Tanz ist Festival (Foto: Stefan Hauer)
Dagmar und Heinz Franziska Ullmann-Bautz · 18. Okt 2026 · Theater

Das Glück im Inneren der Lawine – eine Geschichte, die bleibt

Das Vorarlberger Landestheater im Theater am Saumarkt in Feldkirch

Ein bewegender Theaterabend war am Freitag im Theater am Saumarkt in Feldkirch zu erleben. Das Vorarlberger Landestheater feierte die Uraufführung von Daniela Eggers Stück „Das Glück im Inneren der Lawine“, das die außergewöhnliche Lebensgeschichte der Vorarlbergerin Delphina Burtscher erzählt. „Andernorts“ lautet das Motto der aktuellen Spielzeit, in der sämtliche Produktionen außerhalb des wegen Umbauarbeiten geschlossenen Theaters am Kornmarkt gezeigt werden.

Die Inszenierung wurde von der ehemaligen Intendantin des Landestheaters, Stephanie Gräve, begonnen und von Regisseur Michael S. Wilhelmer fertiggestellt. Erzählt wird eine Geschichte von Aufrichtigkeit und Anstand, von Haltung, Mut und Zusammenhalt. Von Werten, die zunehmend verlorenzugehen scheinen und gerade deshalb nicht oft genug in Erinnerung gerufen werden können. „Das Glück im Inneren der Lawine“ ist ein wichtiges, sehenswertes Stück, insbesondere auch für junge Menschen. Mit einer Spieldauer von knapp 50 Minuten eignet es sich zudem hervorragend für den Besuch von Schulklassen.

Mut ohne großes Aufheben

Delphina Burtscher wurde 1926 geboren und wuchs auf einem Bergbauernhof im Großen Walsertal auf. Während des Nationalsozialismus versteckte und versorgte sie ihre beiden Brüder und ihren Verlobten, die sich dem Kriegsdienst verweigerten. Dafür wurde sie mehrere Jahre inhaftiert. Einer ihrer Brüder und ihr Verlobter wurden von der Gestapo hingerichtet.
Was von ihrer Geschichte bleibt, ist nicht nur ihr außergewöhnlicher Mut. Es ist vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sie tat, was sie für richtig hielt – ohne Pathos und offenbar ohne den Gedanken, eine Heldin zu sein. Und es ist die Kraft, mit der sie nach all den Verlusten weiterlebte.

Ein literarisches Mosaik voller Leben

Daniela Egger ist mit diesem Stück ein großartiger Text gelungen. In einem wunderbar schlichten literarischen Mosaik fängt sie die vielen Facetten dieser widerständigen Frau, ihrer Geschichte und der Zeit, in der sie lebte, ein. Ein unaufgeregter, poetischer Text, der die ganze Fülle eines Lebens spürbar macht – mit großer Empathie, Traurigkeit und Schmerz, aber auch mit Glücksmomenten und einer feinen Portion Humor.
Egger hat inzwischen eine ganz eigene, unverwechselbare dramatische Handschrift entwickelt. Sie versteht es, mit wenigen Worten viel zu erzählen, ohne zu erklären oder zu belehren. Gerade die Einfachheit ihrer Sprache verleiht dem Text seine besondere Kraft und macht ihn auch als eigenständiges literarisches Werk bemerkenswert.

Zwei Schauspielerinnen, wenige Requisiten

In einem denkbar einfachen Bühnenbild – eine Tafel, eine Leiter – erzählen und spielen Elke Maria Riedmann und Isabella Campestrini die Geschichte. Die Inszenierung verzichtet auf große Gesten und setzt auf einen zurückhaltenden, erzählerischen Stil. Elke Maria Riedmann überzeugt mit klarem, starkem Ausdruck, Präzision und Präsenz, Isabella Campestrini bringt Unbeschwertheit, Leichtigkeit und Dynamik ins Spiel. Bei der Premiere  wirkte das Zusammenspiel stellenweise noch etwas verhalten, manches schien noch nicht ganz ausgereift. Es steht zu erwarten, dass die Inszenierung mit den kommenden Aufführungen an Sicherheit gewinnt und sich ein freierer, selbstverständlicherer Spielfluss entwickelt.

Großer Applaus für eine besondere Geschichte

Mit großem Applaus bedankte sich das Publikum bei den beiden Schauspielerinnen und dem Team hinter der Produktion: bei Autorin Daniela Egger, Ausstatterin Luisa Costales Pérez-Enciso, Dramaturgin Agnes Kitzler und Regisseur Michael S. Wilhelmer. Auch Stephanie Gräve, die diese Produktion maßgeblich auf den Weg gebracht hatte, war an diesem Abend im Publikum – und damit zumindest im Saal Teil einer Premiere, an deren Entstehung sie wesentlichen Anteil hatte.