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14.12.2018 |  Gunnar Landsgesell

Manaslu - Berg der Seelen

"Der Tod ist das leichteste von allen Übeln, die man erlebt." - Der Südtiroler Extrem-Bergsteiger Hans Kammerlander, der als erster Mensch den Mount Everest auf Skiern hinunterfuhr, in einem Porträt zwischen spektakulären Bildern und persönlicher Tragödie, für die auch Werner Herzog als Interviewer auftritt.

Als Kind sind sie in der Früh aufgestanden, da gab es kein "Guten Morgen", erinnert sich Hans Kammerlander. Komm her zum Tisch, habe die Mutter gesagt, dann ging es in die Kirche, dann in die Schule. Auch wenn die inszenierten Szenen über Kammerlanders Jugend nicht besonders eindrücklich wirken, graben sich dessen Worte ein. Ein entlegener Bergbauernhof im Taufener Ahrntal in Südtirol in den 1960er Jahren, kein Strom und Wasser im Haus, ein Szenario, das eher an die 1930er Jahre erinnert. Das Leben am Hof ist hart, eintönig, heute würde man von Kinderarbeit sprechen. Die Wurzeln des Extrembergsteigers liegen irgendwo hier, in einer rätselhaften Attraktion der Berge auf das Kind, die später auch zum Instrument werden, um sich ein eigenes Leben aufzubauen. Regisseur Gerald Salmina kann dramaturgisch aus dem Vollen schöpfen: Kammerlander hat mit Reinhold Messner mehrere Achttausender bezwungen, er hat Kameraden und Freunde nach Blitzschlägen und Gletscherstürzen im Schnee vergraben, er hat den Mount Everest in Rekordzeit bestiegen und ist sechs Stunden lang als erster Mensch auf Skiern dessen fast senkrechte Schneerinnen und Felsen wieder hinuntergefahren und –gestürzt. „Manaslu – Berg der Seelen“ ist ein Film über die Faszination abweisender Bergmassive und Felswände, aber auch über einen Mann, der „die Nähe des Todes“ braucht, wie es einmal heißt.

Berg und Tod und Schuld

Die nachgestellten Vignetten, in denen „Manaslu“ einige der prägendsten Momente aus Kammerlanders Leben illustriert, wirken manchmal fast verharmlosend, stellt man sich die ungeheuren Strapazen vor, um die es hier geht. Als Kammerlander in eisiger Kälte einmal seinen Handschuh verliert, erinnert er sich an mehrere tote Inder, an denen er beim Aufstieg im Eis vorbeistapfte, und holt sich von einer Leiche einen Ersatzhandschuh, bevor seine eigene Hand unrettbar abfriert. Ein andermal stürzt er an einem dünnen Seil in eine Felsspalte, das oben Messner mit letzter Kraft hält. Irgendwie gelingt es, sich mithilfe der Steigeisen wieder aus der Tiefe des Eisstollens zu kämpfen. Tom Cruise am Drahtseil ist dagegen ein Klacks. Doch es sind weniger die Berge (die „Manaslu“ gerne im Gegenlicht der Sonne umkreist) als Kammerlander selbst, aus dem der Film seine Faszination schöpft. Ein konzentrierter, angenehmer Erzähler mit einem ausgesprochen dramatischen Gesicht, in das sich Grenzgängertum und eine unbestimmte Trauer gleichermaßen eingeschrieben haben. Diese rührt vielleicht auch vom Autounfall, den er vor einigen Jahren alkoholisiert verschuldet hatte. Ein junger Mann wurde dabei getötet. Ein schwieriges Kapitel, in dem Verantwortung und Vereinzelung am Berg nicht mehr mit dem Todesmut eines schillernden Abenteurers verbunden sind, sondern als moralische Verfehlung das Narrativ des Überlebenskünstlers trübt. Um über Kammerlanders Umgang mit dieser Schuld zu sprechen, wird eigens Werner Herzog als Interviewer aufgeboten. Unbeirrt hakt er nach, wenn Kammerlander zu unbestimmt über diese Lebensphase spricht. In diesen Momenten wirkt der Bergsteiger sehr menschlich, angreifbar. Auch an anderer Stelle setzt Herzog Akzente. Als es um die Tragödie am „Manaslu“ geht, einem Achttausender, auf dem Kammerlander zwei enge Freunde verliert, resümiert Herzog das mit der ihm eigenen Philosophie: „Der Wert des Lebens“, so Herzog, „bemisst sich auch daran, wie viele tot sind.“ Eine Sicht, die in Salminas Film viel Platz erhält, der Topos Berg und Tod wird vor allem in spektakulären Bildern gesucht. Den notorischen Geist des Getriebenen steuert Kammerlander recht unprätentiös bei, er ist es, der diesem Film eine besondere Note verleiht.

Hans Kammerlander: Sich Ziele setzen ist wichtiger als Erinnerungen. In diesem Film erinnert er sich dennoch für sein Publikum.

Hans Kammerlander: Sich Ziele setzen ist wichtiger als Erinnerungen. In diesem Film erinnert er sich dennoch für sein Publikum.

"Manaslu" setzt auf spektakuläre Bilder, doch aufrüttelnd sind vor allem die schlichten Worte, mit denen Kammerlander erzählt.

"Manaslu" setzt auf spektakuläre Bilder, doch aufrüttelnd sind vor allem die schlichten Worte, mit denen Kammerlander erzählt.

Sauerstoffmangel, Wetterumschwünge, Leichen, die am Berg zurückbleiben. Einblicke in das Leben eines Extrembergsteigers.

Sauerstoffmangel, Wetterumschwünge, Leichen, die am Berg zurückbleiben. Einblicke in das Leben eines Extrembergsteigers.

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  • Hans Kammerlander: Sich Ziele setzen ist wichtiger als Erinnerungen. In diesem Film erinnert er sich dennoch für sein Publikum. Hans Kammerlander: Sich Ziele setzen ist wichtiger als Erinnerungen. In diesem Film erinnert er sich dennoch für sein Publikum.
  • "Manaslu" setzt auf spektakuläre Bilder, doch aufrüttelnd sind vor allem die schlichten Worte, mit denen Kammerlander erzählt. "Manaslu" setzt auf spektakuläre Bilder, doch aufrüttelnd sind vor allem die schlichten Worte, mit denen Kammerlander erzählt.
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