Boards of Canada: Inferno
Nach 13 Jahren selbstgewählter Schaffenspause hat das Comeback-Album „Inferno“ der schottischen Brüder Mike Sandison und Marcus Eoin Sandison, die sich als Boards of Canada mit vier Studioalben zwischen 1998 und 2013 einen hervorragenden Ruf in der Elektronik-Szene erspielt hatten, großes Aufsehen erregt. Und das nicht nur dank unkonventioneller Werbekampagnen im Vorfeld der Veröffentlichung, in deren Verlauf etwa treuen Kunden ihres Stammlabels Warp anonym unbeschriftete VHS-Kassetten mit mysteriösen Ankündigungen zugeschickt oder weltweit über Nacht in einigen Metropolen nur schwer enträtselbare Plakate aufgehängt wurden. Größtenteils stießen die 18 abwechslungsreichen, durchaus am bisherigen Oeuvre anschließenden neuen Stücke des Albums auf begeisterte Zustimmung und schossen in Australien, Belgien, den Niederlanden, Finnland, Deutschland, Irland, Japan, Neuseeland, Norwegen, in der Schweiz, Großbritannien, den USA und selbstverständlich in Schottland in die Top 10 der Charts.
Dabei spekulieren die Sandisons nicht unbedingt mit großer Massentauglichkeit, sondern ziehen ziemlich konsequent ihr musikalisches Ding durch: einen unverwechselbaren Mix aus unterschiedlichen elektronischen Genres wie Ambient, IDM (Intelligent Dance Music) mit komplexen Rhythmen und vielschichtigen Klanglandschaften, Hauntology mit Rückgriffen auf eine bewusst etwas angestaubt wirkende Klangästhetik, die das Knistern alter Kassetten oder das Rauschen alter Schallplatten gleichermaßen integriert wie Samplings und Collagen.
Da paart sich 1970-er/80-er Jahre-Ästhetik mit den vielfältigen Produktionsmöglichkeiten der Gegenwart, wobei in die Boards of Canada-typischen Synthie-Sounds immer wieder auch Gitarren und Live-Drums eingebettet wurden. Etwa in „Prophecy at 1420 MHz“ mit seinem schweren, treibenden Beat und einer verzerrt-dröhnenden Stimme, die „I am God / the ultimate resonance“ verkündet. Die verbalen Einsprengsel und Gesänge haben vielfach Bezüge zu den Mythen der Weltreligionen, natürlich auch zur Bibel. In „The Word Becomes Flesh“ schildern immer stärker verfremdete Stimmen die Entwicklung eines Embryos. In das flirrende „Age of Capricorn“ ist ein sich Gebetsmühlen-artig wiederholendes evangelikales, schließlich auch gesungenes Gebet integriert. Bei „Father And Son“ steht ein vielfach verfremdetes Zwiegespräch zu Glaubensfragen aus der Doku „The Jesus Trip“ (1971) im Zentrum. Im düsteren „Hydrogen Helium Lithium Leviathan“ verbinden die Boards of Canada Wissenschaftliches – nämlich die ersten drei Elemente im Periodensystem, die gleich nach dem Urknall entstanden sind – mit dem aus der biblischen Mythologie stammenden höllischen Seeungeheuer Leviathan. Dementsprechend schieben sich auch unterschiedlichste Klangflächen ineinander. Das dramatisch startende Naraka“ – was in verschiedenen indischen Religionen eine Art „Hölle“ bezeichnet und somit auch ein Pendant zum Albumtitel „Inferno“ ist – endet mit dem legendären Mantra „Hare Krishna, Hare Rama“. Selbst der umstrittene Großmeister des Okkulten, Aleister Crowley, wird im eine unheilvolle Atmosphäre verbreitenden „All Reasons Depart“ mit „This bloody sacrifice is the critical point of the world-ceremony of the crowned and conquering child“ zitiert. Aber Unheilvolles und Apokalyptisches machen nur eine Seite dieses in unterschiedlichsten Stimmungen und Atmosphären schwelgenden Albums aus. So schwebt „Somewhere Right Now in the Future“ auf sanften Dream-Pop-Wellen daher, und „Deep Time“ verbindet geräuschhafte Sphärenklänge mit Harfenklängen und orchestralen Einschüben. Das post-rockige, von einer Twang-Gitarre dominierte „Into the Magic Land“ entwickelt mit seinem gleichermaßen melancholischen wie coolen Sound durchaus Soundtrack-Qualitäten. Das trifft auch auf die beiden letzten Stücken des Albums zu - „You Retreat in Time and Space“ könnte auch aus David Lynchs „Twin Peaks“ stammen, und das gespenstische „I Saw Through Platonia“ rankt sich um den menschlichen Herzschlag als Taktgeber, der ganz am Schluss des Stückes und auch des Albums für sich allein stehen bleibt. Bei den durchaus überlegt agierenden, mitunter gedankenschweren und indirekt auch auf das Weltgeschehen reagierenden Boards of Canada ist das natürlich alles andere als ein Zufall. „Inferno“ zählt definitiv zu jenen Alben, die bei jedem Hördurchlauf neue Details preisgeben – sowohl musikalisch als auch inhaltlich – und auf eindrucksvolle Weise die wirren und verunsichernden Zeitläufte widerspiegelt, die unsere Gegenwart dominieren.
(Warp)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR Juli/August 2026 erschienen. Hier geht es zum E-Paper.