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26.01.2015 |  Karlheinz Pichler

Wolle – geklebt, nicht gestrickt

Mit Herdplattenobjekten oder maschinell hergestellten Strickbildern ist die 1952 in Schwerte geborene deutsche Künstlerin Rosemarie Trockel berühmt geworden. Ihre große Werkschau im Kunsthaus Bregenz bestückt sie fast durchgängig mit neuen Arbeiten, die teils direkt vor Ort und in Zusammenarbeit mit Vorarlberger Textilhandwerkern entstanden sind.

Rosemarie Trockel zimmert seit Ende der 1970er-Jahre unaufhaltsam an einem Werk, das von Zeichnungen, zwei- und dreidimensionalen Bild- und Materialcollagen, Objekten, Installationen, Strickbildern und Keramiken genauso gespeist wird wie von Videos, Möbeln, Kleidungsstücken und Büchern. Mit einem fast unerschöpflichen Reservoire an Materialien und Medien befragt und hinterfragt sie überlieferte Familienstrukturen, gesellschaftliche Rollenverhältnisse und unverrückbare Lebensmuster. Scheinbar festgefahrene Formen weicht sie auf, bewusste Inhalte erhalten einen unbewussten Kontext. Auch das Kunstsystem, in dem lange Zeit kein Platz für Frauen war, bekommt sein Fett ab. Generell geht Trockels Kunst vom Subjektiven und einer persönlichen Prägung aus, die man als Mensch erfährt, und wenn man eine Frau ist, eben als Frau. Aber ihre weibliche Perspektive reicht weit über die feministische Geste hinaus.

Visuelles Tagebuch


Der Trockel-Parcour im KUB beginnt im ersten Stock mit 80 Printarbeiten, deren Betonrahmen den von Peter Zumthor entworfenen architektonischen Raum des Kunsthauses zitieren. Die Bildmotive dieser Prints hat die rheinländische Künstlerin teils gefunden oder selbst fotografiert. Es sind Modefotografien, Werbesujets oder Zeitungsausschnitte darunter, aber auch Fotos, die die Künstlerin von Freunden gemacht hat. Schnappschüsse hängen neben Inszenierungen. Es ist ein visuelles Poesiealbum der Künstlerin, das bildlich vom Alltagschaos geflutet wird. Unter den Fotoprints auf Alubond befindet sich auch eine Persiflage auf den Marlboro-Mann aus der Zigarettenwerbung. Der Cowboy-Hut, den er aufgesetzt hat, besteht aus Pelz. Wobei der Pelz wie ein Weichspüler wirkt. Er entschärft und macht den Mann weicher oder weiblicher. Womit man mit etwas Phantasie auch eine Verbindungslinie zum Ausstellungstitel herstellen könnte: “Märzôschnee ûnd Wiebôrweh sand am Môargô niana më”. Was frei übersetzt soviel bedeutet wie: “Neuschnee im März und Frauenschmerz sind am nächsten Morgen wieder weg”.

Auch bei diesen Prints geht es also immer wieder auch um weibliche Befindlichkeiten und das Umstülpen von Erwartungshaltungen und Rollenklischees. Trockels Gegenbilder sind immer wieder frech und subversiv. Etwa wenn die Frau durch eine schlechtsitzende, liebestötende wollene Strumpfhose dargestellt wird, Oder wenn eine Künstlerfreundin, die gerade entbunden hat, breitbeinig in die Kamera starrt. Auch der ehemalige deutsche Fußballstar mit der Rückennummer 10, Günter Netzer, ist in einem Porträt zu sehen. Allerdings quer gelegt und von einem samtig-verschleiernden Lila überzogen. Netzer ist ein großer Kunstsammler. Trockel hat ihn über ihre Galerie kennengelernt und ist mit ihm befreundet.

Trockels visuelles Tagebuch besteht teils aus absurden Bildern und Bildcollagen. Die Lust am Schauen ist hier wichtiger als irgendwelches theoretisches Vorwissen. In den Bildern und anhand der Bildtitel gibt es auch Kurioses zu lesen: „A man without a straw-hat“,  „Bordellchef zersägt sich selbst“, „The same procedure as every year“.

Streifenbilder aus geklebter Wolle


Die bereits zu Ikonen der neuen Kunstgeschichte gewordenen Serien von gemusterten Skimasken und Pullovern, deren Motive von Playboy Bunnys bis hin zu Hakenkreuzen oder Hammer und Sichel reichen, ließ Trockel seinerzeit industriell fertigen. Mit dem Stricken nutzte Trockel eine seit Jahrhunderten als „typisch weiblich“ konnotierte Technik, um sie gesellschaftskritisch einzusetzen und genau die Rollenmuster zu hinterfragen, die sich mit Hand- und Heimarbeit verbinden.

Im zweiten Stock des KUB sind aber nun nicht mehr diese klassischen Strickbilder zu sehen, sondern bunte Streifenbilder aus geklebter Wolle. Das klassische „Heimchen“, das an langen Winterabenden zu Hause vor dem Ofen sitzt und strickt, hat sich weiterentwickelt. Die traditionell weibliche Tätigkeit der Handarbiet wird mit einem Male zu einer Geste der radikalen abstrakten Malerei. Mit den auf Leinwand geklebten Wollfäden setzt Trockel einen Beitrag zur Malereigeschichte ohne Malerei. Natürlich nicht ohne sich ein wenig über männliche Künstlerkollegen wie etwa Gerhard Richter oder Daniel Buren lustig zu machen, die immer wieder notorisch Farbstreifen auf Bildträger setzen.

Auf die Bilderflut im ersten Stock und die schrille Buntheit der geklebten Wollbilder folgt die minimalistische Reduktion der Möblierung. Trockel hat in der einen Hälfte des zweiten Stocks Sofas aneinandergereiht, die zum Sitzen und Entspannen einladen, bis man bemerkt, dass es sich um Skulpturen aus Stahl handelt. Der  Sehnsucht nach gemütlicher Entspannung wird der Boden unter den Füßen weggezogen. Das Sinnbild trauter Bequemlichkeit wird von der Künstlerin beinhart entfunktionalisiert.

Wälderin in sexy geschlitzter Tracht


Im dritten Ausstellungsgeschoss schließlich sind die Ergebnisse einer Zusammenarbeit Trockels mit Textilhandwerkern des Bregenzerwaldes zu sehen. Im Zentrum hier die lebensgroße Figur „The Critic“, die auf den ersten Blick wie eine Wälderin in typisch schwarz gefälteter Tracht daherkommt. Jedoch ist der Rock hinten sexy geschlitzt, und der Oberkörper mit schusssicherer Weste geschützt und behängt mit archaischen Schutzamuletten. Als Hut trägt die Frau, deren Haar in überdimensionierte Lockenwickler gelegt ist, einen Topf, der gefüllt ist mit den Trophäen für die von ihr erlegten Jäger in Form prächtiger Gamsbärte. Von diesem Teil der Ausstellung leitet sich denn auch der Ausstellungstitel im eigentlichen Sinne ab, denn er gibt eine alte, im Bregenzerwald übliche Redewendung wieder.

In diesem dritten Stockwerk sind zudem auch Wandobjekte zu sehen, die wie Abformungen aus Gips erscheinen. Tatsächlich aber sind es Abgüsse von unterschiedlich Fleischigem aus weiß glasierter Keramik.

Für ihre ironisch-provokative, bizarre bis groteske Kunst ist die Documenta- und Biennale-Teilnehmerin Rosemarie Trockel mit Auszeichnungen bedacht worden, die vom Goslarer Kaiserring über  den Bochumer Peter-Weiss-Preis bis hin zum hoch dotierten Zürcher Roswitha-Haftmann-Preis reichen. Vom Ausstellungsgeschehen hat Rosemarie Trockel, die derzeit nach Gerhard Richter und Bruce Naumann auf Platz drei des „Kunst-Kompasses“ mit den weltweit wichtigsten Künstlern rangiert, derzeit offenbar genug. Eine große Museumsausstellung wolle sie erst wieder in sieben Jahre zu ihrem siebzigsten Geburtstag wieder machen.

Rosemarie Trockel 
"Märzôschnee ûnd Wiebôrweh sand am Môargô niana më"

Kunsthaus Bregenz
Bis 6. 4. 2015
Di-So 10-18, Do 10-21
www.kunsthaus-bregenz.at

Rosemarie Trockel: Copy me, 2012 (Stahlguss, Plastik)

Rosemarie Trockel: Copy me, 2012 (Stahlguss, Plastik)

Rosemarie Trockel: Blick in die Ausstellung

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Rosemarie Trockel: The Critic, 2015, Mixed Media

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Rosemarie Trockel: Avelange 3, Keramik glasiert, 2014

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Rosemarie Trockel: Ausstellungsansicht

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Rosemarie Trockel: O-Ton, Mixed Media, 2014 (alle Fotos: Karlheinz Pichler)

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  • Rosemarie Trockel: Copy me, 2012 (Stahlguss, Plastik) Rosemarie Trockel: Copy me, 2012 (Stahlguss, Plastik)
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