Das Gefühl für die Zeit aus räumlichen Erfahrungen ableiten
Das Kunsthaus Bregenz kündigt für nächstes Jahr ein anspruchsvolles Ausstellungsprogramm an.
Thomas D. Trummer, Direktor des Kunsthauses Bregenz (KUB), erwartet für das zu Ende gehende Programmjahr 2025 mit rund 58.000 Besucher:innen einen neuen Publikumsrekord. Eine Zahl, die nächstes Jahr noch übertroffen werden könnte, denn mit Werken und Installationen von KOO JEONG A, Cyprien Gaillard und Torkwase Dyson sowie einem Sonderprojekt mit Florentina Holzinger ist eine vielversprechende neue Ausstellungssaison angesagt.
Dieser Tage weilte der Filmregisseur Wim Wenders in Bregenz, um einen Film über den KUB-Architekten Peter Zumthor sowie den Philosophen, Sozialwissenschaftler und Osteuropa-Experten Karl Schlögel, die ebenfalls in der Bodenseestadt weilten, zu drehen. Der Film soll nächstes Jahr am Internationalen Filmfestival von Venedig sowie auch im KUB gezeigt werden. Schlögel ist unter anderem bekannt für das Buch „Im Raume lesen wir die Zeit“, in dem er die Geschichte und das Gefühl für Raum, Zeit und Distanz nicht anhand abstrakter chronologischer Abläufe erzählt, sondern aufgrund von Schauplätzen, Informationssystemen und technologischen Veränderungen wie etwa städtischen Grundrissen, Fahrplänen, Adressbüchern oder dem Aufkommen von Eisenbahn, Auto und Flugzeug.
Diesen Buchtitel, den KUB-Direktor Thomas T. Trummer bei der Präsentation des Jahresprogramms 2026 mehrmals zitierte, könnte man gleichsam auch als Klammer für das nächstjährige Ausstellungsprogramm des KUB ansehen. Denn die Aufgabe, Räume zu erschließen, in denen die Welt berührbar werde, „nicht als Ware, sondern als Erfahrung“, sehe er für das KUB als zentral an, so der KUB-Direktor. Es gehe im nächsten Jahr also darum, „über den Raum mehr über die aktuelle Zeit zu erfahren“, so Trummer wörtlich.
An der Schwelle der Wahrnehmung
Den ausstellungsmäßigen Auftakt ins neue Programmjahr macht die 1967 geborene südkoreanische Künstlerin KOO JEONG A (31. Jänner bis 25. Mai), deren Arbeitsschwerpunkte in der Erschaffung von Räumen mit „Seele“ liegen sowie in der poetischen Untersuchung von Orten und der Auseinandersetzung mit den Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Nach Ansicht des KUB-Direktors leben die Installationen von KOO JEONG A „von Präsenz, Atmosphäre und verborgener Energie“. Sie beschäftige sich sehr stark mit Erscheinungen am Rande der Wahrnehmungsschwelle wie etwa Gerüchen oder Magnetstrahlen. Gerüche und viele Zeichnungen sollen denn auch Teil ihres Beitrages im KUB bilden. Grundsätzlich arbeitet die Künstlerin, die 2024 Südkorea bei der 60. Biennale in Venedig vertreten hatte, mit einer Vielzahl von Medien wie Installationen, Skulpturen, Zeichnungen, Texten, Filmen, Tonaufnahmen und eben auch Gerüchen. Vielfach bezieht sie auch taoistische und philosophische Fragen in ihr Werk ein.
Abseitiges und „Dreckiges“ im Fokus
Die daran anschließende Ausstellung (13. Juni bis 4. Oktober) widmet das KUB dem Schaffen des 1980 in Paris geborenen französischen Künstlers Cyprien Gaillard, der Skulptur, Architektur, Video, Fotografie und Soundkunst zu komplexen Werken kombiniert. Thematisch beschäftigt sich Gaillard unter anderem mit der Jugendkultur, urbanen Entwicklungen, der Wahrnehmung von Natur oder auch der Lebensformen des Modernismus, dabei aber stets auch immer mit dem „Abseitigen und Dreckigen“ (Trummer). Für seine Schau in Bregenz rückt Gaillard sogenannte „Deterrents“ (deutsch: Abschreckungsmittel) ins Zentrum, also Maßnahmen, die Menschen insbesondere im städtischen Bereich davon abhalten sollen, bestimmte Handlungen zu setzen. Typisch dafür wären etwa Absperrungen, unbequeme Sitzgelegenheiten, gezielte Beschallung mit klassischer Musik. „Damit wird der öffentliche Raum verkleinert,“ betont Trummer. Gaillard setzt sich häufig auch mit vergessenen Orten und dem Verfall von gebauter Umwelt, insbesondere von postmodernistischer Architektur auseinander. Er hinterfragt, wie Kultur und kollektives Gedächtnis im Kontext von Verfall und Transformation im digitalen Zeitalter neu verhandelt werden können. Für das KUB entwickelt Gaillard eigens eine neue filmische Produktion neben skulpturalen Interventionen, die auf das Haus und seine Architektur abgestimmt sind.
Den Raum wahrnehmen und verhandeln
Im Rahmen der dritten großen KUB-Ausstellung des nächsten Jahres ist erstmals die afro-amerikanische Künstlerin Torkwase Dyson, geboren 1973 in Chicago, mit Werken, die sich zwischen Malerei, Zeichnung, Skulptur und Installation bewegen, im Land zu sehen (17. Oktober bis 24. Jänner 2027). Dyson setzt sich im Zuge ihres Schaffens vor allem mit Fragen von Architektur, Infrastruktur und Ökologie sowie Körper und Raum auseinander. Ein besonderes Interesse gilt dabei dem Aspekt, wie „People of Color“ Raum erfahren und bewältigen, und „der Suche nach räumlichen Befreiungsstrategien aus historischer und zeitgenössischer Perspektive“ (Wikipedia).
Für das KUB hat die in Beacon (New York) lebende und arbeitende Künstlerin ein mehrteiliges Projekt geplant. In den unteren Stockwerken sollen großformatige Skulpturen, „die schwarz und schwer aussehen“ (Trummer) und damit auch etwa an Richard Serra erinnern, aber in Wirklichkeit sehr dünnwandig und fragil sind. In einem anderen Geschoß soll sich eine zwölfkanalige Klanginstallation aus Instrumentalaufnahmen und elektronischen Klängen zu einer räumlichen Collage verdichten. Und für das oberste Stockwerk seien immersive Malereien von Dyson geplant, die vom Plantagenozän inspiriert seien, lässt der KUB-Direktor wissen. Dieser Begriff stehe für die globalen Veränderungen durch große ausbeuterische Agrarbetriebe.
Performance-Projekt von Florentina Holzinger
Als spezielles „KUB-Projekt“ respektive als „Joker-Projekt“ kündigte Thomas D. Trummer für den Monat August 2026 ein neues ortsspezifisches Projekt der österreichischen Choreografin und Performancekünstlerin Florentina Holzinger an. Die Vertreterin Österreichs bei der nächstjährigen Biennale in Venedig wird in den Bregenzer Seeanlagen eine „Étude“ speziell für das Kunsthaus Bregenz entwickeln. Details nannte Trummer noch nicht, doch während Holzinger im Rahmen der nächstjährigen Biennale in die Lagune gehe, so soll in Bregenz der Bodensee eine zentrale Rolle spielen. Holzinger rückt immer wieder provokante Themen in den Vordergrund, die den menschlichen Körper als Medium nutzen und traditionelle Genre-Grenzen in Tanz, Theater und Kunst sprengen. Anhand ihres Vorgehens untersucht sie gesellschaftskritische Fragestellungen, wie etwa Weiblichkeit, Identität und Körpergrenzüberschreitungen, oft auch in einem Spektakel aus Körperlichkeit und Unterhaltung, das von männlich konnotierten Bildern wie Muskeln und Maschinen inspiriert ist.
Etwas mehr Budget
Das KUB finanziert sich großteils aus einem Landesbeitrag, der 2025 rund 3,22 Mio. Euro betrug. Dazu kamen 36.500 Euro an Ankaufsförderung des Bundes sowie Eigeneinnahmen in Höhe von etwa 850.000 Euro. Für 2026 sind für den Betrieb des Kunsthauses im Landesbudget 3,28 Mio. Euro veranschlagt. Die regulären Eintrittspreise sollen nächstes Jahr nicht erhöht werden und weiterhin bei 14 Euro bzw. 12 Euro (ermäßigt) liegen.