„Wax Traders“ im Vorarlberger Landestheater: Ein wunderbar spielfreudiges Ensemble (Foto: Anja Köhler)
Fritz Jurmann · 15. Mär 2026 · Musik

Barockes Multitasking

Der ungarische Wirbelwind Bettina Simon räumte in drei Sparten bei Concerto Stella Matutina ab.

Mit einem eindrucksvollen Saisonstart in der Kulturbühne AmBach eröffnete das Barockorchester Concerto Stella Matutina am Freitag seine neue Reihe – und stellte dabei eine außergewöhnlich vielseitige Solistin in den Mittelpunkt des Abends.

Temperamentbündel

Den Verantwortlichen von CSM um Bernhard Lampert ist für den Solopart auch diesmal wieder einer jener berühmten Glücksgriffe in der internationalen Barockszene gelungen, der den vollbesetzten Saal einen Abend lang verblüffte und in Spannung hielt. Mit dem aus Ungarn gebürtigen Temperamentbündel Bettina Simon, die sich rasch und von uns bisher kaum bemerkt zu einer der erfolgreichsten und vielseitigsten Künstlerinnen ihrer Generation entwickelte, hat man punktgenau eine Solistin gewonnen, die diesem Abend ihren besonderen Glanz verlieh. Es geht dabei um nichts anderes als die heute durch den großen zeitlichen Abstand natürlich widersinnige Bezeichnung eines „barocken Multitaskings“. Sie beherrscht neben ihrem bewundernswert sicheren Koloratursopran auch die ganze Familie der Barockoboen und Blockflöten. Nach diesem Abend wusste man kaum zu entscheiden, in welcher dieser Disziplinen ihr die Palme höchster Perfektion und Ausdruckskraft gebührt.
Wie immer bei CSM basiert auch dieses klanglich-musikalische Experiment auf historischen Tatsachen, die eigentlich gar nicht so unbekannt sind und hier nachvollzogen wurden. In den vier Waisenhäusern Venedigs, allen voran im Ospedale della Pietà, wurden die begabtesten Mädchen von den angesehensten Lehrern zu professionellen Musikerinnen ausgebildet. Darunter war auch der als „prete rosso“, als rothaariger Priester bekannte Antonio Vivaldi, dessen Arbeit am Ospedale della Pietà zu einigen seiner schönsten Werke inspirierte.

Hinter Gittern

Allerdings standen die Neugierigen aus aller Welt, die diese ungewöhnliche Institution miterleben wollten, dabei vor einer natürlichen Hürde. Man hatte die Mädchen bei den Aufführungen auf eine Art Empore verbannt und sie hinter dichten Gittern verborgen, so dass sie wohl zu hören, aber nicht zu sehen waren – sehr zum Leidwesen mancher begeisterter Musikfreunde, was Cellist Thomas Platzgummer in seinen launigen Moderationen zum Gaudium der Zuhörer:innen nachzubetrauern wusste. Und bei diesen Aufführungen war es nun üblich, dass die Mädchen außer ihren Singstimmen im Chor oder solistisch auch ein oder mehrere Instrumente beherrschten.
Auf deren Spuren wandelt nun, rund 300 Jahre später, die ansehnliche Bettina Simon in Götzis AmBach – mit dem entscheidenden Unterschied, dass man sie in ihren drei gesanglichen und instrumentalen Fertigkeiten ganz ohne Gitter nicht nur hören, sondern auch sehen kann. Und das ist nicht ohne, diese zierliche junge Frau live zu erleben, perfekt in ihre elegante Abendrobe gehüllt, wie selbstverständlich, stets locker drauf und oft mit einem Lächeln für die ihr eng verbundenen Kolleg:innen des Concertos. In kammermusikalischer Besetzung, mit begrenztem Blech, Hölzern, den wendigen Streichern und Continuo, aber hoch präsent, motiviert, aber auch klanglich schlank und transparent, verführt es die Zuhörer:innen in diesen warmen, weichen Klang der historischen Spielweise, die die Vergangenheit der authentischen Klänge in unsere Zeit heraufbeschwört. 

Keine Bärenkräfte

Eine fein kontrollierte, niemals ausufernde Spielweise ist auch deswegen angebracht, weil die Solistin Bettina Simon, ihrer körperlichen Statur und Größe entsprechend, nun mal in all ihren drei Sparten über keine Bärenkräfte verfügt, ihre Mittel dafür aber gekonnt und zielsicher einsetzt. Geheimnisvoll raunend, in dunklen Tönen, lässt sie auf ihrer Altblockflöte Vivaldis Konzert „La Notte“ erstehen. Die Barockoboe gibt ihr mit ihrem aufgerauten Klang als Soloinstrument interessante Klangfarben zur Hand, lässt sie im finalen Allegro zum atemberaubenden Wirbelwind an Virtuosität werden. 
Der vokale Einsatz Bettina Simons an diesem Abend ist in vielen Facetten und Formen breit gestreut. In zartem Piano, vorsichtig die Akustik des Raumes abtastend, beginnt sie ihre ersten beiden Arien aus Opern von Vivaldi. Auch die ersten Koloraturen bleiben noch vorsichtig verhalten. Weit virtuoser dann das zweite Werk, in dem sie sich öffnet, ihre gut ausgebildete Stimme prächtig leuchten lässt. Für eine Arie von Francesco Gasparini, wie alle übrigen Kompositionen des Abends für das damalige venezianische Waisenhaus entstanden, summiert die Künstlerin dann ihre Fertigkeiten, singt den anspruchsvollen Solopart und holt sich für die zweistimmigen Zwischenspiele auf ihrer Sopranblockflöte noch die Unterstützung der Kollegin Bar Zimmermann aus dem Orchester – ein umwerfend brillantes Klangfeuerwerk!
Den „krönenden Abschluss“, wie man das heutzutage gerne nennt, bildet die in ihrer Dramatik atemberaubende Arie „Come nave in mezzo all‘onde“ aus der Oper „Siface“ von Nicola Antonio Porpora, die alles Vorherige nochmals in den Schatten stellt. Und damit wird Bettina Simon auch zum umjubelten Star dieses besonderen Abends und verhilft Concerto Stella Matutina zu einem gelungenen Saisonstart. Die aufgewühlten Seelen der Zuhörer:innen kommen erst durch ein gemeinsam gesungenes „Lamento della Ninfa“ von Claudio Monteverdi als Zugabe zur Ruhe.

Sendetermine bei Radio Vorarlberg: Mo, 27. April, Mo, 4. Mai, jeweils 21.03 Uhr

2. Konzert der Abo-Reihe von Concerto Stella Matutina – „Das Erbe Gabrielis“
(Solist: Frithjof Smith, Zink)          
Fr, 17. und Sa, 18.4., 19.30 Uhr
Kulturbühne AmBach, Götzis