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02.03.2021 |  Peter Füssl

Celeste: Not Your Muse

Referenzgrößen wie Amy Winehouse, Adele, Sade, Aretha Franklin oder gar Billie Holiday werden bemüht, um für die 26-jährige Celeste (bürgerlich: Celeste Epiphany Waite) die Werbetrommel zu rühren. Wäre nicht nötig, denn die bereits von der BBC als „Sound of 2020“ dekorierte, gleich auch mit dem „Rising Star Award“ der Brit Awards ausgezeichnete und nun mit dem für den Film „The Trial of The Chicago 7“ geschriebenen Song „Hear My Voice“ für den Golden Globe nominierte Sängerin, die seit zehn Jahren komponiert und veröffentlicht, hat eigentlich genügend Eigenprofil.

So ist es wenig verwunderlich, dass sich Größen wie Elton John, Michael Kiwanuka oder Avicii für die im kalifornischen Culver City geborene und in Brighton aufgewachsene Celeste begeisterten und nun ihr wegen Corona mit einem Jahr Verspätung erschienenes Debütalbum „Not Your Muse“ etwa in Großbritannien und Belgien gleich an der Charts-Spitze eingeschlagen hat. Celestes wandlungsfähige, zwischen rauem Charme, dramatischem Aufbegehren und zarter Verträumtheit changierende Stimme überzeugt durch Expressivität und emotionale Kraft. Die Retro-Soul-Schublade, in die man sie marketingtechnisch gerne steckt, erweist sich als viel zu eng. Zwar taucht Celeste tief in den Soul ein, aber als wichtigste frühe Einflüsse nennt sie selber Fitzgerald, Holiday und Franklin, was erklärt, dass Jazz-Einflüsse durchgehend präsent sind. Dazu kommen noch ein bisschen R’n’B und Pop. Um die ganze Bandbreite beurteilen zu können, empfiehlt sich wirklich der Griff zur mit 21 Songs (darunter einige exzellente Singles aus früheren Jahren) bestückten Deluxe-Edition anstelle der auf 12 Titel beschränkten Normal-Ausgabe. Es mag Ausreißer geben, die allzu gefällig oder rührselig geraten sind, die gehen aber in einer Vielzahl an elegant arrangierten oder verblüffend minimalistisch gehaltenen Nummern unter. Letztere eignen sich übrigens perfekt dazu, die Wirkung der sich um Beziehungskisten, Enttäuschungen und Selbstermächtigung handelnden Texte zu maximieren. Etwa die lässig-sanften Gitarrentöne zum Opener „Ideal Woman“, zum Titelsong „Not Your Muse“ und zu „Some Goodbyes With Hellos“, oder die unter die Haut gehende, streicherverzierte Piano-Ballade „Strange“. Zu den Highlights zählen auch die mit einem Nina Simone-Piano-Sample aufgepeppte Up-tempo-Nummer „Stop This Flame“, der stimmungsvolle Schmachtfetzen „Both Sides of The Moon“, das inbrünstig aufbegehrende „Tell Me Something I Don’t Know“ oder das lässig groovende „Love Is Back“. Klarerweise handelt es sich hier um ein Mainstream-Album, frei von jeglichem experimentellen Anspruch. Aber guter Mainstream ist auch gut.

(Polydor/Universal)  

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