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25.09.2014 |  Gunnar Landsgesell

Im Keller

Wo Ulrich Seidl draufsteht, ist auch Ulrich Seidl drin. Mit dem Motiv des Kellers wollte der Regisseur nun endlich auch topographisch das Abgründige der Österreicher erkunden. Zwischen SM-Paaren und NS-Devotionalien bleibt aber zu wenig Raum für echte Aufschlüsse über die Affinität zum Keller.

Wenn man sich Ulrich Seidls jüngsten Dokumentarfilm „Im Keller“ ansieht, fällt einem auf, wie sehr Seidl selbst schon Teil seiner eigenen Methode, seines filmischen Universums geworden ist. Das Abgründige hat er nun mit dem Motiv des Kellers endlich auch topographisch erkundet. Was also sehen wir, wenn wir uns nun dem Intimsten, dem Verstecktesten der Österreicher in ihren Kellern nähern? Erwartungen eines Horrortrips (Priklopil! Fritzl!) werden geschürt, oder auch eine Tiefenexpedition in die kollektive Psyche eines Landes erwartet – nichts davon begegnet einem. Fast enttäuschend mutet die Banalität der Szenerien vor, in denen sich die üblichen Verdächtigen, die Profis für Tabubrüche aller Art versammeln: Da gibt es die Männer vom Schießstand, die sich durch xenophobe Sprüche ein bisschen Wichtigkeit verschaffen, und dann gibt es die Liebhaber/innen unerhörter Sexualität, gleich drei SM-Paare wird Seidl am Ende des Films versammelt haben, um deren Praktiken einer Öffentlichkeit zu präsentieren. Schon „Tierische Liebe“, „Hundstage“ und „Import/Export“ hatte mit sexueller Devianz und Unterwerfung spekuliert. Und natürlich darf im Keller auch der Kellernazi nicht fehlen, er versammelt seine Blasmusikkollegen unter einem Hitler-Portrait und anderen Devotionalien und liefert freimütig die Bilder, aus denen Seidls Kosmos besteht. Dass zwei der Blasmusiker inzwischen ÖVP-Mandatare geworden sind, ist natürlich ein Glück für den Film.

Den Eklat als Programm

Ein gewisses Gefühl der Redundanz dieser Bilder lässt sich aber nicht leugnen, das kennt man doch alles schon. Für Unruhe sorgt Seidl aber weniger durch das Gezeigte als seinen Ansatz, wie er betont, „neutral“ zu bleiben, nicht zu urteilen, sondern nur zu zeigen, was vorgefunden wird. Diese selbst verordnete Zurückhaltung ist es erst, die die Brisanz von Seidls Filmen ausmacht. Jeder kann doch in seinem Privatkeller machen, was er will, aber Seidl schafft es, dass die Leute ihm vertrauen, und sie an die Öffentlichkeit zu holen. NS und SM werden auf diese Weise zu Garanten der Aufmerksamkeit in unserer Medienökonomie. Hier sabotiert sich das Seidlsche Gesamtkunstwerk aber selbst, wenn es dieser Nutzbarkeitsrechnung zu sehr entsprechen will. So irritierend (und spekulativ) die Bilder aus dem Nazi-Keller auch sind – bieten sie doch wenig Informationen über die Verfasstheit ihres Protagonisten. Eingeführt wird dieser Mann eigentlich ganz anders. Er klopft im untersten Geschoß seines Einfamilienhauses mit einer eigens dort hängenden Eisenstange an die Wasserrohre, offenbar um seiner Frau zu signalisieren, dass er zurück sei – und später, um ihr zu deuten, dass er hungrig sei. Statt einer menschlichen Begegnung Klopfzeichen, und tatsächlich steht in der nächsten Einstellung ein Tablett mit dem fertigen Essen unten an der Kellertreppe. Zum Ausdruck einer derart eisigen Gefühlslage findet der Film nur selten wieder. Dabei mag es kein Zufall sein, dass man just in diesen Momenten den Eindruck hat, dass hier nichts an Wirkung erhofft und erzwungen wurde, sondern dass einem schlicht die nackte Realität begegnet. Auch eine Frau, die fast nackt vor der Kamera positioniert wird, und beschreibt, wie sie sich in sexuellen Anordnungen erniedrigen und schlagen lässt, löst eine ernsthafte Irritation aus, als sie im gleichen Atemzug sagt, dass sie in einer Caritas-Beratungsstelle für Frauen als Gewaltopfer arbeitet. Hier erzeugen die lapidaren Gegenüberstellungen der Montage eine Dichotomie des Unerhörten. Sie gehören zu den stärksten Momenten dieses Films, der das Abgründige oft zu sehr nach Schauwerten bemisst.

Blasmusikfreunde unter sich.

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Großwildjäger mit Ehefrau.

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Sexuelle Intimitäten für die Öffentlichkeit.

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