Lukas Zerbst – „Ein gutes Stück Flensen“ mit Preisschild, 106,60 Euro (Foto: Karlheinz Pichler)
Sieglinde Wöhrer · 12. Feb 2025 · Literatur

Eine verdorbene Liebesgeschichte

Michael Köhlmeiers neuer Roman: „Die Verdorbenen“

Seit einigen Jahren ist Michael Köhlmeier dem Phänomen des Bösen auf der Spur. Immanuel Kant postulierte, dass das Böse ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Natur sei, Friedrich Nietzsche erklärte das Böse zu einem Konstrukt christlicher Sklavenmoral. Als Erzähler hat sich Michael Köhlmeier dem Phänomen auf seine Art und Weise angenähert. In dem soeben bei Hanser erschienenen Roman „Die Verdorbenen“ geht er der Frage nach, wie ein Mensch gleichzeitig verdorben und unschuldig sein kann.

Johann, die Hauptfigur in Michael Köhlmeiers neuem Roman, erzählt eine Geschichte, die er als Student der Germanistik und wissenschaftlichen Politik in Marburg an der Lahn Anfang der 1970er Jahre erlebt hat. Bei einem Wochenendseminar, das er leitet, lernt er ein Paar kennen, das sich seit Kindertagen kennt: Christiane und Tommi. Beide durch und durch unscheinbar. „Sie gehörten einander. Ich konnte mir nichts anderes vorstellen, als dass sie zusammenbleiben würden bis ultimo. Alle dachten genauso.“ In einer Pause machen Christiane und Johann einen kurzen Spaziergang, an den er sich kaum noch erinnert, weil alles an ihr nicht außergewöhnlich war. „Wir sind einmal um den Weiher herumgegangen, das war alles.“ Doch eine Woche später bitten ihn Christiane und Tommi um ein Gespräch. Im Lokal „Die Lokomotive“ teilt ihm die junge Studentin mit, dass sie zu ihm ziehen werde. „Sie wollte die Beziehung mit Tommi beenden und mit mir sein. Und sie meinte, ich wolle das auch.“

 Den Figuren folgen

Dieses für ihn durchaus beunruhigende Ereignis habe sich, sagt Michael Köhlmeier, genau so zugetragen. „Ich habe zum ersten Mal erfahren, dass es Menschen gibt, die so anders sind als ich. Dass sich jemand aufgrund eines einzigen Blicks nicht verliebt, aber doch zugehörig fühlen kann. Darüber habe ich mein ganzes Leben nachgedacht.“ 
In der Realität blieb es bei dem denkwürdigen Erlebnis. Anders als im Roman „Die Verdorbenen“ hatte es keine Folgen. „Beim Schreiben habe ich nun dem Ich-Erzähler überlassen, wie es weitergeht. Als Schriftsteller bin ich glücklich, wenn ich mich nicht an eine Vorgabe richten muss, sondern darauf vertrauen kann, dass mir die Figur ihre Geschichte erzählt. Natürlich habe ich einen Plan, aber wenn meine Figur etwas tut, was diesem zuwiderläuft, dann glaube ich ihr, damit sie nicht irgendwann zu mir sagt: Mach deinen Dreck allein, ich verschwinde.“

Keine Liebesgeschichte

Ohne Christiane war seine Welt weit gewesen, mit ihr wurde sie eng, konstatiert Johann im Rückblick. Sie ist die erste Liebe des verklemmten Spätzünders, und sie begegnet ihm in seinen Tagträumen als eine in ihrer Nüchternheit und Oberflächlichkeit rätselhaften Frau, die es zu ergründen gilt. Als sie ihm – Gianni, wie sie ihn nennt – zum ersten Mal sagt, dass sie ihn liebt, hat er das Gefühl, einer Theaterprobe beizuwohnen. Doch im Bett verwendet sie Worte, die ihn, der so gerne schamlos gewesen wäre, erregen. „Ich wusste nicht einmal, wie schamlos geht.“
Eigentlich habe er gedacht, dass er die Geschichte einer Liebe schreiben werde, sagt Michael Köhlmeier. Geworden sei es die einer merkwürdigen Hörigkeit, auch in sexueller Hinsicht. „Es ist eine verdorbene Liebesgeschichte. Von Beginn an ist da ein Giftpilz drinnen. Aber die Frage, in wessen Herzen er sitzt, ist nicht so einfach zu klären.“

Ein folgenschwerer Gedanke

Die verdorbene Liebesgeschichte zwischen Christiane und Johann hat ein, wenn man so will, hintergründiges Motto. Es ist ein Satz, den Johann im Alter von sechs Jahren nicht einmal ausspricht, sondern nur denkt. Auf die Frage seines Vaters, was er in seinem Leben auf jeden Fall einmal tun wolle, schießt dem behüteten Jungen wie ein fremder Pfeil eine Antwort durch den Kopf: „Ich möchte einmal einen Mann töten.“ Dieser folgenschwere Gedanke hängt wie ein Damoklesschwert über der Geschichte, er hat etwas von einem Fluch, und Michael Köhlmeier sagt: „Es ist auch die Geschichte dieses Satzes.“

Unschuldig und verdorben zugleich

Vor zwei Jahren hat Michael Köhlmeier die temporeiche Road Novel „Frankie“ geschrieben, in der von einer Initiation und der ewigen Faszination des Bösen die Rede ist. Der Roman „Die Verdorbenen“ sei gewissermaßen der zweite Teil einer Trilogie, der dritte sei bereits in Arbeit. „Eigentlich haben die Bücher nichts miteinander zu tun. Aber in allen gehe ich der Frage von Grausamkeit, Gewalt und Zerstörung nach. Es ist doch ein merkwürdiges Phänomen. Wir alle wissen, dass Gewalt und Zerstörung Gewalt und Zerstörung zur Folge haben. Warum gibt es sie dann. Oder, um es theologisch zu formulieren: Woher kommt das Böse?“ 
Michael Köhlmeier ist dieser Frage nicht analytisch, sondern in Form einer Erzählung nachgegangen und verzichtet auf jegliche Psychologisierung, was den Roman an manchen Stellen geradezu verstörend macht. „In der Theologie gibt es den Teufel für das Böse. Die Psychologie sucht rationale Erklärungen wie das Beispiel der gekränkten Seele. Aber die Seele ist eine Metapher. Niemand weiß, ob es sie überhaupt gibt. Ich glaube nicht an rationale Erklärungen für irrationale Handlungen. Als Erzähler fühle ich mich dafür auch nicht zuständig.“

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Februar 2025 erschienen.

Michael Köhlmeier: „Die Verdorbenen“, Hanser Verlag, München 2025, 160 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-446-28250-6, € 23

Lesungen:
Di, 18.2., 19.30 Uhr
Vorarlberger Landesbibliothek, Bregenz
Fr, 7.3., Buchhandlung Rösslitor, St. Gallen