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05.02.2019 |  Peter Füssl

Steve Gunn: The Unseen In Between

Der 41-jährige, in Brooklyn lebende Gitarrist, Songwriter und Produzent Steve Gunn hat zwar ein Dutzend bemerkenswerter Alben veröffentlicht und genießt in den USA einen hervorragenden Ruf, ist aber in Europa noch am ehesten von Kurt Viles Band The Violaters her bekannt. „The Unseen In Between“ sollte ihm eigentlich nun auch diesseits des Atlantiks die längst überfällige Anerkennung bringen, denn die neun Songs überzeugen mit intelligenten Texten, er ist ein hervorragender Geschichtenerzähler und mittlerweile auch stimmlich bestens disponiert, und seine abwechslungsreiche Saitenkunst wird auf diesem Album zwar stets songdienlich eingesetzt, überrascht aber mit einer Fülle an exzellenten Details.

Ob Fingerpicking, Twang, flirrend Psychedelisches, an indische Sitarklänge Angelehntes („New Familiar“) oder offene Tunings, Gunn beherrscht alles, kennt sich in der Musikgeschichte bestens aus und bewegt sich gerade – dem meist üblichen Werdegang von Musikern entgegengesetzt – vom Experimentellen (er ist nicht nur Bob Dylan-, Bert Jansch-, Michael Chapman- und Neil Young-, sondern auch bekennender John Coltrane-Fan) in Richtung klassisches, Folk-orientiertes Singersongwritertum. Bei den Aufnahmen arbeitete zufällig gerade Dylans langjähriger Stamm-Bassist Tony Garnier eine Tür weiter und war so begeistert, dass er nicht nur spontan mit seinem Kontrabass einstieg, sondern vor allem auch Steve Gunns Selbstverständnis und Vertrauen in einen guten Song, der vielleicht nur aus drei Akkorden besteht, in entscheidendem Maße stärkte. Steve Gunn erzählt in „Vagabond“ von an den Rand gedrängten Außenseiterexistenzen, schildert in „Luciano“ das liebevolle Verhältnis eines einsamen Barbesitzers zu einem zugelaufenen Straßenkater, oder lässt sich von der Minimalkunst Walter De Marias oder den Filmen  von Agnès Varda inspirieren. Zentrales, wenn auch oft verschlüsselt serviertes Thema von „The Unseen In Between“, ist aber die neugewonnene emotionale Nähe, die Gunn über Monate hinweg zu seinem krebskranken Vater fand. Er lernte das „Unsichtbare im Zwischenbereich“ zu erahnen, denn die Lebensgeschichte des Todgeweihten war wie jene eines großen Teils von dessen Generation durch die grauenhaften Erfahrungen im Vietnamkrieg beeinflusst, die nach der Rückkehr ein nach gutbürgerlichen Maßstäben normales Leben oftmals verunmöglichten. In „Stonehurst Cowboy“, dem musikalisch reduziertesten und vielleicht intensivsten Stück des Albums, lässt Gunn diese Erinnerungen an seinen Vater aufflammen. Steve Gunn versucht nicht, mit großem Drama oder musikalischer Kraftmeierei zu überrumpeln, sondern geht genau den entgegengesetzten Weg: Er schleicht sich mit einem sensiblen Gespür für Stimmungen und hintergründiger, stets schwelender Intensität nicht nur in die Gehörgänge, sondern auch – es mag kitschig klingen, ist es aber nicht – in die Herzen.  (Matador/Beggars)

Konzert-Tipps: Steve Gunn spielt am 27.3. in der Wiener Arena und 31.3. in der Roten Fabrik in Zürich.

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