Avishai Cohen: „Ashes to Gold“
Er wolle für anstehende Plattenaufnahmen prinzipiell nicht auf bereits älteres Material zurückgreifen, sondern sich immer von den aktuellen Ereignissen inspirieren lassen, erklärte der israelische Trompeter Avishai Cohen anlässlich seines vor zwei Jahren veröffentlichten Albums „Naked Truth“, mit dem er in intensiven Stimmungsbildern seine während der Corona-Pandemie gemachten Erfahrungen aufarbeitete. Schon für das 2017 veröffentlichte „Cross My Palm With Silver“ spielten das aufgeheizte politische Klima in Israel und die hoffnungslos verworrene Konfliktsituation im Nahen Osten eine wesentliche Rolle, aber während der Vorbereitungen zum aktuellen Album im letzten Herbst brach der schreckliche Terrorangriff der Hamas auf Israel mit einer Vehemenz und Grausamkeit herein, wie man sie nicht erahnen konnte. Cohen, der vor fünf Jahren von New York nach Tel Aviv zurückgezogen ist, schrieb einen wesentlichen Teil der Musik innerhalb einer Woche „als die Verrücktheit dieses Krieges in vollem Gange war, Raketen über meinen Kopf flogen und Sirenen aufheulten“.
Wenig verwunderlich ähnelt die fünfteilige Suite „Ashes to Gold“ einer äußerst intensiven Achterbahnfahrt der Gefühle, die von Cohen mit seinen Langzeit-Kollegen Yonathan Avishai am Piano, Barak Mori am Kontrabass und Ziv Ravitz an den Drums konzentriert und mit großem Einfühlungsvermögen musikalisch umgesetzt wird. Im nachdenklichen Auftakt lässt Cohen – ungewohnter Weise auf der Flöte –, von seinen Kollegen in schönster kammermusikalischer Manier unterstützt, ein traumhaft friedliches Wolkenkuckucksheim entstehen, das rasch von aufgewühlteren, aber noch optimistischen Tönen auf der Trompete abgelöst wird. Nach rund dreieinhalb Minuten donnert erstmals mit einem düsteren Klavierakkord drohendes Unheil ins sich immer nervöser entwickelnde musikalische Geschehen, das bald vor Intensität zu bersten scheint, was besonders dank der spieltechnisch alle Raffinessen ausschöpfenden, ungemein expressiven Trompete total unter die Haut geht. Ein tiefes gestrichenes Solo auf dem Kontrabass wirkt am Ende des ersten Teiles wie ein düsteres Fragezeichen, das im zweiten Teil in einer mit ekstatischen Trompetentönen getoppten, unterschwellig spannungsgeladenen, melancholischen Nachdenklichkeit eine Antwort findet. Im meditativen dritten Teil legt Cohen über die von Kontrabass und Klavier zart ausgeführte Grundierung ein wundervoll lyrisches Solo, Teil VI startet mit einer alle Emotionen auslotenden Klangexkursion des Pianisten, zu der sich eine wehklagende Flöte gesellt. Der zehneinhalb Minuten dauernde, fünfte Teil der Suite wird von Yonathan Avishai mit einer eindrucksvoll perlenden Klangkaskade eröffnet, die mit einer in höchsten Lagen sirenenhaft tremolierenden Trompete zu einem gespenstischen Höhepunkt führt, schließlich aber in einer kraftvollen, eigentümlichen Schönheit erstrahlt, die von einer ungemein ausdrucksstarken, unbegleiteten Trompete übernommen und zu einem nachdenklichen, aber durchaus hoffungsvollen Finale geführt wird. Avishai Cohen, der sich sonst gerne von seinen Mitspielern improvisierender Weise überraschen lässt, hat bei dieser Suite alles bis ins kleinste Detail festgelegt – das furchtbare, menschenverachtende Kriegsgeschehen im Nahen Osten, das dem halbstündigen Stück den emotionalen Stempel aufdrückt, lässt wohl keine Zufälle zu. Der Titel „Ashes to Gold“ verweist übrigens auf die alte japanische Reparaturmethode Kintsugi, bei der zerbrochene Keramikfragmente mittels einer mit Goldpulver versetzten Kittmasse zu einem schönen, neuen, goldenen Gegenstand zusammengesetzt werden. Das spiegelt wohl auch die optimistische Wunschvorstellung des Musikers für eine Lösung des schon unendlich lange andauernden und derzeit in einem fatalen Stadium befindlichen Nahostkonflikts wider. Trotz aller Hoffnungslosigkeit tut Hoffnung – und sei sie auch nur musikalischer Natur – gut.
Es kann nicht ganz einfach gewesen sein, auf diese geniale Komposition etwas Passendes folgen zu lassen. Avishai Cohen hat sich für seine oftmals bei Konzerten intonierte Quartett-Version des Adagio assai aus dem Klavierkonzert in G-Dur von Maurice Ravel entschieden. Der Trompeter ist schon lange von diesem Stück fasziniert, weil es ihm – Mozart und Saint-Saëns, Jazz, Spirituals und baskische Volksmusik integrierend – mit seinem transkulturellen Ansatz zukunftsweisend erscheint. Während der Covid-Zeiten zählte es speziell in der Version von Martha Argerich zu seinen täglichen Begleitern, und dass Cohen es mit der legendären Klassikpianistin bei einem Konzert in Hamburg gemeinsam intonieren durfte, bezeichnet er als einen der Höhepunkte in seinem musikalischen Leben. All diese Gedankenschwere wirkt sich auf den Hörgenuss dieses intensiven Albums keineswegs negativ aus – der Gesamteindruck ist weder düster noch niedergeschlagen oder gar verzweifelt, vielmehr wird angesichts der tragischen Verhältnisse wohl ein kraftvolles sich Aufbäumen in Schönheit kommuniziert. Diesen Eindruck bekräftigt auch „The Seventh“, der Closer des Albums, den die Band rund um eine wundervoll ins Ohr gehende Melodie aus der Feder von Cohens Teenager-Tochter Amalia arrangiert hat. Für mich ein heißer Anwärter auf das Album des Jahres!
(ECM/Universal)
Dieser Artikel ist bereits in der Print-Ausgabe der KULTUR November 2024 erschienen.