Lisa Schrammel als Göttin Dionysa (Foto: Dietmar Mathis)
Peter Füssl · 28. Aug 2025 · CD-Tipp

Dino Saluzzi / Jacob Young / José Saluzzi: El Viejo Caminante

Es wirkt wie ein Zauber, denn schon von den ersten Tönen an entführt uns dieses Album auf wundersame Weise in eine von Schönheit, Poesie und Melancholie geprägte Welt – weit entfernt von den Lasten und Unannehmlichkeiten des Alltags und von den äußerst unerquicklichen Katastrophen und Missständen des Weltgeschehens. Siebzig Minuten Eskapismus, die gut tun!

Dino Saluzzi war 88 Jahre alt, als er 2023 diese zwölf Titel gemeinsam mit seinem Sohn José Maria an der klassischen Gitarre und dem Norweger Jacob Young an der Telecaster und der akustischen Stahlsaiten-Gitarre in seinem Studio in Buenos Aires einspielte, aber immer noch höchst interessiert an neuen Soundkonstellationen und musikalischen Begegnungen, die „Potential für musikalisches und menschliches Wachstum“ bieten, wie er es ausdrückt. Dieser mit stilistischer Offenheit gepaarten musikalischen Neugier huldigte er schon höchst erfolgreich gemeinsam mit Künstlern wie Jon Christensen, Palle Danielsson, Enrico Rava, Palle Mikkelborg, Charlie Haden, Tomasz Stanko, John Surman oder Anja Lechner auf mehr als zwei Dutzend ECM-Alben, wobei seine Verwurzelung in der Tradition seiner Heimat, im Tango und im kammermusikalischen Jazz stets überaus präsent ist. Mit dem Opener „La Ciudad De Los Aires Buenos“ aus der Feder José Saluzzis wird die Atmosphäre des gesamten Albums festgelegt. Dino Saluzzis wundervoll schwebende, luftige, Zeitlosigkeit verströmende Bandoneon-Klänge werden von den beiden Gitarristen klangvoll, fingerfertig und geschmackvoll reduziert umgarnt, umspielt, kommentiert und in Dialoge gehüllt. Es ist höchst beeindruckend, mit welcher Sensibilität die drei uneitlen Virtuosen aufeinander eingehen, etwa bei „Tiempos De Auscencias“, das Dino Saluzzi schon 1987 auf dem Quintett-Album „Volver“ mit dem italienischen Trompeter Enrico Rava eingespielt hat (die Saiten drückte hier übrigens die früh verstorbene, österreichische Gitarren-Legende Harry Pepl). Unter den fünf Kompositionen, die Saluzzi sen. beisteuert, findet sich auch die wundervolle Ballade „Y Amo A Su Hermano“, von der es eine Trio-Version mit Wolfgang Dauner und Charlie Mariano gibt („Pas de Trois“, Mood Records, 1989). Das solistisch dargebotene, lebhafte und farbenreiche Titelstück "El Viejo Caminante" findet sich ebenso schon länger in seinem Repertoire, und „Buenos Aires 1950“ entführt mit seinem Tango-Feeling in die Anfangszeit von Saluzzis Karriere. Im weiten musikalischen Kosmos des Bandoneon-Virtuosen kommen ebenso die drei stimmungsvollen und feinsinnigen Kompositionen Jacob Youngs ganz hervorragend zur Geltung. Neben „Quiet March“ und „Old House“ findet sich auch die lebhafte Hommage an den Trio-Leader, „Dino Is Here“. Und der Norweger dürfte wohl auch „Northern Sun“ von seiner Landsfrau Karin Krog eingebracht haben, zumindest hat er das Stück mit der Vokalistin schon vor mehr als 20 Jahren eingespielt („Where Flamingos Fly“, Grappa, 2002). Dino Saluzzi macht sich die nordische Gefühlswelt ebenso zu eigen, wie den von Churchill/Morey für den Disney-Zeichentrickfilm „Snow White and the Seven Dwarfs“ (1937) geschriebenen Standard „Someday My Prince Will Come“, oder das von Sinatra über Coltrane/Hartman bis zu Paul McCartney und Bob Dylan tausendfach aufgenommene „My One and Only Love“ von Wood/Mellin. Der mittlerweile 90-jährige Dino Saluzzi nennt das Album eine „Sammlung von Musik aus verschiedenen Zeiten und Orten“ – das klingt nostalgisch. Schön, dass er uns daran teilhaben lässt!

(ECM/Universal)