Kris Lemsalu im Magazin 4 im Rahmen des Bregenzer Kultursommers (Foto: Magazin 4)
Walter Gasperi · 15. Nov 2012 · Film

Aktuell in den Filmclubs (16.11. - 22.11. 2012)

Am Spielboden Dornbirn läuft diese Woche im Rahmen des Begleitprogramms der Ausstellung „Treten Sie ein! - Treten Sie aus!“ des Jüdischen Museums Hohenem mit „The Big Lebowski“ ein Kultfilm der Coen-Brüder. Auf den Spuren von Arthur Schnitzlers „Reigen“ bewegt sich dagegen der Brasilianer Fernando Meirelles mit seinem Episodenfilm „360“, der im Heerbrugger Kino Madlen gezeigt wird.

The Big Lebowski: Kultstatus genießen fast alle Filme der Coen-Brüder von "Blood Simple" über "Barton Fink" bis zu "Fargo". An Kultcharakter übertrifft "The Big Lebowski" aber alle.
Ein Erzähler mit sonorer Stimme stellt sich vor, der die Geschichte des Dude (Jeff Bridges), eines Alt-Hippies, erzählen will. Doch das, was nun erzählt wird, lässt sich nicht in Worte fassen: zu vielfältig sind die Erzählstränge, die Nebenhandlungen und Nebenfiguren, die auftauchen und wieder verschwinden. Ein reicher Millionär mit Diener, dessen entführte junge Gattin und die sich als Avantgarde-Künstlerin betätigende Tochter (Julianne Moore) treten auf und in seiner undurchsichtigen Handlungsführung erinnert "The Big Lebowski" hier an "The Big Sleep". - Eine nihilistische deutsche Gangsterbande  malträtiert den Dude und im Traum fliegt er über L.A., ein Pornoproduzent betäubt ihn und der Dude träumt von Musical und Bowling und Kastrationsängste quälen ihn. Dazwischen geht der Dude  - einziger Haltepunkt in dieser atemberaubend kühnen Dramaturgie - immer wieder zum Bowling-Turnier mit seinen Freunden, zu denen auch der äußerst cholerische, jüdische Vietnamveteran Walter (John Goodman) gehört.
Ausgeflippte Kiffer-Komödie und Film-Noir, in höchstem Maße inkohärent ist der Stoff, doch die Coens schaffen es wieder einmal souverän alles ohne den geringsten Stilbruch zu einer Einheit zu verschmelzen. Wieder gelingt ihnen die Zeichnung hinreißender Typen, ein nicht nur an Handlungsfülle sondern auch an brillanten Dialogen überquellendes Drehbuch.
Am Ende stellt der an der Bar sitzende Erzähler fest: "Schön, dass es den Dude gibt. - Es war eine ziemlich gute Geschichte - ich habe mich halb tot gelacht, an manchen Stellen wenigstens." Dem kann nur hinzugefügt werden: Schön, dass es die Coens gibt, die so hinreißend schräge Filme drehen.
Spielboden Dornbirn: Fr 16.11.; Di 20.11. - jeweils 20.30 Uhr


360: In Anlehnung an Arthur Schnitzlers „Reigen“ entwickeln Drehbuchautor Peter Morgan und Regisseur Fernando Meirelles ein fast schon globales Karussell der Liebe. Von Wien über Paris und London bis Denver und Rio de Janeiro spannt sich der Bogen der Episoden. Die Verbindung der Geschichten stellt sich dabei nicht sofort ein, sondern erst langsam verzahnen sie sich in einer komplexen Konstruktion. Dabei werden die Spielarten von Beziehungen und Liebe von Ehekrise über das Ende eines Liebespaares und schüchterner Liebe bis zum One-Night-Stand und gescheiterter Vater-Tochter-Beziehung durchdekliniert. Obwohl es vielfach um das Scheitern geht, depremiert der Film nicht, sondern macht Hoffnung mit letztlich positiven Enden.
Optisch ist das trotz der exzessiven Verwendung von Split-Screen insgesamt durchaus gefällig inszeniert, entspannt ist der Erzählrhythmus, der durch einen stimmungsvollen Soundtrack unterstrichen wir. Doch so breit dieser Reigen angelegt ist, so wenig Tiefe gewinnt er in der Kürze der Szenen. Kommt man einmal einer Figur näher, wechselt „360“ auch schon zur nächsten Episode. Da können sich auch Schauspieler wie Jude Law oder Rachel Weisz nicht entfalten, ein eindrucksvolles Porträt gelingt allerdings Anthony Hopkins in einer Vaterrolle und beunruhigend ist Ben Foster als Sexualstraftäter.
Kino Madlen, Heerbrugg: Mo 19.11., 20.15 Uhr