Frösteln im Hochsommer
Am Mittwochvormittag präsentierten die Bregenzer Festspiele Details zum Programm des Jahres 2024, das bereits zu Ostern beginnt.
Noch bevor der Mantel abgelegt und das erste Wort gesprochen war, fühlte man sich bereits als Teil einer Premiere. Der neue Eingang mit neuem Foyer für die Werkstattbühne am linken äußeren Ende des Festspielkomplexes wurde das erste Mal für eine Veranstaltung geöffnet. Sehr schön und modern, so findet man auch eine Toilette explizit für diverse bzw. genderqueere Personen. Es könnte sich allerdings zeigen, dass diese Räumlichkeiten in erster Linie dann als Alternative benutzt werden, wenn die „normalen“ Toiletten wieder einmal auf absehbare Zeit besetzt sind.
Wenn die kommende Seebühnenproduktion, Carl Maria von Webers „Der Freischütz“, auch nur annähernd die Stimmung wiedergibt, die der eigens dafür produzierten Video-Trailer suggeriert, können sich alle Besucher:innen warm anziehen. Es wird kalt im Sommer am See. Es gibt Schnee, Eis und viel kaltes Wasser. Regisseur, Bühnenbildner und Light Designer Philipp Stölzl erklärt das so: „Wir befinden uns in einem ziemlich unfreundlichen Dorf, das von einer Flutkatastrophe heimgesucht wurde, es ist halb überschwemmt, daher auch die vielen toten Bäume, es wird Winter, Schneeflocken, Wind, und in dieser harten Welt trifft Max dann den Teufel. Mir schwebt immer das Bild vor, jemand spaziert im Sommer im T-Shirt die Seepromenade entlang, dann sieht er dieses Freischütz-Bühnenbild und plötzlich wird ihm kalt. Da der Pegel des Sees im Laufe des Sommers immer stark zurückgeht, ist es wirklich schwierig, einen Kontakt zwischen Bühne und See herzustellen. Daher habe ich eine Art Infinity-Pool geplant, der geht dann aber bis an die erste Reihe. Es ist so, dass wirklich die Sänger und Schauspieler bis ganz vorne, bis auf den Schoss der ersten Reihe spielen werden, im Wasser, also ich glaube, man muss ganz vorne schauen, dass man nicht nass wird. Das wird von den Dimensionen und den Distanzen eine ganz neue Art, den See zu erleben.“
Eine neue Textfassung
Der Freischütz gehört in die Gattung „Singspiel“, das heißt, dass die Handlung nicht nur durch Musiknummern oder Rezitative vorangetrieben wird, sondern auch durch gesprochene Passagen. Philipp Stölzl: „Wegen des Textes ist der ,Freischütz‘ ein wenig in der Giftkammer der Repertoirehäuser beheimatet. Im europäischen Musiktheater kommen die Sänger aus der ganzen Welt, deshalb wird der Text meist stark gekürzt und Sänger ohne Deutschkenntnisse kämpfen sich dann durch diese Biedermeier-Dialoge. Im Original besteht die Oper aber mindestens aus einem Drittel Text. Mein Partner für diese neue Textfassung Jan Dvorak und ich haben wirklich viel überarbeitet, wir erzählen die Figuren teilweise ganz neu und hoffentlich auch sehr heutig. Ich bin wirklich froh, dass wir uns für eine rein deutschsprachige Besetzung entschieden haben. Es sind tolle Sänger, alle wollten mitmachen und ich glaube wir können das Stück in dieser Version als eine aktuelle Theater-Musikmischung präsentieren.“
Sprechtheater aus Wien und Berlin
Auch wenn die Seebühne aus nachvollziehbaren Gründen die größte Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist das Festspielprogramm wie immer prall gefüllt mit weiteren Produktionen der Sparten Sprechtheater, Musiktheater, Konzert und einem Programm für Kinder und Jugendliche. Bereits zum vierten Mal haben die Bregenzer Festspiele das Wiener Burgtheater am Osterwochenende ins Festspielhaus eingeladen. Zu sehen ist die Komödie „Der Menschenfeind“ von Molière in einer Inszenierung des scheidenden Burgtheaterdirektors Martin Kušej. Das Deutsche Theater Berlin holt Ende Juni die Aufführungen von Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochene Krug“ nach, die ja letztes Jahr wegen der Erkrankung von Ulrich Matthes – er spielt den Dorfrichter Adam – kurzfristig abgesagt werden mussten.
Als Hausoper hat sich Intendantin Elisabeth Sobotka für ein Werk des damals erst 20-jährigen Gioacchino Rossini entschieden: „Tancredi“. Elisabeth Sobotka: „Ja, der ernste Rossini fristet zu Unrecht ein Schattendasein innerhalb seiner lustigen Opern. ,Tancredi‘ hat eine hinreißende Musik, allerdings ein grauenvolles Libretto, anders kann man das nicht sagen. Gerade heutzutage möchte man sich wirklich nicht mit dem Thema Kreuzzüge beschäftigen und man wundert sich, wie nahe dieses entsetzliche Thema auf ganz andere Art und Weise doch noch ist. Ich bin sehr froh, dass der Regisseur Jan Philipp Gloger ein sehr spannendes Konzept für dieses Stück entwickelt hat.“
David Pountney is back
Die beiden Uraufführungen im Sommer 2024 heißen „Unmögliche Verbindung“ des tschechischen Komponisten Ondřej Adámek und „Hold Your Breath“ der irischen Komponistin Éna Brennan. „Unmögliche Verbindung“ ist ein gemeinsames Auftragswerk der Bregenzer Festspiele und des Ensemble Modern Frankfurt und rückt das Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation in den Mittelpunkt. Durch „Hold Your Breath“ gibt es ein Wiedersehen mit dem ehemaligen Festspielintendanten David Pountney, der für Libretto und Regie verantwortlich ist. Die Produktion entstand im Bregenzer Opernatelier in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Bregenz. Menschen sehen sich mit einer geheimnisvollen Kreatur konfrontiert, deren Bewegungen alle ergreift und verändert.
Rossini als Spezialist für Musikalische Komödie kommt im Rahmen des Opernstudios im Theater am Kornmarkt zum Zuge. Seine erste öffentlich aufgeführte Oper „La cambiale di matrimonio“ wird kombiniert mit dem Einakter „Gianni Schicchi“ von Giacomo Puccini. Regie führt wiederum die großartige Brigitte Fassbaender, Leo McFall, Chefdirigent des Symphonieorchesters Vorarlberg, wird erstmals die musikalische Leitung einer Opernproduktion bei den Bregenzer Festspielen übernehmen.
Das Programm hält aber noch zahlreiche weitere Projekte bereit: „Hotel Savoy“ nach einem Roman von Joseph Roth mit der Musicbanda Franui, das Siegerstück des Wettbewerbs der Österreichischen Theaterallianz „Mondmilch trinken“ von Josef Maria Krasanovsky, Orchester- und Kammermusikkonzerte, Musik und Poesie sowie zahlreiche Kinder- und Jugendprogramme. Hervorzuheben ist hier insbesondere die Orchesterakademie der Bregenzer Festspiele und der Wiener Symphoniker in Zusammenarbeit mit der Stella Vorarlberg Privathochschule. Hier erarbeiten junge Musiker:innen im Alter zwischen 17 und 27 Jahren mit dem israelischen Dirigenten Daniel Cohen und der Sopranistin Marlis Petersen eine Woche lang ein Konzertprogramm mit Werken von Arnold Schönberg, Richard Strauss und Béla Bartók.
Insgesamt sind für mehr als 80 Veranstaltungen in der nächstjährigen Festspielsaison rund 213.000 Tickets aufgelegt, davon entfallen 185.000 auf die Produktion auf der Seebühne.
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