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25.06.2020 |  Peter Füssl

Bob Dylan: Rough and Rowdy Ways

Auch das 39. Studioalbum in seiner bald sechzig Jahre währenden Karriere, die sich bislang in 125 Millionen verkauften Tonträgern niedergeschlagen und ihm den Literaturnobelpreis eingebracht hat, wird die beiden Lager der Dylan-Fans und Dylan-Verächter nicht miteinander versöhnen können. Denn die zehn neuen Songs, die ersten seit dem vor acht Jahren erschienenen Album „Tempest“, bringen nichts grundsätzlich Neues, vereinen aber auf sehr hohem Niveau alles, was man an dieser lebenden Legende mag oder eben nicht mag.

Seine anspielungsreichen, mäandernden Streifzüge durch die US-amerikanische Geschichte und Pop-Kultur, durch Mythen und Legenden, seine Verweise auf die Bibel und die Musen, auf Homer und Shakespeare, Whitman, Ginsberg und Kerouac, Elvis, Bowie, Beatles und Rolling Stones, Anne Frank und Indiana Jones, Marlon Brando, Jimmy Reed und Jimmie Rogers, Kennedy und Martin Luther King, Frankenstein, Marx und Freud, Beethoven und Chopin, sein Umkreisen von Themen wie Schuld und Verderben, Tod und Auferstehung, von Göttlichem, Apokalyptischem und Profanem, sein Spiel mit Identitäten und Maskeraden eröffnen ungeahnte Möglichkeiten für ein jahrelanges kulturhistorisches Puzzlespiel. Zumal praktisch alles vieldeutig, ungeklärt, rätselhaft und widersprüchlich bleibt. Trösten kann man sich mit Bob Dylans Bekenntnis in seiner Nobelpreisrede: „Dass ein Song einen bewegt, allein darauf kommt es an. Man muss nicht wissen, was er bedeutet. Ich habe in meine Songs alle möglichen Dinge hineingeschrieben. Und ich mache mir keine Gedanken darüber, was das alles bedeuten könnte.“ Dass ausgerechnet das sich jeglicher kommerzieller Norm entziehende, knapp 17 Minuten lange „Murder Most Foul“ Dylans erster Nummer 1-Hit in den Billboard Charts wurde, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Tatsächlich ist aber das 150 Verse lange Epos über den Niedergang der amerikanischen Populärkultur durch den Verlust der Seele in Anbetracht der Ermordung John F. Kennedys samt Auswirkungen in die politische Wahnsinnswelt der Gegenwart ein epochales Stück – großteils in melodischem Sprechgesang zu Piano- und Streicherklängen vorgetragen. Dylans perfekt harmonierende Tour-Band schwelgt nicht wirklich roh und ungehobelt (wie es der Albumtitel verspricht), sondern eher konzentriert im Blues („False Prophet“, „Crossing The Rubicon“), vergnügt sich mit Boogie-Rock („Goodbye Jimmy Reed“) oder becirct mit schmeichelweichen Songs wie „I’ve Made Up My Mind To Give Myself To You“ oder „Mother of Muses“. Dylans Gesang hat durch seine jahrelange Schulung am „Great American Songbook“, namentlich an seinem großen Idol Frank Sinatra, über weite Strecken an Präzision und Verständlichkeit gewonnen, manchmal grummelt und raspelt er aber auch auf seine einzigartige Weise lässig drauflos. Sein selbstironisches Statement „I’m first among equals / Second to none / Last of the best / You can bury the rest” wollen wir angesichts dieses Meisterwerkes ausnahmsweise einmal unhinterfragt so stehen lassen.

(Sony)

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