Neu in den Vorarlberger Kinos: „Gaza mon amour" (Foto: Panda Film / Alamode Filmverleih)
Silvia Thurner · 05. Nov 2023 · Musik

Erfreuliche und anregende Begegnungen

Das Festival texte & töne im ORF Funkhaus hatte viel zu bieten

Das Festival texte und töne im Dornbirner Funkhaus hat Tradition. Auch in diesem Jahr warteten das Ensemble Plus unter der Leitung von Thomas Gertner, das Symphonieorchester Vorarlberg mit Xandi van Dijk am Pult sowie Jodok Lingg und „seine" Jazzband und die Autor:innen Mathias Müller, André Pilz und Ann Kathrin Ast mit vielgestaltigen Werken auf, die die Ohren spitzten und eine anregende Unterhaltung boten. Einen guten Eindruck hinterließen alle beteiligten Musiker:innen, die mit Engagement und Elan unter anderem vier Uraufführungen spielten. Der Cellist Alexey Stadler begeisterte als Solist in Gerald Reschs Werk „Drift“. Bereits am Nachmittag war das Publikumsstudio sehr gut besucht, weil der Komponist Georg Friedrich Haas mit seinen Memoiren „Durch vergiftete Zeiten“ in Vorarlberg weilte und sein Ensemblestück „…fließend…“ präsentiert wurde.

In fünf moderierten Konzerten wurde dem Publikum beim diesjährigen texte & töne-Festival vom Nachmittag bis in die Nacht hinein viel geboten. Den ersten Höhepunkt gab es sogleich am Beginn als Michaela Girardi und Miria Sailer (Vl), Guy Speyers (Va), Jessica Kuhn (Vc), Nikolaus Feinig (Kb), Anja Nowotny-Baldauf (Fl), Hauke Kohlmorgen (Klar), Bertram Brugger (Perk) und Martin Gallez (Kl) das Ensemblestück „…fließend…“ von Georg Friedrich Haas interpretierten. Obwohl die akustischen Bedingungen für die organisch sich entfaltende Musik nicht gut waren, kristallisierten die Musiker:innen den wesentlichen Aussagegehalt hervorragend heraus. Bewegungsmuster zwischen pulsierenden, sich allmählich beschleunigenden Passagen, in denen die Schwebungen wunderbar in den Klangvordergrund traten und in sich ruhende Liegeklängen den Begewegungsfluss beruhigten, begeisterten die Zuhörenden.
Die Ö1-Moderatorin Eva Teimel führte durch das Programm. An Georg Friedrich Haas richtete sie wenig inspirierte Fragen, weil sie lediglich handwerkliche, technisch-konstruktive Grundlagen seiner Kompositionsart in Erfahrung bringen wollte. Schlagfertig entgegnete der Komponist:„Vergessen Sie es. Wenn Sie eine Geige spielen, fragen Sie auch nicht aus welchem Holz sie geschnitzt ist. Das ist völlig unwichtig – Ohren auf, das passt schon.“

Herausragende Werke

Mit offenen Ohren und Sinnen erfuhren die Besucher:innen beim diesjährigen Festival zahlreiche reizvolle Hörerlebnisse. Begeisterung lösten dabei weniger die Uraufführungen aus, sondern eher Kompositionen, die die realen Klänge mit Electronics anreicherten. Allen voran faszinierte Sarah Nemtsovs Komposition „Zimmer I-III“, die das Ensemble Plus hervorragend deutete. Auch das „Streichtrio“ von Malte Giesen, in dem Allusionen an Ludwig van Beethoven von elektronischen Klängen konterkariert wurden, ließ aufhorchen.

Uraufführungen von Gerda Poppa und Wladimir Rosinskij

Im Auftrag des Ensemble Plus komponierte Gerda Poppa Werk „Sagittarius“, das im Funkhaus zur Uraufführung gelangte. Anregen ließ sich die in Röthis lebende Komponistin von Weltraumforschung und „schwarzen Löcher“. Vielversprechend wirkten in der Einleitung die ätherischen, allmählich Gestalt annehmenden Klangflächen. Alsbald dienten Morsezeichen als Muster für Rhythmen, Themenfragmente wurden beschleunigt und verlangsamt. Dies ergab, als Ganzes betrachtet, eine episodenhafte Aneinanderreihung von Ideen mit eher wenig innerem Zusammenhang. Gerda Poppas Duo „Bin Air“ spielten Lukas Nußbaumer (Saxofon) und Hauke Kohlmorgen (Klarinette) in einem kommunikativen Austausch miteinander.
Wladimir Rosinskij komponierte ebenfalls im Auftrag des Ensemble Plus. Dem kammermusikalischen Werk „Animal Insomne“ liegen Bilder des spanischen Fotografen und Malers Manuel Vilariño zugrunde. Zuerst entwickelte sich der musikalische Fluss zaghaft, doch dann gelang eine Verdichtung, in dem einerseits eine dunkle, introvertierte Atmosphäre und andererseits eine extrovertierte Spannung den musikalischen Ausdrucksgehalt bündelte.

Symphonieorchester Vorarlberg mit aussagekräftigen Werkdeutungen

Vier ganz unterschiedliche Kompositionen interpretierte das Symphonieorchester Vorarlberg unter der Leitung von Xandi van Dijk. Der energiegeladene Dirigent animierte und motivierte die Orchestermusiker:innen. Die Uraufführung der Orchesterfassung von Otto Wankes „Morphen“ weckte die Aufmerksamkeit. Wie in einem Vexierbild wurde ein Klangkontinuum entfaltet, aus dessen Textur sich allmählich Bewegungsimpulse herauslösten, bis sie sich zu einem melodischen Gedanken zusammenfügten.
Gerald Resch schrieb sein Konzert „Drift“ für den Cellistin Alexey Stadler. Der aus Russland stammende Musiker hat bereits als Solist mit dem SOV für Aufsehen gesorgt und zog mit seiner intensiven Spielart nun auch bei texte & töne die Zuhörenden in seinen Bann. Bewegungsverläufe von Wasserwellen bildeten die Grundlage für ein kommunikatives Tongeflecht, das die aufmerksamen Orchestermusiker:innen und der Solist intensiv ausbreiteten. In einem großen Gegensatz dazu stand das mitteilsame Werk „Ixesha!“ des südafrikanischen Komponisten Mokale Koapeng, der mit theatralischen musikalischen Mitteln unter anderem Kuhglocken und mitreißende Rhythmen in Szene setzte. Bezugnehmend auf den Ukrainekrieg interpretierte das SOV mit einem bewundernswert klanghomogenen Ausdruck drei Werke von Valentin Silvestrov.

Gute Text- und Lyrikbeiträge

Zwischen den musikalischen Beiträgen lasen der diesjährige Literaturpreisträger Mathias Müller sowie die Gewinnerin des Feldkircher Lyrikpreises Ann Kathrin Ast. André Pilz präsentierte seinen Text „1979“ und machte mit dem spannungsgeladenen Schluss Lust auf mehr aus seiner Feder.

Jodok Linggs Jazzband

Am Ende eines anregenden und unterhaltsamen Tages verbreitete die Performance des Werkes „Humility & Gratidute & Love“ eine lockere Clubatmosphäre. Zahlreiche Musikbegeisterte fanden sich noch zu später Stunde im Dornbirner Publikumsstudio ein, um den Trompeter Jodok Lingg, Isabella Lingg am Saxofon, das Streichquintett mit Michaela Girardi, Miria Sailer, Guy Speyers, Jessica Kuhn und Nikolaus Feinig, sowie Martin Gallez am Klavier und Martin Grabher am Drumset zu erleben. Klangsinnlich leitete Jodok Lingg sein Werk ein, indem er über Luftgeräuschen und einfachen Floskeln einen Loop kreierte und dazu improvisierte. Der erste Abschnitt lebte von der sensiblen Tongebung des Trompeters. Zum Schluss hin driftete der Klangfluss etwas unvermittelt in diffuse Passagen ab. Den Höhepunkt bildete der Mittelteil, in dem sich ein mitreißender Groove entwickelte, den unter anderem Martin Gallez und Martin Grabher mit ihren beeindruckenden Soli mitreißend ausgestalteten.
Nach der geglückten Uraufführung stellte sich bei allen Beteiligten eine ausgelassene Feierstimmung ein.

Tipp
Radio Ö1: fexte & töne zum Nachhören
Di, 12.12.23, 19:30 Uhr