"Mit einem Tiger schlafen": Anja Salomonowitz‘ Spielfilm über die Künstlerin Maria Lassnig derzeit in den Vorarlberger Kinos (Foto: Stadtkino Wien Filmverleih)
Manuela Cibulka · 29. Sep 2023 · Theater

Familienaufstellung gefällig?

Uraufführung des Stückes „möwe – retweeted“ von Sina Heiss im Theater Kosmos

Trübsinn, Schwermut, Langeweile, die ewige Sinnsuche und dazwischen immer wieder vielschichtige Dialoge über die Liebe, deren Verstrickungen und einem steten Hang zur Verzweiflung daran – so kennt man die Figuren Tschechows. Der Dramatiker selbst bezeichnete seine Werke durchwegs als Komödien, und sogar seine „Möwe“ wollte er als solche verstanden wissen. Die Adaption seines Stückes durch Sina Heiss hätte ihm demnach gefallen. Schafft sie es doch mit einem Stoff, der ohne Untertreibung eher arm an Handlung und dramatischen Wendungen ist, das Publikum über zwei Stunden bei Laune zu halten und streckenweise sehr zu amüsieren.

Gestartet wird ganz à la tschechowscher Tristesse – schon während des Einlasses wird in den ausgestreuten Sand geschrieben und die nur wenigen Requisiten scheinen dem „Gemüsebeet“ des Fundus‘ entnommen zu sein (Ausstattung: Sophie Lenglachner). Vom antiken Servierwagen und der klassischen Schreibmaschine über ein Küchenmobiliar aus den 60er Jahren bis hin zu jeder Menge Retro-Radios, einer Kamera samt Stativ und einem Aquarium, das sinnbildlich für den in der Nähe gelegenen See steht, sind die Dinge über die Bühne verstreut, um mittig Platz für die wahre Bühne zu schaffen. Drei bewegliche, schwarz-durchscheinende Paravent-Einzelteile, die Szenen verbinden, trennen, verstecken oder hervorheben sind zwar ästhetisch kein besonderer Gewinn, dramaturgisch aber sehr wohl.

Tschechow light

Mit der Langsamkeit zu Beginn ist es schnell vorbei. Maša, sehr jugendlich und mit trotziger Energie gespielt von Theresa Martini, zeigt uns gleich, wo es lang geht. Wir befinden uns nämlich im absoluten Heute. In einer Zeit, wo vieles „fucking shit“ ist und die Möwe nicht nur fliegt, sondern sich zwischenzeitlich auch im Flugmodus befindet. Und Tschechow hat es ebenso hierher verschlagen. Auf Twitter postet er sein „Best-of“ auf der Leinwand im Hintergrund. Versehen mit den nötigen Hashtags wird somit nicht nur kommentiert, sondern auch die Rahmenhandlung vorgegeben und symbolhaft dargestellt – manchmal treffsicher, zum Teil aber auch etwas zu plakativ und auf Lacher ausgelegt (#hochzeit #albtraum). Ebenso wie die Schauspieler:innen, braucht auch das Publikum etwas Zeit, um sich einzufinden. Das „große Ganze“ will sich nicht ganz so recht einstellen, und die verzwickten und jeweils unerfüllten Liebesverhältnisse werden zwar offensichtlich, aber die Verbindungen zwischen deren Spiel nicht wirklich erlebbar.
Der junge Autor Konstantin liebt seine Mutter und Nina, die Mutter liebt den erfolgreichen Autor Boris, der sich gerade in Nina zu verlieben scheint, und Maša liebt, wie könnte es anders sein, Konstantin. Und alle spielen von Anfang an ihre Rollen gut. Konstantin, der Zweifler, die Mutter, überreizt und auf sich bedacht, Nina, ganz die träumende und sensible Schönheit, Boris, ein klassischer Narzisst und Maša, als Erzählerin fungierend, hält das ganze Hin-und-Her kaum aus. Möglicherweise liegt es an den vielen eingeblendeten Textpassagen oder auch den zusätzlich eingebauten Live-Einspielungen (Technische Leitung: Mandy Hanke), dass man vom Spiel vorerst nicht wirklich in den Bann gezogen wird und beim gemeinsamen Tanz zu Sinéad O’Connors „Nothing Compares 2 You“ (Sounddesign: David Haunschmidt) mehr an eine Familienaufstellung unter Fremden, denn an Liebesdramen denken muss.
Aber kurz vor der Pause ändert sich das. Die fünf Darsteller:innen bekunden sich gegenseitig ihre Liebe, im Singen und Tanzen sind sie plötzlich vereint, rücken gekonnt jeweils vom Vorder- in den Hintergrund und es stellt sich ein, das große Ganze.

Gemeinsamer Tanz

Nach der Pause geht es im selben Tempo mit ansteckendem Humor und ausgeklügelter Symbolik weiter. Zum Rauschen der Radios und dem Song „Wonderful Word“ ist die Gruppe beim Suchen nach dem richtigen Empfangssignal (Empfänger – Sender – alles klar?) verstrickt und verbunden, und diese Verbindung trägt die gesamte zweite Hälfte der Aufführung. Beim Wechseln des Kopfverbandes (ach ja: Konstantin wollte sich ganz nebenbei kurz erschießen) sind sich die Mutter – Seraphine Rastl, die in ihrem Mix aus tänzerischer Energie und stampfendem Selbstbewusstsein besonders überzeugt – und der Sohn (Alduin Gazquez) plötzlich ganz nah. Beim Kampf der Mutter um Boris erlebt das Publikum mit, wie es ist, wenn Frauen etwas bzw. in diesem Fall einen Mann wirklich wollen, und wenn aus Ninas (Ylva Maj) und Boris‘ (Vulpe Radu-Miodrag) Interesse füreinander Liebe wird, wird diese im Theater Kosmos spürbar.
Aber natürlich ging bzw. geht es in der „Ursprungs-Möwe“ ebenso wie in jener von Sina Heiss nicht nur um die Liebe, sondern um Themen wie der Suche nach Anerkennung und dem Versuch, im Alltag einen Sinn zu finden. Auch die zum Teil prekären Umstände, unter denen künstlerische Berufsgruppen arbeiten müssen, scheinen bereits 1895 aktuell gewesen zu sein, wenn in Tschechows Tweet zu lesen ist, dass das gute Fleisch beim Fleischer nur für die guten Schriftsteller reserviert gewesen sei, während sich die weniger berühmten mit den Sehnen zufriedengeben hätten müssen. Auch unser junger Autor im Stück – Konstantin – ist überzeugt, nie von seinem Beruf leben zu können.
Wenn von Maša dann aber doch etwas zusammenhanglos die Frage nach dem nötigen oder unnötigen Kinderwunsch abgehandelt wird, scheint es, dass in Summe den zwei Stunden etwas weniger der wichtigen Inhalte nicht geschadet hätten, um den Fokus ganz auf den feinen Humor, den Sina Heiss und ihr Team (Co-Choreographie: Elena Lach) in diesem Stück beweisen, legen zu können. In jedem Fall aber ein gelungenes Stück, dessen Ansinnen, vermehrt auch junge Menschen in den Zuschauerraum zu bringen, möglicherweise erfüllt werden wird. Ob jüngeren oder älteren Semesters – das Publikum ist gut beraten, das Theater keinesfalls während der Pause frühzeitig zu verlassen – auf Best-of Tschechow folgt Best-of Heiss, versprochen.

„möwe – retweeted“ von Sina Heiss
Weitere Aufführungen: 30.9., 5./6./7./12./13./14./20./21.10 jeweils 20 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz

www.theaterkosmos.at