María Esperanza, die einst gefeierte kolumbianische Bolero-Sängerin, begeistert auch mit 93 Jahren noch mit ihrer Stimme und ihrer Lebensfreude. (Foto: Bastian Innfeld)
Sieglinde Wöhrer · 06. Okt 2026 · Literatur

Ein Roman über die Familie

In „Mein privates Glück“ erzählt Michael Köhlmeier von seinen Erinnerungen an die Kindheit.

„Mein privates Glück“ ist Michael Köhlmeiers Roman über seine eigene Familie, gewidmet seiner Frau und Schriftstellerkollegin: „Monika“. Selbstverständlich und lebensfroh ist sie in dieses Buch mit hineingeschrieben, als Partnerin, die den Schreibprozess begleitet, als Monika, die geruchlose Träume hat und die genau weiß, warum in Entenhausen nicht gestorben wird. Und manchmal ist es auch Monikas Geschichte, die Köhlmeier in dieses Buch einbaut, dessen Erscheinen vom plötzlichen Tod der Schriftstellerin Monika Helfer am 2. August überschattet wurde. Unglücklicher hätte es den Titel kaum treffen können.

Das Leben der Eltern

Mit seinen Figuren könne er „machen, was er will“, erklärt die Romanfigur Michael Köhlmeier seinem Vater Nolde die Schriftstellerei. Mit ihm, dem Nolde, der selbst viel nachdenkt über die böse oder gute Literatur und der Jahrzehnte mit seinem eigenen Roman beschäftigt war, mit ihm spricht er über das Schreiben. Und mit seiner Mutter über Gott und die Politik.
Was sich zunächst liest wie der Anfang einer Biografie, die bei der Übergabe des vierjährigen Michaels und seiner Schwester am Bahnhof in Lindau beginnt, entpuppt sich auf den gut 300 Seiten als autofiktionale Familiengeschichte, die sich zwar um die Figur des Autors herumspannt, aber erstmal weit ausholt und dabei vom Leben der Menschen erzählt, die seit seiner frühesten Kindheit auf ihn eingewirkt haben. Da gibt es zum Beispiel neben anderen Verwandten seine Tante Helga, die den kleinen Köhlmeier fast adoptiert hätte, hätte er nicht doch noch seine Mutter und seinen Vater bekommen. Es gibt den Cousin, der wie ein kleiner Bruder für ihn war, und seine liebevolle Oma, die als möglicherweise wichtigste Bezugsperson auftaucht. Aber vor allem erzählt Köhlmeier über seine Mutter und seinen Vater und über deren Liebes- und Lebensgeschichte. Er selbst ist als Gesprächspartner immer dabei und bleibt als Erzähler und Berichterstatter doch die Nebenfigur am Rand, die in der subjektiven Wahrnehmung vielleicht vieles ausschmückt und abschwächt und die Vergangenheit einer Familie auch mit fiktiven Mitteln zu einer Geschichte zusammenfügt. Dabei erzählt Köhlmeier gemütlich dahin, bricht immer wieder aus der eigentlichen Handlung aus, bespricht manche Einzelheiten mit seiner Frau Monika oder schweift ab in kurze Märchenerzählungen und zwischendurch bleibt er auch als Erzähler mit seinen Figuren in Kontakt. Er diskutiert mit ihnen, manche lässt er mitreden, und will ihnen inhaltlich gerecht werden: „Wie wünschst du, soll ich über dich schreiben, Mama?“
Die Liebesgeschichte seiner Eltern beginnt im Krieg oder sogar wegen des Krieges, erzählt Köhlmeier. Sein Vater hat Fronturlaub, aber der Hauptmann wollte den Urlaubsschein nach Hard in Vorarlberg nicht unterschreiben, und so fährt Arnold Köhlmeier mit seinem Kameraden nach Coburg. Was wäre passiert, wenn der Hauptmann den Urlaubsschein unterschrieben hätte, beginnt der Autor ein Gedankenexperiment. „Dann gäbe es meine Schwester und mich nicht. Und die Frau, die dann nicht unsere Mutter wäre, die wäre womöglich gesund geblieben, hätte einen anderen geheiratet, hätte zwei Kinder bekommen, auch einen Buben und ein Mädchen – kann jemand beweisen, die beiden wären nicht doch wieder wir?“ Aber dann ist es doch die Initiative seiner Mutter, die ihren verschwundenen Mann sucht und findet, bevor sie weiß, dass diese Familie, die sie gründen wird, sie auch ins Unglück bringt.

Identitätssuche

Nicht chronologisch, sondern situativ und nach den Figuren geordnet wird diese Geschichte erzählt, die von der damaligen Nachkriegszeit geprägt und an politischen oder kulturellen Ereignissen verankert ist. Köhlmeier macht die Lebenserfahrungen seiner Eltern zu seinen eigenen Geschichten, die er teils dialoghaft schildert, als hätte er alles als Zeuge miterlebt. „Wie wird man der Mensch, der man ist?“ Es ist diese Frage, die den Autor umtreibt und die er immer wieder auf andere Weise zu beantworten versucht. Denn „Mein privates Glück“ ist ein Roman, in dem Köhlmeier die Identität seiner Familie und auch seine eigene hinterfragt und sie über die Persönlichkeit der Eltern entschlüsselt. Den Hang zur Literatur hat er vermutlich von beiden und vielleicht auch dieses Nachdenken über Moral und Gerechtigkeit und darüber, was den Menschen ausmacht, vor allem in einer Zeit, in der der Krieg noch auf Generationen nachwirkt. 
Passend zur Biografie des Autors ist es ein Roman, der immer wieder das Erzählen und die Art und Weise, wie Dinge erzählt werden, in den Mittelpunkt stellt, während die Erinnerungen an die Kindheit in unaufgeregten Alltagssituationen zur Sprache kommen und die komplexen Beziehungsdynamiken der Figuren auf subtile Weise deutlich werden. Es geht auch um die verschiedenen Arten der Liebe, die der Autor auf philosophische Weise an seinen Figuren beobachtet. Aber schlussendlich sind es das Unglück seiner Mutter und die Verfehlungen seines Vaters, an denen die Handlung entlanggeschrieben ist. 

Viele private Momente

„Mein Vater würde mich verurteilen, wenn er läse, was ich über ihn geschrieben habe. Und nicht nur über ihn. Über seine Frau, seine Tochter, seine Schwägerin, seinen Schwager … Am wenigsten würde ihn kümmern, was ich über meine Großmutter geschrieben habe. Die hat ihn mit ihren Märchen in diese Richtung gezerrt, würde er sich denken. – Carte blanche gab es nur im Traum.“ In dem, was Köhlmeier über ihn geschrieben hat, kommt sein Vater tatsächlich nicht gut weg, und das, obwohl Nolde sehr neutral beschrieben wird. In Köhlmeiers Geschichte ist er ein wissbegieriger und nachdenklicher Mann, der in den ersten Kriegsjahren eine ungewöhnlich intellektuelle Zeit in Paris erlebt, sich später liebevoll um seine kranke Frau kümmert und dieselbe Frau im nächsten Moment betrügt. Es geht um Moral und Gewissen, um die Selbstwahrnehmung und um private Geheimnisse, von denen Köhlmeier in seiner Rolle als Sohn erstaunlich detailreich zu berichten weiß. Aber jede dieser Figuren hat in „Mein privates Glück“ sein Päckchen zu tragen, selbst der Vater, der sich ohne Rücksicht auf Verluste sein Glück im Leben nicht aus der Hand nehmen lässt, ist nicht frei von den Sorgen. Die Hauptfigur aber ist seine Mutter Charlotte, weil fast alle Handlungen auf diese Frau, die mit ihrem Schicksal die Familie zusammenhält, zurückführen. An das erste bewusste Kennenlernen kann sich der Sohn noch erinnern. Sie liegt im Spitalsbett im Wohnzimmer, gerade noch aus dem Koma gerettet. „,Und jetzt wirst du gleich von mir erzählen, hab ich recht?‘ So flüstert mir meine Mutter über die Schulter zu. ‚Was für eine ich war, als ich noch gelebt habe.‘“

Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Oktober 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.

Michael Köhlmeier: Mein privates Glück. Hanser Verlag, München 2026, 320 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-446-28831-7, € 26,80 

Lesung: 
13.10., 19.30 Uhr
Theater Kosmos, Bregenz