Elina Duni / Rob Luft: Reaching for the Moon
Der Opener stammt aus der Feder Irving Berlins, der über Jahrzehnte hinweg die amerikanische Unterhaltungsmusik wesentlich mitgeprägt und das Great American Songbook mit unsterblichen Melodien gefüttert hat; der Closer aus jener Ornette Colemans, der als Free-Jazz-Pionier und Schöpfer der „Harmolodics“ die Hörgewohnheiten des Mainstream-Publikums mitunter hart auf die Probe stellte.
Wer den bisherigen Output der albanisch-schweizerischen Vokalistin Elina Duni kennt, der weiß, dass sie über genügend Charisma, Einfallsreichtum und gesangliche Qualitäten verfügt, um solch vordergründig disparat wirkendes Material ganz zu ihrem eigenen zu machen. Noch dazu steht ihr mit dem englischen Gitarristen Rob Luft ein ebenso kreativer wie einfühlsam agierender musikalischer Partner zur Seite, den sie von zahlreichen Duo-, aber auch Quartett-Performances (gemeinsam mit Flügelhornist Matthieu Michel und Pianist/Drummer Fred Thomas) her bestens kennt – man erinnere sich an die grandiosen ECM-Alben „Lost Ships“ (2020) und „A Time To Remember“ (2023). Berlins „Reaching for the Moon“ lässt Luft auf ätherischen Gitarrenwölkchen zur sehnsuchtsvoll dahinschmelzenden Stimme Dunis schweben, nicht weniger gefühlsträchtig zieht Colemans „Lonely Woman“ durch die einsamen, nächtlichen Straßen, um schließlich doch noch etwas beschwingter abzuheben.
In diese nächtliche Stimmungslage – und die Nacht wirkt hier nicht als etwas Bedrohliches, sondern als Ort des Zur-Ruhe-Kommens, als Auslöser besinnlicher Gedanken – werden höchst unterschiedliche Songs eingepasst. So folgt auf „Cammina Cammina“ vom 1977er Debütalbum des neapolitanischen Singer-Songwriters Pino Daniele über einen einsamen, alten Mann, der im Mondenschein im Hafen auf den erlösenden Tod wartet, das nachdenkliche Kunstlied „Les Berceaux“ des französischen Jahrhundertwende-Komponisten Gabriel Fauré. „Ani More Nuse“ ist ein schwungvolles Traditional aus dem Kosovo, „Leili Lullaby“ ein mit überschwänglich liebevollen Lobeshymnen gespicktes Wiegenlied der persischen Sängerin Mahsa Vahdat – beiden Songs verleiht die stimmlich ausdrucksstarke Duni auf der Rahmentrommel einen zusätzlichen Drive. Orientalisches Flair stellt sich beim beschwingten Love-Song „Zambaku i Prizrenit“ des albanischen Komponisten Akil Koci ein. Ein farbenreiches Soundgemälde, in dem Duni ihre Stimme rein instrumental zur Wirkung bringt, ergibt die Verschmelzung der beiden Filmmusik-Kompositionen „Yumeji’s Theme“ des japanischen Komponisten Shigeru Umebayashi und „Sleep Safe and Warm“, das der Pole Krzysztof Komeda für Roman Polanskis „Rosemary’s Baby“ geschrieben hat. In all diesen Fremdkompositionen wird Elina Dunis stilistische Vielseitigkeit deutlich, ihre Sangeskunst speist sich aus Jazz, Chanson, Folk, Singer-Songwriting und ethnischen Einflüssen. In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die Eigenkompositionen des Duos: „Foolish Flame“ würde sich auch im Œuvre Joni Mitchells nicht schlecht machen und wird von Luft auf der akustischen Gitarre gespielt, „Magnolia“ klingt nicht nur der Sprache wegen nach französischem Chanson, und „Your Arms“ ist wie die beiden anderen Eigenkompositionen ein außergewöhnliches Liebeslied, das Rob Luft – wie auf dem Album mehrfach praktiziert – mit dezent-wirkungsvoller Elektronik veredelt. Exzellentes Songmaterial unterschiedlichster Provenienz also, von zwei einzigartigen Individualisten interpretiert, die ihre musikalische Kreativität und Ausdruckskraft dank jener ganz besonderen Chemie, die zwischen ihnen herrscht, zu potenzieren verstehen. Ein Glücksfall!
(ECM/Universal)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juni 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.
Konzert-Tipp:
Elina Duni und Rob Luft im Trio mit Matthieu Michel
16.8.26, Jazzbühne Lech