Vaterland (Foto: Agata Grzybowska)
Silvia Thurner · 18. Jul 2026 · Musik

Erinnerung und Gegenwart an einem kraftvollen Ort

Das Ensemble Plus wurde in Schloss Hofen stürmisch gefeiert

Erstmals bespielte das Ensemble Plus den Wolf-Dietrich-Saal in Schloss Hofen. Michaela Girardi und Anita Martinek (Violine), Guy Speyers (Viola) und Jessica Kuhn (Violoncello) schufen mit der Interpretation der „Gibbongesänge“ auch einen Erinnerungsraum an den im vergangenen Jahr verstorbenen Gerold Amann. Darüberhinaus war der Blick auf die Uraufführung des fünften Streichquartetts von Michael Amann gerichtet, das als aussagekräftiges Werk überzeugte. Passend rundete das Stundengebet „Officium breve“, op. 28 von György Kurtág das eindrucksvolle Konzerterlebnis ab.

Guy Speyers ist immer auf der Suche nach spannenden Werkkombinationen und Räumen, in denen Neue Musik ihre Wirkung gut entfalten kann. Fündig wurde der Ensembleleiter diesmal in Schloss Hofen in Lochau. Der Wolf-Dietrich-Saal wurde im 16. Jahrhundert ursprünglich als Kapelle errichtet. Für die Aufführung der Streichquartettkompositionen erwies er sich mit seiner hervorragenden Akustik sowie seinem besonderen Ambiente als idealer Ort.

„Gibbongesänge“ 

Gerold Amann verstarb im vergangenen November. Wie kaum ein anderer Musikschaffender machte er auf die musikalischen Qualitäten von Tierlauten und Schallereignissen aus der Umwelt aufmerksam. Vielfältige akustische Eindrücke fasste er auf seine individuelle Art und Weise in Musik. Vor etwa 20 Jahren beschäftigte sich Gerold Amann mit den Lautäußerungen und Kommunikationsformen der Gibbons. Ihn interessierten die unterschiedlichen Charaktereigenschaften, die sich in der Kommunikation der Affen offenbaren. Dazu transkribierte er die Lautäußerungen, verlangsamte sie und formte unterschiedliche Dialogsituationen daraus. Fünf „Gibbongesänge“ instrumentierte er für Streichquartett.
In lockerer Atmosphäre intonierten die Quartettmusiker:innen den ersten Abschnitt des Werkes, der auch eine tänzerische Note enthielt. In dunklen Klangfarben und gegenläufigen Bewegungen traten die Stimmen im zweiten Abschnitt miteinander in einen intensiven Dialog, der sich zum Schluss hin aufschaukelte. Den Erregungszustand deutete Michaela Girardi im dritten Teil eindrücklich. Danach war hervorragend nachvollziehbar, wie sich Guy Speyers an der Viola und Jessica Kuhn am Violoncello immer wieder ins Wort fielen, um sich in einem versöhnlichen Schluss zu beruhigen. Fragende Gesten und Seufzermotive prägten den vierten Teil, in dem sich Anita Martinek an der zweiten Violine und die Viola „unterhielten“. Mit einem Solo des Violoncellos wurde der fünfte Satz eröffnet, der schließlich in einem rhythmischen Geflecht weiterentwickelt wurde. Die Musiker:innen agierten aufmerksam und mit freudigem Gestaltungswillen.

Fünf Sätze - davon einer, der Fragen aufwarf

Im Auftrag des Ensemble Plus komponierte Michael Amann sein fünftes Streichquartett, das in Schloss Hofen uraufgeführt wurde. Das fünfsätzige Werk wurde mit flirrenden Gesten eingeleitet, die einen suchenden Charakter ausstrahlten. Orientierung bot ein feiner Flageolettton im Violoncello. Allmählich kristallisierten die Musiker:innen eine aufstrebende Floskel heraus, die im Laufe des gesamten Werkes eine bedeutende Rolle einnahm. Der Komponist setzte sie als Referenz an die tonale Tradition ein und verlieh ihr unterschiedliche Aussagequalitäten. Im dritten Abschnitt entfaltete sich ein spannendes Spiel aus Motivfragmenten, die sich zu formieren versuchten, jedoch unmittelbar wieder verklangen. Auf diese Weise entstand ein zwingender musikalischer Duktus, der den Versuch, einen organischen Energiefluss in Gang zu setzen, eindrucksvoll widerspiegelte. Die eher fahle Tongebung der ineinander verzahnten Korrespondenzen zwischen den Stimmen verstärkte diesen Eindruck zusätzlich.
Einen vorwärtsstrebenden Drive entwickelte das Streichquartett im vierten Teil, in dem die charakteristische aufstrebende Geste mit zunehmendem Volumen an die Klangoberfläche gespült wurde. Eine eruptive driftende Fläche mit kurzen Kraftausbrüchen zeichnete den Finalsatz aus. Fragen ließen die Schlusspassage sowie der zweite Satz offen. Diesen verfasste Michael Amann in einem romantisch anmutenden, pastoralen Ton.

Abschließend György Kurtág

Das „Officium Breve“ in memoriam Andreae Szervánszky, op. 28 von György Kurtág öffnete einen tiefgründigen Erinnerungsraum. In diesem Jahr feiert der international gefeierte ungarische Komponist seinen 100. Geburtstag. Seine Musik verströmt einen höchst konzentrierten Ausdruck, der jeder Note und jeder Geste großes Gewicht verleiht. Der sakrale Charakter der Musik wurde durch das Ambiente des Aufführungsortes hervorragend unterstützt. Verbunden mit der intensiven Spielweise und der transparenten Linienführung des Ensemble Plus kamen die feinen Klangqualitäten und die kanonisch geführten Stimmenverläufe nuanciert zur Geltung.