Veronika Dirnhofer Ausstellung: „Connected" bis Ende März 2023 Haus BE 2226 (Lustenau)
Michael Löbl · 23. Jän 2023 · Musik

Die Wiener Symphoniker bei den Meisterkonzerten Bregenz

Es ist ein Traditionstermin der Bregenzer Meisterkonzerte. Wie jedes Jahr besuchten die Wiener Symphoniker am Freitag im Rahmen ihrer Österreichtournee die Landeshauptstadt. Im Gepäck hatten sie nicht nur die ersten beiden Symphonien von Johannes Brahms, sondern auch einen hochinteressanten spanischen Dirigenten: Pablo Heras-Casado.

Das internationale Dirigentenkarussell dreht sich eigentlich immer, zur Zeit aber besonders intensiv. Große und bedeutende Institutionen u. a. in Berlin, München oder Chicago sind auf Chefdirigentensuche – ebenso wie die Wiener Symphoniker, deren Chefsessel nach dem spontanen Weggang von Andrés Orozco-Estrada seit nun fast einem Jahr vakant ist.
In dieser Situation ist jeder Gastdirigent ein potentieller Kandidat. Kommt er mit dem Orchester klar? Stimmt die Chemie? Hat er etwas zu sagen? Hätte er überhaupt Interesse nach Wien zu kommen? Bei den meisten in Frage kommenden Dirigenten erübrigen sich diese Überlegungen, die guten sind durch Verträge bei anderen Orchestern oder Opernhäusern langfristig gebunden und die nicht so guten will man aus nachvollziehbaren Gründen nicht. In dieser Beziehung ist Pablo Heras-Casado wirklich interessant. Er dirigiert regelmäßig an allen Hotspots der Klassikszene wie Mailänder Scala, Wiener Staatsoper, Bayerischer Rundfunk, Mahler Chamber Orchestra, Freiburger Barockorchester oder die Münchner Philharmoniker. Im kommenden Sommer wird er die Bayreuther Festspiele mit Richard Wagners „Parsifal" eröffnen. Chefstelle hat er erstaunlicherweise keine, außer der eines Ersten Gastdirigenten am Teatro Real in Madrid. Das sollte also kein Hindernis sein. Darüber hinaus macht er einen überaus sympathischen Eindruck und deckt ein riesiges Repertoire vom Frühbarock bis zur Moderne ab.

 

Emotionale Grenzen

 

Einen Preis für das originellste Konzertprogramm werden die Wiener Symphoniker bei diesem Gastspiel nicht bekommen, Brahms‘ erste und zweite Symphonie an einem Abend ist ungefähr wie Schnitzel als Vorspeise und Gulasch als Hauptgang. Man mag ja beides, aber eine Suppe oder ein Salat böte mehr Abwechslung. Außerdem war das Orchester im Rahmen der Bregenzer Festspiele genau mit dieser Kombination erst im Sommer 2019 zu hören. Ebenfalls im Festspielhaus. Und dann noch der arg strapazierte Ungarische Tanz Nr. 5, ebenfalls von Brahms, als Zugabe – ein wenig mehr Originalität wäre durchaus zumutbar.

Und wie war es? Beide Symphonien wurden – wie auch nicht anders zu erwarten – ohne Fehl und Tadel interpretiert. Die große emotionale Welle schaffte es aber leider nicht aus der Orchestermuschel in den Publikumsbereich. Woran das lag? Schwer zu sagen. An Brahms sicherlich nicht. Die Wiener Symphoniker spielten an diesem Abend überraschend zurückhaltend, der Energielevel pendelte sich bei maximal zwei Stufen unter dem Maximum ein und mit 50 Streichern wäre mit Sicherheit auch mehr Sound möglich gewesen. Auch die zahlreichen Bläsersoli gelingen zwar tadellos, bleiben aber immer eingebettet in den Gesamtklang ohne „primadonnenmäßig“ hervorzutreten. Einen Gegensatz dazu bildete das von Konzertmeister Anton Sorokow klangschön gespielte Violinsolo im zweiten Satz der ersten Symphonie. Und die Vorarlberger Musikerin Anja Baldauf wurde als Einspringerin an der zweiten Flöte gesichtet. Der verzweifelte Anruf aus dem Orchesterbüro kam eine Stunde vor Konzertbeginn.

 

Aktiver Gestalter

 

Pablo Heras-Casado ist ein sehr aktiver Gestalter, er dirigiert ohne Stab und formt jede Phrase mit seinen Händen so plastisch, dass sogar Nicht-Musiker:innen verstehen müssten, was er musikalisch meint. Sein Brahms ist straff, rhythmisch akzentuiert, ohne aber den ruhigen Stellen ihren Raum zum Atmen zu nehmen. Im ersten Satz der zweiten Symphonie wird jede Phrase ausgekostet und bekommt Zeit zum Ausschwingen. Überhaupt scheint ihm die zweite Brahms näher zu sein als die erste, was schon daran erkennbar ist, dass er sie ohne Partitur dirigiert. Das Finale ist so mitreißend komponiert, dass die letzten drei Minuten alles vergessen machen, was vorher passiert ist. Da muss schon vieles schief gegangen sein, wenn das Publikum nach dem letzten D-Dur-Akkord nicht begeistert reagiert. Das ist sicherlich einer der Gründe, warum gerade diese Symphonie so beliebt ist.

Vor dem Konzert konnte man sich im Einführungsvortrag von Bettina Barnay musikalisch weiterbilden, unter anderem zum Thema „Brahms und die Frauen" mit klug ausgewählten und wirklich erhellenden Briefzitaten des Komponisten. Überhaupt ist Vorarlberg das Land der Einführungsvorträge. Robert Schneider in Dornbirn, Ulrike Neubacher in Hohenems oder eben Bettina Barnay in Bregenz – alle sind auf ihre Art hervorragend und unbedingt wert, vor dem Konzert besucht zu werden.

https://www.bregenzermeisterkonzerte.at