Ein Lichtermeer für ein Halleluja mit Jess Jochimsen
„Es ist so schön, wenn jemand zuhört“, meinte Jess Jochimsen und bot dem Publikum im TAK Theater Liechtenstein Spekulatius-Kekse und Schokoladen-Dominosteine an. Beides wurde begeistert angenommen und schon war ein Hauch von deutscher Weihnacht im Saal verteilt. Der Freiburger Autor und Kabarettist gastierte mit seinem Programm „Vier Kerzen für ein Halleluja“ im Schaaner TAK
„Wie überstehen wir Weihnachten?“, fragte er ins Publikum und erzählte gleich ein paar Schauergeschichten, wie die vom Teddy, der schon am Weihnachtsabend zerfällt oder vom Kinobesuch mit Opa, mit dem er als Kind den Film „Bambi“ erlebte. Auf dem Heimweg überfuhr der Opa dann ein Reh. Dieses landete zuhause in der Kühltruhe und später als Rehbraten auf dem Tisch. Also ganz normale Weihnachten. Doch bevor sich das Publikum weiter in die Weihnachtszeit vertiefen durfte, führte Jess Jochimsen es erstmal tief hinein nach Deutschland. In seinem Jahresrückblick reihte er deutsche Politereignissen aneinander, das ging vom Rechtsruck bis zu den Messer-Attentaten, bei dem er als Deutscher hoffte: „Bitte lass den Täter kein Geflüchteter sein“ und dann doch resümierte: „Bei Geflüchteten gibt es auch Arschlöcher. Bei Nazis nur Arschlöcher“. Er weitete seinen Rundumblick aus und beleuchtete das Wetter ebenso wie die US-Wahl und die Coronaverschwörungen. Das plätscherte dahin und war bisweilen zu viel des Guten. Als man in Deutschland nach über 30 Jahren eine RAF-Terroristin schnappte, inzwischen Rentnerin, fragte der Künstler selbst: „Geht’s eine Nummer kleiner?“ und fügte hinzu: „Es ist so peinlich, so deutsch“.
Dieser erste Teil war für jene Zuhörer: innen in Liechtenstein, die nicht so Deutsch-politisch-erprobt sind, nicht immer einfach. Zur Erholung durften dann Urlaubs-Dias angeschaut werden, die für viel Heiterkeit sorgten. Da gab es einen Parkplatz namens „Stalingrad“, eine Ortschaft mit Namen „Oberkaka“ und ein Schild wies darauf hin, dass der Zubringerdienst ausschließlich für Bank und Friedhof gestattet ist.
Das realitätsnahe Krippenspiel
Nach der Pause kamen dann die „Kerzen für das Halleluja“ mit der Schilderung von Weihnachten zuhause bei den Eltern und dem alljährliche Krippenspiel in der Schule. Zuhause das alte Zimmer, die alten Poster, die alte Schulfreundin Melanie und die Erinnerungen an durch ein Band verbundene Handschuhe und kratzende Strumpfhosen, die jede knabenhafte Vorstellung von Männlichkeit zerstörten. Und dann das alljährliche Krippenspiel in der Schule, bei der die Besetzungsfrage existentiell war. So wenige Hauptrollen und so viele Schüler: innen. So gab es dann viele Engel, noch mehr Hirten, fünf Könige und damit auch alle anderen beschäftigt waren, fuhren alle wegen der Volkszählung mit dem Zug nach Bethlehem. Eine sehr modernisierte Fassung der Weihnachtsgeschichte! Er selbst hätte gerne die Rolle des Heiligen Geistes übernommen – er wusste als Achtjähriger schon, wie das mit dem Schwangerwerden funktioniert, das war dann aber doch zu modern, so musste er mit der Rolle des Esels vorlieb nehmen.
Die Jesuspuppe ist kaufsüchtig
Jess Jochimsen schilderte ein „realitätsnahes“ Krippenspiel, bei dem Maria sogar gebären durfte, was allerdings fatale Folgen hatte, denn ihre Jesuspuppe konnte sprechen und sagte unentwegt: „Kauf mir was“. Weihnachten als Kaufrausch! Mit der Schilderung dieses Krippenspiels löste der Künstler den Titel seines Kabarettabends ein. Das waren nicht nur vier Adventskerzen für ein Halleluja, das war ein kleines Lichtermeer für das unentrinnbare Weihnachtsfest. Mit einer Knopfharmonika vertiefte er immer wieder seine literarischen Darbierungen, mit der Gitarre spielte und sang er zum Schluss: „Leise rieselt der Schnee“. Statt der vier Fäuste von Terence Hill und Bud Spencer flackerte an diesem TAK-Abend das ironisch gebrochene Licht vieler Kerzen durch den Zuschauerraum. Der 1970 in München geborene Jess Jochimsen ist ein deutscher Weihnachtsmann der besonderen Art, der die Menschen um sich feinfühlig wahrnimmt, manchmal sentimental zurückblickt, dem es auffällt, wenn ein Seniorentreff „Zwinger“ heißt und der zum Krippenspiel resümierte: «Wenn Gott das gesehen hätte, hätte er nach fünf Minuten Allah angerufen und ihn gebeten, seinen Platz zu übernehmen“.