Ein Altmeister der historischen Aufführungspraxis
Eröffnung der Bregenzer Meisterkonzerte mit Philippe Herreweghe
Mehr als ein halbes Jahr – von Mitte Mai bis Ende November – mussten Abonnent:innen der Bregenzer Meisterkonzerte ausharren, bis die konzertfreie Durststrecke am Donnerstagabend mit der Saisoneröffnung im Festspielhaus zu Ende ging. Philippe Herreweghe, einer der großen Altmeister der historischen Aufführungspraxis, war bereits 2022 und 2023 in Bregenz zu Gast und präsentierte diesmal Werke von Ludwig van Beethoven und Luigi Cherubini.
Zum Thema Beethoven ist vielleicht noch nicht alles, aber sehr vieles bereits gesagt. Die neun Symphonien wurden und werden gespielt in großer und kleiner Orchesterbesetzung, mit modernen und historischen Instrumenten, sehr schnell oder sehr langsam, betont analytisch oder extrem romantisch. Die Bandbreite der Interpretationen großer Dirigenten wie Furtwängler, Leibowitz, Karajan, Kleiber, Bernstein, Harnoncourt, Gardiner oder Chailly ist riesig. Insbesondere die „Eroica“, Beethovens dritte Symphonie, die nach Haydn und Mozart eine ganz neue Epoche der Musikgeschichte begründet hat und bei einer Umfrage der englischen Zeitschrift „Gramophone“ unter 150 Dirigenten zur „Greatest Symphony of All Time“ gewählt wurde, kann und muss einiges aushalten und klingt trotzdem fast immer überzeugend.
Orchestrale Glanzleistung
Darum war man gespannt, was Philippe Herreweghe und sein Orchestre des Champs-Elysées zu Beethovens „Eroica“ zu sagen haben. Zunächst einmal ein Sonderlob für dieses Ensemble. Es handelt sich hier um ein Kollektiv aus Spitzenmusikern, das unter der kaum mehr vorhandenen Zeichengebung des 78-jährigen Maestros makellos zusammenspielt, gemeinsam atmet und trotz aller Tücken der historischen Instrumente durch seine perfekte Intonation beeindruckt. Besonders erwähnenswert sind die hervorragende erste Oboe mit ihren zahlreichen Soli, die drei Hörner im Trio des dritten Satzes und die markante Pauke.
Herreweghe begann den ersten Satz sehr schnell, fand allerdings nach kurzer Zeit zu einem Mainstream-Eroica-Tempo. Das blieb so bis zum Ende des Finalsatzes, da wurde in den letzten Minuten noch einmal ordentlich Gas gegeben. Das Publikum konnte eine genau gestaltete und musikalisch makellose Interpretation dieses Meisterwerkes genießen. Wie zu erwarten, fehlte es dem Orchester allerdings an Durchschlagskraft. Eine Besetzung mit zehn ersten Violinen, Streichern mit Darmsaiten und historischen Bögen sowie Blasinstrumenten aus der Beethoven-Zeit entwickelt zwar einen wunderbar durchhörbaren, feinen und silbrigen Klang, bei den großen Steigerungen dieser Symphonie fehlt es dann aber am nötigen Volumen, und der fehlende Wumms nimmt dem Werk einen Teil seiner Wirkung. So attraktiv es ist, Stars der Alten-Musik-Szene wie Jordi Savall, Christopher Hogwood oder eben Philippe Herreweghe in Bregenz zu haben, ihr Instrumentarium passt einfach nicht zur Akustik des Festspielhauses. Derartige Räume gab es zu Beethovens Zeit nicht, darum werden diese Konstellationen immer ein Kompromiss bleiben zwischen historischen Instrumenten und einem modernen Saal mit 1.700 Plätzen.
Ein Jahresgehalt
Wie immer gab es vor dem Konzert einen Einführungsvortrag von Bettina Barnay-Walser. In locker-humorvoller Art vermittelte sie den Konzertbesucher:innen interessante und nicht alltägliche Informationen zum Programm und zu den beiden Komponisten Ludwig van Beethoven und Luigi Cherubini. Auch musikalisch gebildete Menschen erfahren von Bettina Barnay-Walser immer noch Neues. Die immer wieder kolportierte Geschichte, dass Beethoven als wütende Reaktion auf Napoleons Kaiserkrönung seine ursprüngliche Widmung auf dem Titelblatt der „Eroica“ mit einem Rasiermesser entfernt und in der Folge ein Loch hinterlassen hat, könnte auch einen ganz anderen, rein praktischen Hintergrund gehabt haben. Oder dass der neue Widmungsträger, Fürst Franz Joseph von Lobkowitz, Beethoven für das exklusive Aufführungsrecht der neuen Symphonie einen Betrag von 1.000 Gulden angeboten hat, was damals dem Jahresgehalt eines österreichischen Beamten entsprach.
Nach der Pause wurde das Personal auf der Bühne um 32 Personen aufgestockt, der Chor Collegium Vocale Gent nahm hinter dem Orchester Platz. Nach der sehr bekannten „Eroica“ stand nun ein eher selten zu hörendes Werk auf dem Programm: Das Requiem in c-moll von Luigi Cherubini. Zur Zeit seiner Entstehung war Cherubinis Requiem allerdings ausgesprochen populär und wurde von Komponistenkollegen wie Brahms, Berlioz oder Schumann ausserordentlich geschätzt. Luigi Cherubini galt als bedeutender Lehrer und war viele Jahre Direktor des Pariser Konservatoriums, Beethoven hielt ihn gar für den damals größten lebenden Komponisten und hat sich dieses Requiem als Musik für sein eigenes Begräbnis gewünscht. Das hat allerdings nicht geklappt. Warum Cherubinis c-moll Requiem für Chor und Orchester (aber ohne Gesangssolisten) diese Popularität nicht bis heute konservieren konnte, wurde am Donnerstagabend evident. Das groß angelegte Chorwerk enthält viele wunderschöne, magische Teile wie das Introitus mit Celli, Fagotten und dem ganz sanft einsetzenden Chor, das schwebende Hostias oder den verhaltenen Schluss. Dann gibt es aber auch erstaunlich viele Leerläufe, die endlosen Violinfiguren im Lacrimosa etwa oder die uninspiriert klingende Fuge „Quam Olim Abrahae“. Gesungen und gespielt wurde auf höchstem Niveau, wegen der kleinen Chorbesetzung allerdings eher kammermusikalisch-schlank als klangmächtig. Es war faszinierend zu beobachten, wie 70 Musikerinnen und Musiker sich quasi selbst organisierten, da vom Dirigenten zwar musikalische Impulse ausgingen, aber wenig Hilfreiches zum Thema Zusammenspiel.
Reduzierte Zeichengebung
Philippe Herreweghes Schlagtechnik ist mit dem Wort rudimentär wohl am treffendsten beschrieben. Mit kleinen und kleinsten Handbewegungen werden musikalische Akzente oder dynamische Schattierungen suggeriert, Einsätze oder Auftakte im Rhythmus sind die Ausnahme. Das funktioniert, weil beide Ensembles seit Jahrzehnten mit ihm verbunden sind, seine musikalischen Vorstellungen und Vorlieben kennen und sich auf seine Gestik eingestellt haben. Beim Chor gab es dann doch ein paar tricky Stellen, wo man als Zuhörer kurz den Atem anhielt, aber eben nur kurz. Wie würden wohl Musiker:innen auf einen jungen, aufstrebenden Dirigenten mit Herreweghes Zeichengebung reagieren? Eine interessante Frage…
Mit diesem Programm befinden sich Philippe Herreweghe und seine beiden Ensembles derzeit auf Europatournee, Aufführungen gibt es unter anderem in Brüssel, Berlin, Hamburg, Lugano und Paris. Schön, dass sie auch in Bregenz vorbeigeschaut haben.
Das nächste Meisterkonzert in Bregenz:
Estonian National Symphony Orchestra, Simone Lamsma (Violine), Olari Elts (Leitung)
Werke von A. Pärt und J. Sibelius
Fr, 19.12., 19.30 Uhr; Einführung: 18.45 Uhr
Festspielhaus Bregenz
https://www.bregenzermeisterkonzerte.at/