Bezau Beatz 2024 – die „Good Hope“-Edition – Tage 1 und 2
20 Bands an vier Tagen machen die Bregenzerwälder Metropole zum Jazz- und Impro-Mekka
Die 17. Ausgabe der Bezau Beatz vom 8. bis 11. August, die wie immer Musiker:innen aus aller Welt und Fans des experimentellen Jazz und der freien Improvisation vorwiegend aus dem deutschsprachigen Raum nach Bezau lockten, stand unter einem ganz besonderen Stern. Denn Bezau Beatz-Mastermind Alfred Vogel war im Frühjahr schwer an akuter Leukämie erkrankt und schwebte viele Wochen in Lebensgefahr, konnte nun aber in seiner emotionsgeladenen Eröffnungsrede Entwarnung geben: das Jahr habe für ihn wie ein Albtraum begonnen, zwei Tage vor Festival-Beginn habe er nun aber nach einer wichtigen Untersuchung den Befund bekommen, dass keinerlei bösartige Zellen mehr nachweisbar seien. Klarerweise machten sich umgehend Erleichterung und unbeschreibliche Freude in der immer umfangreicher werdenden „Bezau Beatz“-Familie breit. Vogels Drummer-Kollege Valentin Schuster, von der eigenwilligen Formation Edi Nulz her bestens bekannt, hatte sich während der schlimmsten Krise spontan bereit erklärt, das bereits programmierte Festival organisatorisch endgültig auf Schiene zu bringen. So war es nur folgerichtig, dass die beiden abwechslungsweise durch das auch heuer wieder ungemein reichhaltige Programm führten.
Tag 1: Von Breezy Mumble Jazz über Alma Tree/Bob Moses und Sylvain Darrifourc zu Leïla Martial & Valentin Ceccaldi
Das Schöne an den Bezau Beatz sind die praktisch auf der Tagesordnung stehenden Überraschungen – zum Beispiel Breezy Mumble Jazz. Vier junge Musiker aus verschiedenen Städten Deutschlands, die nur wenige im durchaus bewanderten Publikum kannten, legten beim Eröffnungskonzert im Hotel Post dermaßen fetzig und unbekümmert drauflos, dass es eine wahre Freude war. Tenorsaxophonist Victor Breezy Fox und Altsaxophonist Asger Nissen schmiegten sich mit kraftvollen Linien aneinander, duellierten sich, explodierten in ungestümen Ausbrüchen und konnten sich stets auf die packende rhythmische Unterstützung von Dummer Jan-Einar Groh und Bassist Tobias Fröhlich verlassen. Sie starteten mitten am Nachmittag bei brütender Hitze mit einem Elan und einer Spielfreude, wie man es sonst bestenfalls knapp vor Mitternacht erleben darf. Songtitel auf dem im letzten Jahr bei Alfred Vogels Boomslang Records erschienenen Album „Mumble Jazz!“ wie „Warne Marsh stole ma licks/Kiss ma scars“, „Babe you lookin‘ peng!!!“ oder „6nitch9ine (6in9ine Disstrack)“ zeugten von Witz, die ultracoolen Ansagen von Victor Breezy Fox lockerten die Stimmung ebenso auf – der ideale Festival-Auftakt!
Figers Kunstschmiede gab mit seinen Werkbänken und Werkzeugen einen stimmigen Rahmen ab für die mit unzähligen Perkussionsutensilien ausgestatteten Schlagzeuger/Perkussionisten Pedro Melo Alves und Vasco Trilla. Sie firmieren unter dem Namen Alma Tree und hatten mit Ra Kalam Bob Moses eine schillernde Legende der Drummer-Gilde als Trio-Partner dabei – kennengelernt hatte man sich übrigens zu Corona-Zeiten via Internet. Die drei zauberten ein ganzes Universum an Klängen und Geräuschen, die sie gefühlvoll ineinander verwoben. Gefochten wurde vorwiegend mit feiner Klinge und unkonventionellen Ideen. So standen etwa vor Trilla zwei riesige Kesselpauken, die praktisch nur als vibrierende Unterlage für zahlreiche kleine Gongs, Becken und anderen Krimskrams dienten oder mit einem Schlauch beblasen wurden. Moses, der in den letzten 60 Jahren mit Rahsaan Roland Kirk, Michael Gibbs, Steve Kuhn, Larry Coryell, Gary Burton, Pat Metheny, Dave Liebman und unzähligen anderen aufgenommen hat, wirkte sehr verinnerlicht und setzte seine Akzente nur sehr dezent. Der Auftritt gewann an Intensität, als João Pedro Brandão, Camila Nebbia und Andreas Broger die freien Improvisationen mit ausgefallenen Saxophontönen befeuerten.
Nicht weniger überraschend war dann das Sylvain Darrifourcq MILESDAVISQUINTET!, da der in Bezau bestens bekannte französische Drummer mit dem Namen seines Projekts bewusst in die Irre führt, um auf die Mechanismen von Werbung und Marketing aufmerksam zu machen. Merke: Nicht überall, wo Miles Davis draufsteht, ist auch Miles Davis drinnen. Dennoch überzeugten Darrifourcq, Xavier Camarasa am präparierten Klavier, Valentin Ceccaldi am Cello, Émilie Škrijelj am Akkordeon und Michael Thieke an der Klarinette mit ihrem außergewöhnlichen Sounderforschungskonzept, das weit mehr begeisterte, als es die x-te Hommage an Miles vermocht hätte. „Wir möchten die Rückkehr unseres Freundes Alfred ins Leben feiern. Es ist weniger ein Konzert, als eher eine Zeit-Erfahrung. Wir wollen die Zeit dehnen, ihr könnt dabei ja ein Nickerchen machen“, erkärte Darrifourcq einleitend. In der Tat spielte dann keine:r der Beteiligten im fünfzig Minuten dauernden Stück sein Instrument im „klassischen“ Sinn, vielmehr produzierten alle geräuschhafte, minimalistische, sich wiederholende Mikropassagen, die sich von Zeit zu Zeit und von Instrument zu Instrument ein bisschen verschoben, wodurch sich immer wieder völlig neue Soundbilder ergaben. Sylvain Darrifourcq nennt die Prinzipien dahinter „Wiederholung der Klanggeste, Mechanisierung der wiederholten Klanggeste, polyrhythmische Wiederholung und zeitliche Desynchronisation“ – was immer das heißen mag, für ein Nickerchen war es jedenfalls viel zu spannend.
Das außergewöhnlich kreative und virtuose Duo Leïla Martial & Valentin Ceccaldi riss dann das Publikum endgültig zu Begeisterungsstürmen hin. Ceccaldi, der in der Vorband gerade noch sein Cello mit minimalen Patterns gefüttert hatte, ließ sein Instrument nun in all seiner „klassischen“ Klangvielfalt explodieren und war somit der ideale Partner für die stimmlich mit wirklich allen Wassern gewaschene Martial, die ihren genialen Vocals-Mix zwischen Klassik, Chanson, Jazz und Avantgarde auch noch humorvoll theatralisch aufpeppte. Zwei, die alle Möglichkeiten ausloteten: von Manuel De Fallas „Asturia“, über John Lennons „Oh My Love“ bis zu einer 15-minütigen, bunt schillernden und mit Bibelzitaten gespickten Eigenkomposition zu Hieronymus Boschs „Der Garten der Lüste“. Für mich einer der Höhepunkte des Festivals.
Für die Unermüdlichen wurden jeden Abend im Hotel Post noch „Late Beatz“ geboten. Den Auftakt bestritten Chris Dahlgren an Viola Da Gamba und Gitarre sowie Irma Vogel an Gitarre und Bass mit einem Singer-Songwriter-Programm, zu dem beide Eigenkompositionen beisteuerten. Der mit experimenteller Musik bekannt gewordene, in Berlin lebende New Yorker hat bei früheren Bezau Beatz auch schon mit seinem Singer-Songwriter-Projekt Dhalgren begeistert, und wen wundert’s, dass Alfred Vogels Tochter durchaus über ein beachtenswertes Potential verfügt? Ein netter Ausklang mit Gin Tonic.
Tag 2: Von Motusneu über Reza Askari „Roar“ zu Vincente/Dikeman/Edwards/Drake und KUU!
Motusneu nennen sich Altsaxophonist Bruno Angeloni, Kontrabassisst Stephan Deller und Schlagzeuger Steffen Roth, sie eröffneten am Freitag in der Kunstschmiede Figer den zweiten Festivaltag. Das Trio aus Leipzig schöpfte 40 Minuten ohne Pause energiegeladen aus einem breiten Fundus an freien Improvisationen, die auch als eine Art Soundtrack für eine sich im Umbruch befindliche Welt verstanden werden wollen. Frei improvisierte Musik habe im 20. bzw. 21. Jahrhundert auch mit Protest zu tun. Als Musiker hinterfrage er nicht nur sich selbst, sondern auch die Gesellschaft. In diesen Zeiten sei es ganz wichtig, solche Festivals wie die „Bezau Beatz“ zu veranstalten und zu schauen, dass immer mehr Leute dazukommen und in diesem Sinne mitmachen, so Drummer Roth.
In der wunderschönen, mit alten Fresken geschmückten Kirche Reuthe begaben sich dann die finnische Sängerin Josefiina Vannesluoma und der costa-ricanische Bassist Kenneth Jimenez auf individuelle Erkundungen tonaler Grenzen. Imaginäre Gesprächsfetzen zu rasant gezupften Bassläufen, kehlige Stimmband-Akrobatik, die an samische Traditionen oder an Sainkho Namtchylak erinnerte, sehr leise und diffizile Zwiegespräche mit dem gestrichenen Kontrabass. Da stellte sich die Frage: Extrem Zeitgenössisches oder völlig Zeitloses? Eigentlich egal ...
Das Trio Reza Askari „Roar“ des in Köln lebenden iranisch-stämmigen Bassisten mit Stefan Karl Schmid an Klarinette und Tenorsaxophon und Fabian Arends am Schlagzeug besteht schon seit 2012 und wurde vor drei Jahren um den Vibraphonisten Christopher Dell zum Quartett erweitert. Vor wenigen Monaten erst erschien bei Boomslang Records das aktuelle Album „Zen World Cables“. In Askaris Musik trifft Komponiertes auf Improvisiertes, Impulsiv-Kraftvolles auf Meditativ-Suchendes, Abstraktes auf Harmonisch-Melodiöses – eine spannende musikalische Achterbahnfahrt.
Ebenfalls im Hotel Post konnten Interessierte beim Drummers Talk den Erzählungen und Überlegungen einiger der beim Festival anwesenden Schlagzeuger wie Sylvain Darrifourcq, Pedro Melo Alves und natürlich Alfred Vogel lauschen.
Luis Vicente / John Dikeman / John Edwards / Hamid Drake – was sich in der Ankündigung wie ein Gipfeltreffen erstklassiger Improvisationsmusiker las, hielt auch selbst den kühnsten Erwartungen locker stand. Der portugiesische Trompeter, der in Amsterdam lebende US-amerikanische Saxophonist und der britische Bassist spielten erstmals gemeinsam mit dem absoluten Weltklasse-Drummer aus Chicago, in dessen Biographie Namen wie Don Cherry, Jim Pepper, William Parker, David Murray, Peter Brötzmann, Bill Laswell, Wadada Leo Smith und unzählige andere zu finden sind. Sie starteten sofort furios drauflos, die Bläser bliesen aus voller Lunge, der Kontrabass gab gleich einmal den Geist auf und musste durch einen teilweise punk-mäßig gezupften E-Bass ersetzt werden, Drake trommelte Hochenergetisches. In den Berserk-Sound streuten sie kurze Zitate ein, mit der Zeit wandelte sich der Gestus ins Hymnische, wie man es anno dazumal vielleicht auch in Lester Bowie’s Brass Fantasy hören hätte können, bis schließlich nur noch Atemluftgeräusche, einzelne Bass-Zupfer und Percussion-Geplänkel zu hören waren. Besonders reizvoll war aber auch ein eigens inkludierter Teil, in dem Hamid Drake sang und Rahmentrommel spielte und so die Remise kurz einmal in ein schamanistisches Zentrum verwandelte.
Nach der klassischen Ausfahrt mit dem Wälderbähnle von Bezau nach Bersbuch, vom prominenten Architekten-Duo Innauer-Matt DJ-mäßig beschallt, folgte gleich der nächste musikalische Höhepunkt in der Remise.
KUU! nennt sich das Berliner All-Star-Quartett mit der aus Serbien stammenden Sängerin und Schauspielerin Jelena Kuljić, dem Finnen Kalle Kalima und Frank Möbus an den Gitarren, sowie Christian Lillinger an den Drums. Dieser erwies sich klarerweise als Idealbesetzung, um diesen explosiven Mix aus experimentellem Jazz, Avant-Rock und Post-Punk mit seinem kraftvoll-sensiblen Dauertrommelfeuerwerk gnadenlos voranzutreiben. Kalima übernahm manchmal auch die Bass-Funktion, wenn er nicht gerade seine Gitarre einfallsreich und eigenwillig mit jener seines Saiten-Kumpels verzahnte und so den passenden Soundtrack zu Kuljićs Vokal-Eskapaden erschuf. Die pendelte permanent zwischen vielschichtigem Gesang, Spoken-Word-Artigem und elektronisch unterstütztem, vokalem Wahnsinn. Sie ist auch für die gesellschaftspolitisch relevanten Texte zuständig, in denen es um Themen wie Machtausübung, Implementieren von Ängsten, Zwang, Kontrolle, Paranoia, Verschwörungstheorien oder Fake-News geht – nachzuhören auf den genialen Alben „Lampedusa Lullaby“ und „Artificial Sheep“. Aber auch vom längst vergriffenen Erstlingswerk „Sex gegen Essen“ aus dem Jahr 2013 spielten sie einen Song, nämlich „Talking To Little Birdies“. Wahrscheinlich war der auch 2012 schon zu hören, als KUU! zum ersten Mal bei den „Bezau Beatz“ spielten, damals noch open-air auf dem Dorfplatz. Nach dem letzten Song „Miss Stress“ vom aktuellen Album gab es gleich auch noch eine Zugabe: „Uns muss man nicht lange betteln“ meinte Kuljić lachend. Man hätte gebettelt, da bin ich mir sicher ...
Den Ausklang bestritten dann im Hotel Post Bobo & Behaja mit ihrem französisch-madagassischen Quintett und der in den 1970-er Jahren entstandenen Tanzmusik Tsapiky – auf Dauer nicht sonderlich abwechslungsreich und für westliche Menschen auch gar nicht so einfach zu tanzen. Den Tanzfreaks hat es aber trotzdem gefallen.