"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Gunnar Landsgesell · 03. Apr 2014 · Film

Nymphomaniac 2

Joe (Charlotte Gainsbourgh) fühlt sich schuldig, ihre Suche nach sexueller Befriedigung geht nahtlos über in das Verlangen nach Bestrafung. Grenzgang, Teil 2, in dem die Leere eines Menschenlebens alle moralischen Verfehlungen zu überbieten droht. Etwas berechnender, aber erneut sehenswerte Tour de Force von Lars von Trier.

Stand in Teil 1 ein hintersinniges Spiel unerfüllbarer Leidenschaften im Mittelpunkt, fällt der zweite Teil zunächst etwas berechnender aus. Die dunkel-schillernde Lebensbeichte der geschundenen Joe (Charlotte Gainsbourgh) an ihren interessierten Zuhörer (Stellan Skarsgard als Seligman) manövriert Lars von Trier sogleich in ein religiöses Fahrwasser. Von einer Vision ist da die Rede, die Joe mit 12 Jahren auf einem Feld hatte. Sie vermutet, die heilige Maria sei ihr erschienen, Seligman ortet die römische Hure Messalina als nicht ganz so erleuchtende Erscheinung. Trier hat nun also die Religion mit ins Programm genommen und zieht in der Folge genüsslich einige Parallelen. 40 Schläge setzt es auf das nackte Hinterteil, so viele wie Jesus sie auf seinem Kreuzgang erhielt. Der, der sie hier versetzt, ist ein kühl berechnender Sadist, den Joe nun des Nächtens für ihre Bestrafungen aufsucht. Triers theologische Provokationen wirken allerdings etwas blass, diese kulturelle Bruchstelle wirkt nicht mehr ganz frisch. Mit den Bestrafungsritualen scheint die Anthalogie der Joe aber in ihr Zentrum vorzudringen. Wer so schlimm, amoralisch und unkorrekt ist wie Joe aka Trier (etwa in Cannes oder mit Filmen wie "Breaking the Weaves"), der muss bestraft werden. Mit Gainsbourgh und ihren unglaublich traurigen, dunklen Augen hat Trier eine ideale Ikone für seine eigene Person gefunden, sie wirkt neuerlich wie ein wesentlicher Teil von Triers Kapital.

Der schlechte Mensch

 

Dennoch sind dem zweiten Teil der Drive, seine Ungeheuerlichkeit, ein wenig verloren gegangen. Seligman wirkt zunehmend belehrend und mit seinen gelehrigen Ausführungen letztlich auch banal. Humor-Einlagen wie jene, in der Joe ein Auto abfackelt, während dazu "Burning Down the House" von der Achtziger-Diskursband Talking Heads angespielt wird, haben hingegen eindeutigen Zeichencharakter: Hier wird mit Provokation jongliert, Gewalt, Sex und Außenseitertum feiern sich hier selbst ab. Das Problem für Trier ist nur, mit welchem Leim er die emotionalen und intellektuellen Versatzstücke seiner Repertoirekiste aneinanderklebt. Die Erzählung vom schlechten Menschen und der verdienten Strafe wirkt dabei als glaubwürdigstes Narrativ. Vielleicht auch, weil sie mit Triers öffentlicher Person am stärksten zusammenfällt. Freud’sche Anleihen wie die Frage, ob das Kind nun unschuldig sei oder bereits polymorph perverse Anlagen mitbringe, werden dabei ebenso pflichtschuldig gestreift wie ein Mann, den Joe überraschend durch eine pädophile Fantasie zu erregen vermag. Auch dieser teuflische kleine Nebenschauplatz ist mit einem Sinn für das Ganze ausgestattet: Joes Mitleid ist dem Mann gewiss, er wird zum Trost sexuell befriedigt, weil er seine Neigung nie ausgelebt hat.
Wenn man will, kann man Triers jüngste Arbeit als blasphemischen Witz abtun, der, einmal erzählt, rasch verpufft. Die Frage ist, was zwischen den vielen Episoden steht: Selbstdestruktion und eine Unruhe, die Trier produktiv macht, indem er, so wie etwa Bergman, nicht nur seine eigene Person einbringt, sondern eben auch jene Kräfte der Gesellschaft, die auf ihn einwirken. Die Zerrissenheit, die Angst vor der Leere einer Existenz, was dabei zum Ausdruck kommt, macht Triers Filme wohl derart diskursfreudig. Und auch diesmal lädt Trier ein, ihm nicht zu trauen: Etwa wenn es um das von ihm entworfene plakative Frauenbild geht, das er mehrmals selbst als falsche Fährte verwirft. Am Ende von Nymphomaniac 2 fragt Seligman, wer eine Augenbraue hochgezogen hätte, wäre diese Geschichte die eines Mannes. Und bevor die letzte Klappe des Films fällt, muss auch Seligman die Hosen herunterlassen und ein deutliches Armutszeugnis abgeben – für die Männer, versteht sich.