit der Darbietung von „Drang in die Ferne“ (D770) zog Alexander Grassauer das Publikum in seinen Bann, denn er brachte den Wunsch, das Drängen und Sehnen in fein differenzierten stimmlichen Klangfarbenwechseln emotional zum Ausdruck. Gerold Huber steuerte mit feiner Anschlagskultur einen weichen Klavierpart bei. Die Textinhalte des Liedes „Am Strome“ (D 539) erklangen vielsagend nachgezeichnet, verbunden mit spannungsgeladenen Zwischenspielen des Pianisten. Mit einem bewundernswerten Piano formte der Sänger in „Alinde“ (D 904) die melodischen Linien und erzählte mit bewundernswert nuancierten Rezitationstönen den Textinhalt, während Gerold Huber am Klavier die passende Atmosphäre dazu ausformte.
Insbesondere die in einem gemäßigten Tempo ausgeformten Lieder und Gesänge verströmten einen innigen und warmen Ausdruck. Dieser stellte sich auch bei temperamentvollen Balladen wie „Der Musensohn“ (D 764) ein. Doch bei raschen Tonfolgen mit viel Bewegung und großen Intervallen wirkte der Bassbariton mitunter etwas undifferenziert.
Höhepunkt
Mit den Schubertliedern „Der Wanderer an den Mond“ (D 870) und „Der Wanderer“ (D 489) bescherten Alexander Grassauer und Gerold Huber den Zuhörenden den Höhepunkt des emotionsgeladenen Konzertabends. Die Art, wie der Bassbariton seine Stimme nuancenreich führte und die fragenden Gesten intensiv ausgestaltete, verstärkte die eindringliche Wirkung und machte zugleich den großen Stimmumfang des Sängers deutlich.
In vier Liedern von Johannes Brahms wurde die Seelenreise weitergeführt. Bereits die Themengestalten im Klaviervorspiel von „Meerfahrt“, op. 96/4 verwiesen auf die dichten kompositorischen Verläufe und harmonischen Klangwirkungen, die Brahms seinen Liedern zugrunde legte. Genau diese Stilmittel entfalteten Alexander Grassauer und Gerold Huber in einer guten Übereinstimmung im Lied „Verzagen“ (op. 72/4). Intensiv ausgedeutet erklang überdies „Von ewiger Liebe“ (op. 43/1).
Abgerundet wurde der Liederabend mit dem Liederzyklus „Songs of Travel“ von Ralph Vaughan Williams. Auch diese Werke boten spannende Kompositionsvergleiche, vorwiegend zwischen Schubert und dem englischen Komponisten. Seit 20 Jahren waren die „Songs of Travel“, komponiert im Jahr 1905, nicht mehr im Rahmen der Schubertiade zu hören und allein deshalb ein höchst willkommenes Hörerlebnis.
Scharf betonten die Interpreten den schreitenden Duktus in „The Vagabond“ und traten sodann in „Le Beauty awake“ in eine mitteilsame Korrespondenz miteinander. Besonders in diesem Lied sowie im nachfolgenden „The Roadside Fire“ hoben Alexander Grassauer und Gerold Huber die Anklänge an Folksongs sowie atmosphärische Naturstimmungen hervor. Einen impressionistischen Touch verliehen sie dem Lied „Youth an Love“ und verstärkten mit der driftenden Chromatik im Lied „In Dreams“ die Textinhalte. Melancholisch legten sie die nachfolgenden Passagen an und besonders in „Whither Must I Wander?“ stellten sie die Quintessenz des Liederzyklus‘, die Heimatsuche und den Heimatverlust, eindrücklich dar.
Das Publikum dankte mit jubelndem Applaus für die hervorragenden Lieddeutungen. Dem bescheiden auftretenden Sänger war die Freude ins Gesicht geschrieben. Auf den weiteren Werdegang und kommende Auftritte bei der Schubertiade dürfen sich Musikbegeisterte freuen.