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30.11.2017 |  Karlheinz Pichler

Poetische und tragikomische Kommentare zu gesellschaftlichen Abläufen - Lorenzo Scotto di Luzio bei Kunst Meran

Die Werke des 1972 geborenen und seit zehn Jahren in Berlin lebenden und arbeitenden italienischen Künstlers Lorenzo Scotto di Luzio sind vielfach als ironische, spöttische, skurrile, mitunter auch sehr poetische und tragikomische Kommentare zu den alltäglichen gesellschaftlichen Abläufen zu lesen. Mit oft einfachsten, kargen, beiläufigen Materialien, die er aus dem ursprünglichen Causalzusammenhang herausreißt, schafft der aufmerksame Beobachter sozialer Prozesse kuriose Objekte und verweist damit auf die typischen großen und kleinen Schwächen des Homo Sapiens.

Erster Blickfang in seiner aktuellen Ausstellung „In bocca a te ogni cosa muore“ (Alles, was du in den Mund nimmst, ist zum Sterben verurteilt) bei Kunst Meran, die von Christiane Rekade kuratiert wird, ist die raumgreifende Installation „Spartifilia“. Ausrangierte oder gefundene Gegenstände wie etwa Ziegelsteine, Plastikkübel, Tennisschläger, Autoreifenfelgen oder Sonnenschirmständer hat er hier mit Hilfe von Besenstielen, Stangen, Holzstöcken sowie Ketten und Seilen zu einer Art „Leitsystem“ verknüpft, das den Besucher durch den Raum lotst. Üblicherweise kommen solche Systeme in den Security-Zonen von Flughäfen oder vor Konzerthallen und Museen zum Einsatz, um die Menschenschlangen zu koordinieren und unter Kontrolle zu halten. Genau auf solche Kontrollmechanismen und sozialen Zwänge spielt der Künstler mit „Spartifilia“ an. Mit harmlosen, weggeworfenen Dingen macht Di Luzio den Zwang zur Ordnung für die Besucher hautnah erfahrbar.

Die Realität ist aus kalten Objekten gemacht

Die Verwendung von alltäglichen Materialien, denen in seinen Werken jedoch eine ganz andere Bedeutung eingeschrieben wird, ist für den italienischen Künstler bezeichnend. Di Luzio: “Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir täglich mit Bildern bombardiert werden. Wenn wir die Gegenstände von ihrer Wirkung trennen, wird man sich bewusst, dass die Realität aus kalten Objekten gemacht ist: Aus Bankkarten, Supermärkten und Einkaufstüten. Ich sehe es als einen Akt der Ehrlichkeit, wenn ich diese Dinge in meine eigene poetische Welt integriere.“

Mit dem Ausstellungstitel weist Di Luzio darauf hin, dass es heute vielfach Usus ist, Informationen unreflektiert und ohne sie tatsächlich zu verstehen weiterzugeben, etwa über die sozialen Netzwerke. Davon zeugt in der Ausstellung auch die Skulptur „Hello Flower“: Ein überdimensionaler silberner Kopf, der auf einem dünnen Hals hin und her wackelt, schleudert dem Besucher unentwegt dasselbe sinnlose Lied entgegen und erinnert damit auch an die stupiden Sprechpuppen in den Kinderzimmern.

Das Doppelbödige in der Zeichnung


Ein besonderer Schwerpunkt wird in der Ausstellung auf die Zeichnung gelegt, die Lorenzo Scotto di Luzio ein ständiger Wegbegleiter ist. Auch diese Arbeiten sind doppelbödig. Es gibt immer eine lustige, skurrile Seite, die aber jeweils von einer beängstigenden Ebene unterlaufen wird. Typisch für die großformatigen Tempera- und Kohlezeichnungen etwa „Benino“. Dem schlafenden, harmlosen, unschuldigen Hirten neapolitanischer Krippendarstellungen hängt Di Luzio einen Knüppel an den Gürtel und symbolisiert damit das männliche Machtgehabe.

In eine ähnliche Kerbe schlägt eine weitere Werkgruppe: Fotos von Gesichtern, die der Künstler aus der Zuckermasse geformt hat, aus der Konditoren Meringue herstellen. Eine pastellfarbene, fröhliche Patisserie zeigt seltsam verzerrte, bunte Gesichter.

Lorenzo Scotto di Luzio: Spartifila, 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht - Ausschnitt (Fotos: Karlheinz Pichler)

Lorenzo Scotto di Luzio: Spartifila, 2017, verschiedene Materialien, Installationsansicht - Ausschnitt (Fotos: Karlheinz Pichler)

Lorenzo Scotto di Luzio: Spartifila, 2017, versch. Materialien, Installationsdetail

Lorenzo Scotto di Luzio: Spartifila, 2017, versch. Materialien, Installationsdetail

Lorenzo Scotto di Luzio: Hello Flower, 2017

Lorenzo Scotto di Luzio: Hello Flower, 2017

Lorenzo Scotto di Luzio: Senza Titolo, 2017, Fotografie

Lorenzo Scotto di Luzio: Senza Titolo, 2017, Fotografie

Lorenzo Scotto di Luzio: Benino, 2017, Holzkohle auf Papier

Lorenzo Scotto di Luzio: Benino, 2017, Holzkohle auf Papier

Lorenzo Scotto di Luzio: Poliziotto, 2012, Holzkohle auf Papier

Lorenzo Scotto di Luzio: Poliziotto, 2012, Holzkohle auf Papier

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