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05.09.2019 |  Peter Füssl

Enrico Rava / Joe Lovano: Roma

Obwohl sie schon seit Ewigkeiten zu den bewundernswerten Produktivkräften der internationalen Jazz-Szene zählen, sich auch schon lange kennen und gegenseitig wertschätzen, finden sich in ihren Biographien nicht allzu viele direkte musikalische Berührungspunkte. Umso spannender ist nun dieser Konzertmitschnitt vom 10. November 2018 aus dem Auditorium Parco della Musica in Rom, der eine erste gemeinsame Kurztournee des italienischen Trompeters Enrico Rava und des von sizilianischen Vorfahren abstammenden, in Cleveland geborenen und in New York lebenden Tenorsaxophonisten Joe Lovano auf eindrucksvolle Weise dokumentiert.

Beiden gemeinsam ist das vom kreativen Aspekt her äußerst ergiebige Spannungsverhältnis zwischen einer umfassenden Kenntnis der Jazztradition und dem stets präsenten Wunsch, auf möglichst unausgetretenen Pfaden musikalisches Neuland zu entdecken. Unter solchen Bedingungen fühlt sich aber auch der einfallsreiche und wendige Pianist Giovanni Guidi besonders wohl, der einstmals von Rava einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde und nun mit dem sehr erfahrenen und dynamischen Drummer Gerald Cleaver und dem vielbeschäftigten und in Jazz-Kreisen wegen seiner kraftvollen Virtuosität hoch gehandelten jungen Kontrabassisten Dezron Douglas eine hochkarätige Rhythm Section für dieses Quintett-Projekt zusammengestellt hat. Sie legen eine funkensprühende, facettenreiche und experimentierfreudige Basis für die zwischen eleganter Coolness und kraftvollem Feuer changierenden Flügelhorn-Soli Enrico Ravas, dem man es keineswegs anmerkt, dass er dieser Tage seinen 80. Geburtstag gefeiert hat. Der für seine lyrische Raffinesse bekannte Guidi zeigt sich auch von einer ungewohnt kraftvoll zupackenden Seite, und Joe Lovano schöpft die expressiven Möglichkeiten des Tenorsaxophons auf seine gewohnt beeindruckende Weise voll aus. Rava hat mit „Interiors“ und „Secrets“ zwei komplexe, mit überraschenden Wendungen gespickte Kompositionen ausgesucht, die ebenso wie Lovanos „Fort Worth“ und das eigens für dieses Projekt komponierte „Divine Timing“ allen Beteiligten viel Raum zur freien Entfaltung lassen. Als Abschluss gibt es noch ein dreiteiliges, achtzehnminütiges Medley: Zum Auftakt stellt Lovano in seinem „Drum Song“ seine Meisterschaft auf der ungarischen Tárogató, einer Art hölzernem Saxophon, unter Beweis, um sich dann zurück am Tenor mit Rava und Guidi in ausdrucksstarken Improvisationen über Coltranes „Spiritual“ auszutoben, ehe der Pianist das ekstatische Geschehen mit einer zarten und leisen Rhapsodie über Arlen/Harburgs unverwüstlichen Evergreen „Over The Rainbow“ ausklingen lässt. Schade, dass man dieses hervorragende Quintett wohl nicht mehr gemeinsam auf der Bühne sehen wird – gut, dass es so eine exzellente Tonkonserve gibt!

(ECM/Vertrieb: www.lotusrecords.at)   

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