Nicolas Altstaedt und das Freiburger Barockorchester begeisterten in Dornbirn.
Michael Löbl · 16. Mär 2026 · Musik

Blaubarts Schmuddel-Ecke

Die Premiere von Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ am Sonntagabend im Vorarlberger Landestheater überzeugte vor allem in musikalischer Hinsicht.

Im Theater- und Opernbereich gibt es Gastspiele, Übernahmen, Eigen- und Koproduktionen. Für Musiktheaterprojekte, die ja wegen der zahlreichen Mitwirkenden immer schwieriger zu finanzieren sind, ist eine Übernahme die wahrscheinlich beste Lösung, zumindest für ein Haus ohne festes Gesangsensemble. Man kann sich die Produktion vorher ansehen und weiß genau, was man bekommt. Ab einer gewissen Entfernung der beiden Theater gibt es auch keine Überschneidungen beim Publikum. Man erspart sich die enormen Kosten für Bühnenbild, Regie und wochenlange Probezeiten, mit einem vereinbarten Fixbetrag hat man die Finanzen im Griff, kann aber dennoch durch die Verpflichtung regionaler Musiker:innen (Orchester und Chor) die heimische Szene federführend einbinden. Und es sind – im Gegensatz zu einer Koproduktion – nicht ganz so viele Köche beteiligt, die den Brei verderben könnten.

Neufassung für kleines Ensemble

Und genauso hat es jetzt das Landestheater gemacht, mit einer Oper, die ja im neuen Zweijahresrhythmus nicht geplant war, wegen der kommenden Generalsanierung des Hauses jedoch um ein Jahr vorgezogen wurde. Im Orchestergraben sitzt wie immer das Symphonieorchester Vorarlberg, Chor gibt es keinen, Bühne, Regie, Sänger:innen und Dirigent werden aus dem Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) übernommen. „Herzog Blaubarts Burg“ ist zwar Teil des Theaterabonnements, allerdings nicht – wie sonst üblich – im Abo des Symphonieorchesters Vorarlberg enthalten. Geschäftsführer Gerald Mair erklärt: „Da die Originalfassung vor drei Jahren in einer konzertanten Version in unserem Abonnementzyklus gespielt wurde, haben wir uns entschlossen, die szenische Version nicht ins Abo aufzunehmen.“ 
„Herzog Blaubarts Burg“, die einzige Oper des ungarischen Komponisten Béla Bartók, ist für sehr großes Orchester geschrieben. Um das Stück auch für kleinere Bühnen spielbar zu machen, hat der deutsche Dirigent und Komponist Eberhard Kloke eine Fassung für reduziertes Ensemble erstellt, die nun auch in Bregenz zum Einsatz kommt. Mit nur 28 Musiker:innen gelingt es Eberhard Kloke mittels geschickter Instrumentation, die Klangvorstellungen des Komponisten fast ohne Abstriche umzusetzen. Das funktionierte wunderbar, der französische Dirigent Yannis Pouspourikas hatte Orchestergraben und Bühne im Griff und das Symphonieorchster Vorarlberg setzte die anspruchsvolle Partitur mit leuchtenden Farben um. Wie immer, wenn ein Dirigent zum ersten Mal an diesem Haus arbeitet, war das Orchester im Verhältnis zur Bühne zu laut, Bartók hat diese Oper aber so genial konzipiert, dass die Sänger:innen fast nie durch die Instrumente zugedeckt wurden.

Zwei Entdeckungen

Das liegt auch an den großen und raumfüllenden Stimmen von Kateřina Hebelková und Mischa Schelomianski. Sie sind während der gesamten 70 Minuten Spieldauer auf der Bühne und bestimmen den Abend musikalisch und darstellerisch. Die tschechische Mezzosopranistin Kateřina Hebelková verfügt über eine schöne, ausdrucksvolle und fokussierte Stimme, mit der sie Judiths ständig wechselnden Seelenzustände beeindruckend umsetzt. Mischa Schelomianski ist ein schwarzer russischer Bass, stimmlich perfekt für die Rolle des Blaubarts, auch wenn er in dieser Inszenierung nicht ganz so furchteinflößend wirkt, wie es die Musik suggeriert. Beide Protagonisten gestalten ihre Partien musikalisch und szenisch großartig und sind absolute Entdeckungen für Bregenz. 
Trotz gewaltiger Vorschusslorbeeren – Kritiken aus Biel sprachen von einer „Sternstunde des Musiktheaters“ – war die szenische Umsetzung nicht ganz so schlüssig. Von Opernbesucher:innen kann man heutzutage sehr wohl eine gewisse Bereitschaft zur Abstraktion erwarten, allerdings gibt es hier Grenzen. Das Stück trägt den Titel „Herzog Blaubarts Burg“, „Herzog“ und „Burg“ können aber gleich gestrichen werden, beides kommt in Dieter Kaegis Inszenierung nicht vor. Sein Blaubart ist ein unsympathischer Freak in einer heruntergekommenen, schmuddeligen Altbauwohnung mit verrosteten Rohren, billigen Klappstühlen und einer grindigen Dusche, die als Stauraum für Blaubarts verstorbene Ehefrauen dient.

Blaubart als Kriminalfall

Bartók und sein Librettist Béla Balázs haben sehr genau beschrieben, wie die Bühne aussehen soll und welche Effekte sie sich beim Öffnen der verschiedenen Türen vorgestellt haben. Das war zu ihrer Zeit vermutlich nur schwer zu realisieren. Mit der heutigen Licht- und Bühnentechnik wäre alles problemlos umsetzbar – und dann macht man aber etwas ganz anderes. Dieter Kaegi, Regisseur und seit 2012 Intendant des Theater Orchester Biel Solothurn, sieht in der Blaubart-Legende Parallelen zur Gegenwart, genauer gesagt zum Kriminalfall Natascha Kampusch. Kaegi hat sich bei seiner Inszenierung durch die Geschichte dieser jungen Frau inspirieren lassen, die von ihrem Peiniger entführt, acht Jahre lang gefangen gehalten und so ihrer Kindheit und Jugend beraubt wurde. Kaegi ist ein Vollprofi und seine Transformation der Handlung in eine Story über Natascha Kampusch funktioniert über weite Strecken erstaunlich gut. Allerdings entstehen durch jede Verpflanzung eines alten Stoffes in die Gegenwart Diskrepanzen, die nicht wegzuleugnen sind. Hier wird im ungarischen Original gesungen, die Unstimmigkeiten wären vermutlich niemandem aufgefallen, der nicht den Text vorher studiert hat. Gnadenlos schlagen allerdings die Übertitel zu, die mittlerweile bei jeder Opernproduktion zur Standardausstattung gehören. So werden in diesem Text fünf Worte gebetsmühlenartig wiederholt: Liebe, Burg, Türen, Schlösser und Schlüssel. Und überhaupt nichts davon ist in Dieter Kaegis Deutung auf der Bühne zu sehen. Die Türen sind Schuhkartons, ein Werkzeugkasten oder ein Duschvorhang, folgerichtig fehlen auch Schlösser und Schlüssel. Judiths Liebe zu Blaubart ist schon im originalen Libretto rätselhaft, hier wird sie noch unverständlicher. Was um Himmels Willen macht ihn so anziehend? Geld kann es in dieser Version nicht sein, gutes Aussehen auch nicht. Leidet Judith an einem Helfer- oder Stockholm-Syndrom? Ist sie Blaubart doch nicht freiwillig gefolgt, sondern wird gegen ihren Willen festgehalten?
Und dann gibt es noch einen Kommissar, der zunächst einen Prolog spricht und anschließend 70 Minuten lang stumm ermittelt. Christian Manuel Oliveira glänzt in dieser Rolle, die ein wenig an den von Ulrich Mühe gespielten Stasi-Hauptmann im Film „Das Leben der Anderen“ erinnert. Wie Blaubart scheint auch der Kommissar ein Faible für alte Tonbandgeräte zu haben, beide fummeln den ganzen Abend an ihren Bandmaschinen herum.

Fehlende Größe

Natürlich kann man sagen, gerade die Spannung zwischen Original und Inszenierung macht die ganze Sache heutig und interessant. Was allerdings gegen diese These spricht, ist die Musik. Béla Bartók hat tatsächlich genau das komponiert, was im Text beschrieben wird, den mysteriösen Herzog, die schaurige, kalte Burg ohne Sonnenlicht, sieben Türen mit blutigen Inhalten, das Grauen und die ständige Angst. Oft wird Bartóks musikalische Nähe zu Claude Debussy betont, aber auch „Salome“ von Richard Strauss scheint ihn beeindruckt zu haben. Den unheilvollen langen Bläsertriller aus Salomes Schlussgesang hat Bartók jedenfalls schamlos kopiert. Wenn nun die Inszenierung etwas vollkommen anderes erzählt als die Musik, ist das schon ein Problem. Es fehlt diesem Setting schlicht und einfach an Größe, um der Musik auf Augenhöhe entgegentreten zu können. Die Inszenierung verschiebt das Bühnengeschehen auf eine trashige Ebene, die den Intentionen der beiden Autoren nicht entspricht. Ist diese Sicht altmodisch? Retro? Vielleicht. Aber wie hätten wohl Béla Bartók und sein Librettist Béla Balázs reagiert, wenn sie am Sonntagabend im Landestheater „ihren“ Blaubart gesehen hätten? Wollen wir uns das wirklich vorstellen? 

TOBS, SOV: „Herzog Blaubarts Burg“ v. Béla Bartók
weitere Vorstellungen: 19./27.3., jeweils 19.30 Uhr und 21./29.3., jeweils 17 Uhr
Vbg. Landestheater, Bregenz  

www.landestheater.org