„handverlesen“ ist ein interdisziplinäres Projekt des Theater Mutante, welches die Wichtigkeit des Handwerker:innen-Berufs in den Fokus rückt. © Theater Mutante
Karlheinz Pichler · 27. Nov 2022 · Ausstellung

Vor der Vorfreude die Nachfreude – KUB-Bilanz 2022 und Vorschau auf 2023

Aus Kostengründen gibt es im Kunsthaus Bregenz (KUB) im kommenden Jahr statt der üblichen vier nur drei große Einzelausstellungen zu sehen. Dafür wird noch ein Sonderprojekt von Valie Export eingeschoben und auch einige haustechnische Vorhaben sollen umgesetzt werden.

Bei der Präsentation des nächstjährigen Programmes meinte KUB-Chef Thomas T. Trummer, dass er zuerst über die „Nachfreude“ über das zu Ende gehende Jahr berichten wolle, bevor er zur „Vorfreude“ auf das neue Programmjahr komme. Die Nachfreude betraf vor allem die Werkschauen zu Otobong Nkanga, Dora Budor, Jordan Wolfson und Anna Boghiguian, die nicht zuletzt wegen ihrer zeitbezogenen Aktualität vom Publikum äußerst positiv aufgenommen worden seien. Bis Ende dieses Jahres werden über 55.000 Besucher zu verzeichnen sein, was rund doppelt so viel ist, wie während der Pandemie-Jahre 2020 und 2021, als es auch zu Schließungen des Hauses gekommen ist. Mit der erwarteten Zahl liegt man aber auch über den Jahren vor der Pandemie (2018 lag die Besucherzahl bei 51.581, 2019 bei 53.645). Besonders hervor hob Trummer das Engagement des KUB im Umfeld der diesjährigen Biennale in Venedig. Das KUB präsentierte als Teil seines 25-Jahr-Jubiläums in der historischen „Scuola di San Pasquale“ im Stadtteil Castello Installationen von Otobong Nkanga und Anna Boghiguian. Letztere zeigte hier erstmals ihr monumentales Werk „The Chess Game“, das in einer zwischenzeitlich erweiterten finalen Form gegenwärtig in Bregenz zu sehen ist. Allein zur Eröffnung dieser Ausstellung in Venedig seien über 700 Leute gekommen, so Trummer.
Davon abgesehen habe man anfangs 2022 mit der interaktiven Architekturtour ein großes Projekt mit dem Filmemacher Christoph Skofic abschließen können. Trummer: „Der virtuelle Rundgang ermöglicht es Besucherinnen und Besuchern, online alle Bereiche des leeren Zumthor-Baues zu erkunden und bietet einzigartige Einblicke in die Architektur und Entstehungsgeschichte des Gebäudes.“ Zudem sei im Zuge dieser Zusammenarbeit auch der Architekturfilm „Concrete Dreams – Places. Light. Surfaces“ entstanden.       

Umstieg auf LED-Beleuchtungssystem reduziert Stromverbrauch massiv        

Aufgrund der hohen Nachfrage, aber auch wegen der schwierigen Budget-Frage verlängert das KUB die am 31. Oktober gestartete Personale „Period of Change“ der ägyptisch-armenischen Künstlerin Anna Boghiguian (KULTUR berichtete in der Printausgabe Oktober) bis 20. Februar 2023.       
Dass es beim KUB, so wie auch beim vorarlberg museum und dem Landestheater, zur Streichung einer Produktion kommen werde, hat bereits letzte Woche der Geschäftsführer der Vorarlberger Kulturhäuser-Betriebsgesellschaft (Kuges), Werner Döring, bekannt gegeben. Denn zwar wird das Kulturbudget des Landes 2023 um knapp drei Prozent erhöht, aber im Vergleich zur Inflationsrate entspricht dies einem realen Minus von 7 Prozent.      
Wobei das KUB selber durch Energiesparmaßnahmen die Budget-Reduktion etwas abfedern kann. Denn im kommenden Jahr wird das Beleuchtungssystem im Kunsthaus Bregenz zum ersten Mal seit seiner Errichtung vor über 25 Jahren umfassend erneuert. Konkret ersetzt das Team der KUB-Haustechnik von 20. Februar bis 30. März 2023 im gesamten Gebäude die bisherigen Leuchtmittel durch LEDs. Allein in den vier oberirdischen Geschossen werden den Angaben zufolge 660 Lampen neu bestückt, dazu kommen die Leuchtkörper in den Fluchtwegen und Untergeschossen. Dank dieser Maßnahmen gelinge es dem KUB, künftig 75 Prozent des bisherigen Stromverbrauchs im Beleuchtungssystem einzusparen, sagt Trummer. Und seit September 2022 seien auch zwei neue Wärmepumpen im Einsatz, die gemeinsam mit der Kollektormauer im Untergrund Teil eines sogenannten „bauteilaktivierten Systems“ seien. Eine feinjustierbare Steuerung der Wärmeverteilung sei dadurch möglich. Mit einem ausgeklügelten Speichersystem und durch effizienten Wärmeaustausch könne nun sichergestellt werden, dass in den Ausstellungsräumen das gesamte Jahr hindurch optimale Bedingungen für die ausgestellten Kunstwerke herrschten. Die ebenfalls erneuerte Gasheizung sei in Zukunft nur noch bei extremen Wintertemperaturen für das Verwaltungsgebäude im Einsatz.      

Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me         

Leer bleibt das KUB während des Beleuchtungstausches aber nicht. So baut die 1940 geborene oberösterreichische Künstlerin Valie Export, die bereits 2011 im KUB eine Personale ausgerichtet bekam, im Erdgeschoss eine Installation mit Orgelpfeifen auf, die die Linzer Wallfahrtskirche am Pöstlingsberg ausgemustert und der Künstlerin geschenkt hat (4.3. bis 10.4.2023). Aus diesen Pfeifen ist ein Arrangement von Charles Mingus' Lied "Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me" zu hören. Der Song entstand in den 1960er Jahren in der Hochphase des Kalten Kriegs und ist aus Sicht des KUB-Direktors heute aktueller denn je. "Es ist ein Wagnis! Wenn jemand das tun kann, dann das KUB", konstatierte dazu Thomas D. Trummer. Gerade auch in der aktuell schwierigen Zeit sei es wichtig, dass das Haus offen bleibe. So sollen denn auch während der Umbautätigkeiten in den oberen Stockwerken Architekturführungen angeboten werden.       

Von Öl, Feigenbaumrinden und Federn        

Ab 22. April und bis 2. Juli wird dann mit Monira Al Qadiri eine der wichtigsten Künstlerinnen der Golfregion im Zumthor-Bau gezeigt. Bekannt ist die 1983 in Senegal geborene und in Kuwait aufgewachsene Al Qadiri vor allem durch ihre Videos und Skulpturen, die sich speziell mit Öl und der Abhängigkeit des modernen Lebens von fossilen Energien auseinandersetzt. In Bregenz präsentiert sie unter anderem Bohrköpfe, die mit Autolacken überzogen wurden und die wie Schmuckstücke aus einer Schatzkammer oder futuristische Sprengsätze aussehen, sowie Glasvögel, die aussehen, als ob sie aus einem Öl-verseuchten Meer geborgen worden seien.     
Die Sommerausstellung (25.7. bis 29.10.) bestreitet der britisch-kenianische Maler Michael Armitage. Trummer bezeichnet den 1984 in Nairobi geborenen Künstler als "einen der wichtigsten Maler der Gegenwart". Als Motivgrundlagen dienen dem Künstler Stammesrituale, Werbetafeln und vor allem auch politische Ereignisse. Armitage vermische europäische Maltraditionen mit ostafrikanischer Kunst und verwende Rinde eines ugandischen Feigenbaums als Malgrund. In seinen Bildern finde sich viel Lyrisches, "in den Details aber auch Leid, Kampf, Brutalität", so der KUB-Chef.     
Den künstlerischen Schlusspunkt im KUB setzt nächstes Jahr die 1961 im brasilianischen Ferres geborene Künstlerin Solange Pessoa. Die heute in Belo Horizonte lebende Südamerikanern beschäftigt sich in ihren Werken vor allem mit der Natur, die sie als schöpferisches Prinzip versteht. Bei der Venedig Biennale 2022 legte sie Specksteinskulpturen in einen Garten am Ausgang der Arsenale an, die uralte, archetypische Formen wie prähistorische Steinzeichnungen und Muschelfossile beschworen. Im KUB erwarten uns „Wände voller Federn und Kristalle", kündigte Trummer an. Aber auch er selbst wisse noch nicht, was denn da genau komme.      

Finanzierung       

Im nun zu Ende gehen Jahr belief sich der Beitrag des Landes an das KUB auf 2,78 Mio. Euro, dazu kamen 36.500 Euro Galerienförderung. Diese Beträge werden für das neue Jahr im Rahmen der dreiprozentigen Budget-Erhöhung für die Kuges entsprechend aufgestockt. An Eigeneinnahmen erwirtschaftete das KUB rund 700.000 Euro, was einem Anteil von rund 25 Prozent entspricht. Auch diese Einnahmen sollten 2023 steigen, hebt das KUB doch die Eintrittspreise um rund 10 Prozent an.