"Die Sterne" im Spielboden Dornbirn: Frontmann Frank Spilker und Philipp Janzen an den Drums (Foto: Stefan Hauer)
Annette Raschner · 05. Mär 2024 · Literatur

Dem Wesen der Zeit auf der Spur

Michael Hausenblas: „Der Uhrmacher und das Flüstern der Zeit“

Manchmal fügt sich das eine zum anderen und das auch noch in geglückter Art und Weise. So geschehen beim literarischen Debüt des gebürtigen Bregenzers Michael Hausenblas, in seinem Brotberuf seit 25 Jahren Redakteur der Wiener Tageszeitung „Der Standard“. Seinen allegorischen Roman „Der Uhrmacher und das Flüstern der Zeit“ bezeichnet der 54-Jährige als einen „glücklichen Unfall“. Und der ist soeben im Braumüller Verlag erschienen.

Eigentlich habe er nur eine kleine „Albernheit“, eine Kurzgeschichte schreiben wollen, sagt Michael Hausenblas. „Das Buch war dann eine eigenartige, magische Zündung verschiedener Synapsen.“ Das klingt ein bisschen geheimnisvoll, und derart ist auch die Geschichte, die Hausenblas, der in Wien mit der Krimiautorin Daniela Larcher alias Alex Beer und einem Kater namens Herr Karl lebt, in seinem Debütroman erzählt. 

Ein Hagestolz

„Der Uhrmacher Hans Held war ein Hagestolz, wie er im Buche steht.“ – Mit diesem Satz hebt das Buch an. Hagestolz, ein Begriff, heutzutage so selten wie eine vom Aussterben bedrohte Spezies. In einem Büchlein von Michael Maar habe er das Wort gelesen, es habe ihm gefallen, sagt der Autor, der auch einen schrulligen Uhrmacher persönlich kennt und Besitzer mehrerer Sanduhren ist, „weil es sich dabei um schöne und faszinierende Objekte handelt, archaisch und zeitlos oder eben nicht zeitlos.“ Und im Übrigen hänge unter seiner Wohnung in Wien ein altes Türschild, auf dem der Name Hans Held stehe. Und so fügt sich eben manchmal wie gesagt das eine zum anderen …

Ein Kampel

„Held war ein fescher Kampel, wie ein gutaussehender Mann zu Zeiten Helds in Wien genannt wurde.“ Wir schreiben das Jahr 1978 und es ist der 17 150. Tag im Leben des Uhrmachers, der allmorgendlich in seinem Geschäft im ersten Wiener Gemeindebezirk auf einem Kalender notiert, wie viele Tage sein Leben bislang zählt. Der kleine Laden, den Held von seiner verstorbenen Cousine übernommen hat, besitzt den „Charme einer Schachtel Konfekt samt einer Prise Mottenpulver“, und mit dem Besitzer verhält es sich ähnlich. Er ist ein Misanthrop und Eigenbrötler, der es sich in einem Alltag voller Rituale und selbst gewählter Ereignislosigkeit, in einer Welt von Zahlen, Ziffern und Zahnrädern gemütlich eingerichtet hat. Nein, ein gewiefter Geschäftsmann ist dieser Hans Held nicht. „Der Uhrmacher verbrachte seine Stunden am liebsten über seinen Schräubchen, Federn, Hemmungen, Tourbillons und Lünetten. Die Arbeit mit ihnen lag ihm weitaus mehr am Herzen, als Kunden an der Verkaufstheke gegenüberzustehen und angesichts deren Unschlüssigkeit die Augen zu verdrehen.“ Auch Frauen interessieren den eingefleischten Junggesellen nicht. Seine Gesellschaft besteht einzig und allein aus den zwei Nymphensittichen Unruh und Tourbillon. „Die Vögel gehörten, wie die Standuhr, das kleine Vermögen und das Geschäft zur Hinterlassenschaft der Cousine.“ Zu Mittag kehrt Held täglich im Wirtshaus „Zur frommen Gerda“ ein, am Abend ist er Stammgast in einem kleinen Lokal, um zwei Achtel vom weißen Hauswein aus der Doppelliterflasche zu trinken. „Zwei. Niemals eines und niemals drei.“ 

Wofür stehen die Sandkörner?

Held, die „Primzahl unter den Menschen“, dessen einzige Extravaganz darin besteht, in seinem täglichen Sitzbad zuhause eine Zigarre zu rauchen und ein Glas Bordeaux zu trinken, wird schließlich doch noch durchgerüttelt, bis – im wahrsten Sinne des Wortes – kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Seine Welt gerät aus den Fugen, als eines Tages eine gepflegte, betagte und sehr klein gewachsene Dame sein Geschäft betritt, um dem Uhrmacher – oder Rhabilleur, wie er an einer Stelle im Buch auch genannt wird –  eine Sanduhr zu übergeben, mit der etwas nicht stimmen würde. Auf der Unterseite der Uhr klebt ein Zettel, auf dem viele Fragen stehen: „Wie viele Sandkörner es wohl sein mögen? Hat der Sanduhrmacher sie gezählt? Wofür stehen sie? Für Zeit? Für Vergänglichkeit? Für die Sterne? Für Liebesnächte, Tränen, geleerte Weingläser, gerauchte Zigaretten, Sorgen oder Atemzüge? Finden die Augenblicke, so wichtig oder unbedeutend sie auch erscheinen mögen, Platz in einer Sanduhr? Die Sandkörner fragen nicht, ob sie rieseln sollen. Wie viel Sand wird noch durch deine Lebensuhr rinnen? Bedenke, diese lässt sich nicht umdrehen.“

Sand im Getriebe

Von nun an zeigen die Hirngespinste großen Gefallen an Hans Held, der um seinen Alltag, der ihm bislang Halt gab, zu Recht fürchtet. Ein Mysterium jagt das nächste, die Zeiten greifen wie Zahnräder ineinander. Eine Obdachlose überreicht ihm einen gefalteten Zettel eines gewissen William Faulkner; in seinem Stammlokal begegnet ihm ein Mann, der sich als Ludwig Wittgenstein ausgibt und dessen bekannten Satz zum Besten gibt: „Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.“ Ja, Held erkennt, dass ihm die Fähigkeit, in der Gegenwart zu leben, das Im-Jetzt-Sein, abhandengekommen ist. Und er beginnt, dieses „Jetzt“ aufzuspüren. Die Wüste ruft. 

Kein lautes, sondern ein feines Buch

Über die Zeit haben schon viele geschrieben, Michael Hausenblas macht es auf seine Art. „Der Uhrmacher“ ist ein stilistisch wie inhaltlich überzeugender Roman, der die Sinnhaftigkeit des Lebens und die Vergänglichkeit zum Thema hat. So klug, fein beobachtet und mit so viel Gefühl für seinen besonderen Protagonisten geschrieben, freut man sich als Leserin bereits jetzt auf hoffentlich viele Nachfolgewerke.

Dieser Artikel ist bereist in der Print-Ausgabe der KULTUR März 2024 erschienen.

Michael Hausenblas: Der Uhrmacher und das Flüstern der Zeit. Braumüller Verlag, Wien 2024, 176 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-99200-360-0, € 22,00, erscheint am 1.3.24